Ende Mai sitzt Collien Fernandes für ein Interview mit der Zeitschrift „Brigitte“ (gehört wie diese Redaktion zur FUNKE Mediengruppe) in einem Hamburger Studio. Die Moderatorin und Schauspielerin kommt mit einer kleinen Tasche, trinkt einen Schluck Red Bull und redet dann zwei Stunden lang fast ohne Pause. Sie ist aufgewühlt, manchmal kommen ihr die Tränen. Der Grund: Wenige Wochen zuvor hatte sie im „Spiegel“ ihren Ex-Mann Christian Ulmen öffentlich beschuldigt, hinter Fake-Profilen zu stecken, über die jemand in ihrem Namen vermeintliche Sexvideos verschickt hatte. Seitdem hat sich ihr Leben verändert.

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Die bundesweiten Solidaritätsdemos, Debatten im Bundestag und in vielen Familien, aber auch die Hasswelle gegen sie: Fernandes hatte das in diesem Ausmaß nicht erwartet. Der „Brigitte“ sagt sie, sie sei noch sehr damit beschäftigt, alles zu verarbeiten.

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Collien Fernandes erhielt Morddrohungen nach „Spiegel“-Berichterstattung

Zunächst hatte Fernandes fast ausschließlich positives Feedback bekommen, vor allem von Frauen, die ihr von eigenen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt schrieben. Das änderte sich, als die Anwälte ihres Ex-Mannes ein erstes Statement veröffentlichten. Darin hieß es, ihr Mandant habe keine Deepfake-Videos von ihr hergestellt und verbreitet. Eine Behauptung, die laut Fernandes im „Spiegel“-Bericht ohnehin nie aufgestellt worden war. Trotzdem hieß es danach in vielen Medien, er widerspreche ihren Vorwürfen. Ein rechter Blog behauptete, sie lüge, und der Hass eskalierte. Fernandes erhielt Morddrohungen.

Die Lage spitzte sich weiter zu, als Ulmens Anwälte erklärten, das Verfahren in Spanien sei ausgesetzt worden, weil Fernandes eine notarielle Erklärung nicht abgegeben habe. Eine Gerichtssprecherin widersprach dieser Darstellung auf Pressenachfrage. Die Kanzlei räumte später einen Fehler ein.

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Körperverletzung und digitale Gewalt: Justiz prüft Ermittlungen

Spanien erklärte sich schließlich für den Fall als nicht zuständig. Er liegt nun bei der Staatsanwaltschaft Potsdam, die ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung eingeleitet hat. Ob auch wegen digitaler Gewalt ermittelt wird, prüft die Behörde noch. Fernandes zeigte sich gegenüber der „Brigitte“ fassungslos darüber, dass das deutsche Recht offenbar nicht wisse, wie es einen Fall einordnen solle, bei dem jemand im Namen seiner Frau Fake-Profile erstellt und pornografische Videos verschickt.

Auf die Frage, ob sie anderen Betroffenen zu einer Anzeige raten würde, kann Fernandes aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen keine eindeutige Antwort geben. Das Justizsystem sei schlecht aufgestellt, der Umgang mit Opfern unsensibel, die Gesetze lückenhaft. In Berlin etwa werde gerade mal in drei Prozent aller Fälle häuslicher Gewalt ein Strafbefehl erlassen, so Fernandes.

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Hunderte Frauen schreiben Fernandes täglich von eigenen Gewalterfahrungen

Trotzdem hat Fernandes einen klaren Antrieb. Täglich erreichen sie bis zu 400 Nachrichten von Frauen, die eigene Gewalterfahrungen teilen. Oft liest sie diese Nachrichten nachts, wenn sie nicht schlafen kann, und schreibt zurück. „Ich renne jetzt nicht mehr allein durch mein Wohnzimmer und denke mir: Das kann doch alles gar nicht sein! Sondern wir sind nun gemeinsam wütend und fassungslos und rennen durch unsere Wohnzimmer, aber eben auch auf Demos, weil wir finden: Es reicht. Es brodelt gerade überall im Land. Und wir brauchen diese Wut. Denn ohne sie verändert sich nichts“, sagte sie der „Brigitte“.

Den Gesetzentwurf von Justizministerin Stefanie Hubig (SPD), der zwei Jahre Freiheitsstrafe für solche Taten vorsieht, hält sie für unzureichend. Manche Täter drangsalierten ihre Opfer zehn Jahre oder länger.

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Collien Fernandes kann ihrem Ex-Mann nicht verzeihen

Auch den Blickwinkel auf Täter will sie verschieben. In einem der wenigen ehrlichen Gespräche mit ihrem Ex-Mann, so berichtete sie der „Brigitte“, habe er erklärt, er habe das „Mann/Frau-Verhältnis“ in der Beziehung wieder geraderücken wollen. Sie sei in Bereiche vorgedrungen, die eigentlich ihm gehörten. Aus einem Besitzdenken heraus. Fernandes ist überzeugt: „Wir sind da kein Einzelfall.“

Verzeihen kommt für sie nicht mehr infrage. „Wenn ich heute ein Bild von ihm sehe, muss ich seine Augen zudecken“, sagte Fernandes im „Brigitte“-Interview. Schöne Erinnerungen an die Beziehung ließen sich für sie nicht mehr von dem trennen, was sie im Nachhinein erfahren habe.

Für ihr jahrelanges Engagement gegen Deepfake-Pornografie und sexualisierte Gewalt erhält Fernandes beim diesjährigen Brigitte Award am 8. Oktober einen Sonderpreis.

Christian Ulmen wollte sich auf Anfrage der „Brigitte“ zu den Vorwürfen nicht äußern.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war die Rede davon, dass das Oberlandesgericht Hamburg die Veröffentlichung im „Spiegel“ als teilweise rechtmäßig und angemessen eingestuft hätte. Diese Sachlage ist mit der Entscheidung am Dienstag, 23. 06, veraltet (AZ: 7 W 72/26) und daher aus dem Text entfernt worden.

Zur Berichterstattung im Fall Fernandes

Gegen Christian Ulmen stehen schwere Vorwürfe im Raum. Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes hat Ulmen in Spanien angezeigt, wegen mutmaßlicher Vortäuschung einer Identität, Verletzung von Geheimnissen, Beleidigung mit öffentlicher Verbreitung, fortgesetzter Misshandlung und schwerer Bedrohung. Um die Erstellung von Deepfake-Pornos ging es dabei ausdrücklich nicht. Die spanische Justiz hat die Strafanzeige von Collien Fernandes an Deutschland abgegeben. Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt derweil wegen Vorwürfen häuslicher Gewalt gegen Christian Ulmen.

Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Der Schauspieler weist die Vorwürfe zurück. Das Landgericht Hamburg hat Anfang Mai einen Großteil der im März erschienenen „Spiegel“-Berichterstattung für zulässig erklärt. Fernandes hatte darin die Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann öffentlich gemacht. Im Juni urteilte auch das Hanseatische Oberlandesgericht, der „Spiegel“ dürfe weiter über die Gewaltvorwürfe berichten.