Eigentlich hätte die Idee, die im Parlament in Tokio immer wieder diskutiert worden ist, das ganze Land in Erleichterung durchatmen lassen sollen. Denn wo, wenn nicht hier, müsste ein Schritt wie der gerade beschlossene in eine sicherere Zukunft deuten: In Japan soll fortan die Last der Hauptstadt nicht mehr allein auf Tokio liegen. Zumindest dann nicht, wenn Tokio damit überfordert wäre, was in einem immer wieder von Naturkatastrophen heimgesuchten Land als realistisches Szenario gilt.

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Vergangenen Freitag ebnete Japan nach langen Diskussionen den Weg für Historisches: eine „zweite Hauptstadt“, wie der Beschluss in nationalen Medien immer wieder mit Anführungszeichen benannt wird. Konkret regelt das neue Gesetz, dass die nationale Regierung eine andere Region als Tokio zur Alternativhauptstadt machen kann. Dies soll auch der hohen und steigenden Konzentration von Menschen und Institutionen in Tokio entgegenwirken, die schon lange als Problem gilt – in vielerlei Hinsicht.
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Im ostasiatischen Land geht die Sorge um, Japans Hauptstadt – um die sich mit einer Agglomeration von 37 Millionen Menschen der größte Ballungsraum der Welt sammelt – werde in naher Zukunft von einem großen Erdbeben erschüttert. Die Wissenschaft hat Schwierigkeiten, Erdbeben präzise vorauszusagen. Aber anhand historischer Daten und sich bewegender Erdplatten lässt sich vermuten, dass ein Riesenbeben im Großraum Tokio bevorsteht. Der ökonomische und humanitäre Schaden wäre immens.
Seine letzte Erdbebenkatastrophe erlitt Tokio im Jahr 1923, als 96.000 Gebäude zerstört und 99.000 Menschen starben. Stärke des Bebens: 7,9. Die vor allem aus Holz gebauten Häuser fingen zur Mittagszeit, als die Menschen daheim kochten, Feuer. Weil der Regen ausblieb, dafür aber ein starker Wind wehte, breitete sich das Feuer in der Stadt aus. Der Schaden wurde auf kaum vorstellbare 37 Prozent des japanischen Bruttoinlandsprodukts geschätzt.
Würde die Erde heute ähnlich stark – oder gar mit der noch viel stärkeren Magnitude von 9,0, wie es Japans Nordosten bei der Atomkatastrophe 2011 erlebte – beben, wäre der Schaden geringer. Bei Erdbebensicherheit ist Tokio heute weltweit führend. Aber, sagt Naoshi Hirata, Seismologieprofessor am Earthquake Research Institute der Universität Tokio: „Die Menschen sind nicht hinreichend auf ein großes Erdbeben eingestellt.“ Bis heute stehen in Tokio Holzhäuser, die trotz Subventionen kaum renoviert wurden.

Japan sucht „zweite Hauptstadt“: Das ist der Favorit
Naoshi Hirata erwartet daher, auch heute würden bei einem sehr starken Erdbeben Tausende Menschen sterben. Und je mehr Chaos in Tokio ausbräche, desto weniger wäre die Hauptstadt womöglich in der Lage, ihre Funktionen für das ganze Land auszufüllen: Die regulären Arbeitsabläufe in Ministerien zu sichern, das Katastrophenmanagement und diverse weitere Aktivitäten.
Für dieses Szenario will Japan fortan eben von einer Alternativhauptstadt aus verwaltet werden. Doch die Sache hat nicht für Beruhigung gesorgt, sondern für Erregung. Mit nur zwei Stimmen Vorsprung passierte das neue Gesetz das Parlament. Teilen der Regierung wird Klientelpolitik vorgeworfen, unsauberes Arbeiten, teils gar so etwas wie undemokratisches Verhalten, weil mit der Opposition kein Konsens gebildet wurde.
„Das Konzept für eine zweite Hauptstadt sieht Berichten zufolge mehrere Präfekturen mit Großstädten als potenzielle Kandidaten vor“, analysiert das Yomiuri Shimbun, die auflagenstärkste Zeitung im Land: „Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass Osaka – wo die Vorbereitungen bereits vorangeschritten sind – der Favorit ist.“ So fordert das Mainichi Shimbun in einem Leitartikel: „Dieser fehlerhafte Gesetzentwurf für eine auf Osaka ausgerichtete ‚zweite Hauptstadt‘ muss überdacht werden.“
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Idee der Alternativ-Hauptstadt gibt es schon lange
Denn einerseits bleibt auch nach der Verabschiedung des Gesetzes unklar, wo diese „zweite Hauptstadt“ denn nun installiert wird. Die Regierung soll hierzu eine Verordnung beschließen, womit der Entschluss den demokratischen Prozessen weitgehend entzogen wäre. Und dies erzeugt ein besonderes „Geschmäckle“, weil der Juniorpartner der rechtsgerichteten Liberaldemokratischen Partei (LDP) von Premierministerin Sanae Takaichi die rechte Nippon Ishin no Kai ist – eine De-facto-Regionalpartei aus Osaka.
Die Idee der „zweiten Hauptstadt“ verfolgt Nippon Ishin no Kai, die bei der Heimwählerschaft mit einem Metropolenerneuerungskonzept wird, schon lange. Und der Vorwurf an die Regierung ist nun, wie es selbst das konservative Yomiuri Shimbun formuliert: „Es spiegelt auf offensichtliche Weise den Plan von Nippon Ishin no Kai wider.“ In Osaka – der größten Stadt in der nach dem Großraum Tokio zweitgrößten Metropolregion im Land – verspricht man sich so wohl auch Gelder zur Stadtaufwertung.
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„Lex Osaka“: Kritiker sehen unfairen Vorteil
Zu einem fairen Wettbewerb zwischen den Regionen um den Status der „zweiten Hauptstadt“ wird es womöglich also nicht kommen. Dabei haben mehrere Regionen ihr Interesse angemeldet, darunter die Präfektur Aichi rund um deren regionale Hauptstadt Nagoya, die Präfektur Fukuoka mit der gleichnamigen Metropole sowie die Nordinsel Hokkaido, wo die Millionenstadt Sapporo liegt. Kritiker lästern über das neue Gesetz aber schon als „Lex Osaka.“
Während ein Streit zwischen den Regionen nun angeheizt worden ist, bestehen weitere Zweifel: Kann das Konzept der „zweiten Hauptstadt“ das Problem der Überkonzentration auf dem Großraum Tokio lösen, wo fast ein Drittel Japans lebt und auch der Großteil größerer Unternehmen angesiedelt ist? Das Mainichi Shimbun kritisiert: „Wäre es für die Dezentralisierung der Wirtschaft nicht besser, Gegenden wie Tohoku und Hokuriku zu priorisieren?“ Dort schrumpft die Bevölkerung rasant. Die Stadt Osaka dagegen wächst.









