Mario Russo, Pfarrer der Hafenstadt Pozzuoli bei Neapel, spricht klare Worte. Wenige Minuten nach dem stärksten Erdbeben in den Phlegräischen Feldern seit rund 40 Jahren veröffentlichte er ein Video in den sozialen Netzwerken – und erhob schwere Vorwürfe gegen die Behörden.

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„Die Lage ist kritisch. Es gibt schwerbeschädigte Gebäude, einige sind regelrecht aufgerissen, zudem ist ein Teil des Hanges abgerutscht. Und all das geschah in völliger Einsamkeit. Erst vor etwa einer halben Stunde ist ein Fahrzeug des Zivilschutzes eingetroffen, bis dahin gab es keinerlei Hilfe. Wir sind völlig auf uns allein gestellt“, sagt der Geistliche.

Das Erdbeben der Stärke 4,7 erschütterte am Freitagabend die Region westlich von Neapel. Es war die stärkste Erschütterung im Gebiet des Supervulkans der Phlegräischen Felder seit den 1980er Jahren. Der Boden bebte heftig, Strom und Wasserversorgung fielen zeitweise aus. Mindestens 20 Menschen wurden verletzt, zwei davon schwer. 22 Familien mussten ihre Wohnungen verlassen.

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Das Epizentrum lag im Gebiet der vulkanisch hochaktiven Phlegräischen Felder. Seit dem Hauptbeben registrierte das Italienische Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) rund 60 Nachbeben, die meisten davon von geringer Stärke. Das stärkste erreichte eine Magnitude von 3,1 und war am Samstagmorgen erneut deutlich in Pozzuoli, Bacoli und mehreren Stadtteilen Neapels zu spüren.

Die schwersten Schäden wurden aus Pozzuoli gemeldet. Dort stürzte ein Teil einer Hauswand ein, große Tuffsteinblöcke begruben parkende Autos unter sich. Videos der herabstürzenden Felsbrocken verbreiteten sich rasch in den sozialen Medien. Einsatzkräfte kontrollierten beschädigte Gebäude, während viele Bewohner aus Angst vor weiteren Erdstößen die Nacht im Freien verbrachten. Sie blieben in ihren Autos, bei Verwandten oder in den eingerichteten Notunterkünften. Für viele Bewohner war an Schlaf in den eigenen vier Wänden nicht zu denken. Die Behörden verteilten Trinkwasser und Hilfsgüter. Die meisten Verletzten wurden im Krankenhaus von Pozzuoli behandelt.

Phlegräische Felder
Das Vulkanfeld Solfatara in der Kleinstadt Pozzuoli im Westen der italienischen Millionenmetropole Neapel. Das Gebiet gehört zum Supervulkan der Phlegräischen Felder.© Christoph Sator/dpa | Christoph Sator

Zu den schwierigsten Einsätzen der Feuerwehr gehörte die Rettung eines 80-jährigen bettlägerigen Mannes in Pozzuoli. Weil das Treppenhaus seines Wohnhauses schwer beschädigt und unpassierbar war, brachten Spezialkräfte ihn mit einer Drehleiter in Sicherheit. Zahlreiche Bewohner baten die Feuerwehr um Hilfe, weil sich ihre Wohnungstüren nach dem Beben nicht mehr öffnen ließen. Andere kehrten trotz sichtbarer Gebäudeschäden kurzzeitig zurück, um Medikamente oder andere lebenswichtige Gegenstände zu holen. Die Feuerwehr überprüft weiterhin Gebäude und hat erste Häuser gesperrt oder räumen lassen.

Neapel: Auch Touristen vom Erdbeben betroffen

Nicht alle zeigten sich mit dem Krisenmanagement zufrieden. Einige Anwohner beklagten, nicht über die eingerichteten Notunterkünfte informiert worden zu sein. Andere kritisierten, dass erste Hilfskräfte erst rund zwei Stunden nach dem Erdbeben eingetroffen seien. Auch zahlreiche Touristen in Ferienwohnungen und Bed-and-Breakfast-Unterkünften waren von den Folgen betroffen. Die Gegend gilt im Sommer wegen der schönen Strände und ihrer Nähe zur Amalfi-Küste als beliebter Urlaubsort.

Aus Sicherheitsgründen sperrte die Hafenbehörde den Kai von Pozzuoli. Der Fähr- und Schnellbootverkehr nach Ischia und Procida wurde eingestellt. Auch der Bahnverkehr rund um Neapel, darunter die Hochgeschwindigkeitsstrecken, kam vorübergehend zum Erliegen. Nach nächtlichen Sicherheitskontrollen wurde der Betrieb wieder aufgenommen, allerdings mit Verspätungen von teils mehr als sechs Stunden. Die Bahnlinie Circumflegrea blieb wegen eines eingestürzten Mauerteils weiterhin gesperrt.

Zusätzlich verursachte das Erdbeben den teilweisen Einsturz eines Hochspannungsmasts im neapolitanischen Stadtteil Agnano. Zeitweise waren rund 100.000 Stromanschlüsse ohne Versorgung, die im Laufe der Nacht schrittweise wiederhergestellt wurden. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni verfolgt nach Angaben ihres Büros die Entwicklung der Lage. Eine nationale Kriseneinheit koordiniert die Hilfsmaßnahmen.

Erdbeben in Italien: „Unmöglich, nach dem Schrecken zu Hause zu bleiben“

„Es war unmöglich, nach dem Schrecken der vergangenen Nacht zu Hause zu bleiben“, berichtet der 70-jährige Antonio aus dem neapolitanischen Stadtteil Agnano. „Das Beben war extrem stark und schien endlos zu dauern. Ich konnte nicht einmal die Wohnungstür öffnen, weil sie sich verklemmt hatte. Wir leben seit Jahren mit dem Bradyseismus, aber nicht in dieser Intensität. Man fragt sich, wie lange unsere Häuser solchen Belastungen noch standhalten.“

Der Bürgermeister der Nachbarstadt Bacoli, Josi Gerardo Della Ragione, berichtete von Felsabbrüchen sowie Schäden an Fassaden und Putz. Unbewohnbare Häuser oder Verletzte habe es in seiner Gemeinde nach bisherigen Erkenntnissen jedoch nicht gegeben. Besorgt äußerte sich auch Lorenzo Benedetto, Präsident der Geologenkammer Kampaniens. „In einem geologisch komplexen Gebiet wie den Phlegräischen Feldern werden die Auswirkungen eines Erdbebens nicht nur von der Stabilität der Gebäude bestimmt, sondern auch von den geologischen und geomorphologischen Eigenschaften des Geländes. Neben baulichen Schutzmaßnahmen muss deshalb auch die geologische Gefährdung berücksichtigt werden – insbesondere lokale Verstärkungseffekte von Erdbeben und die Instabilität von Hängen, die schwerwiegende Folgen haben können, wie die heutigen Felsabbrüche zeigen“, sagte Benedetto.

Die Phlegräischen Felder gelten als Europas größter aktiver Supervulkan. Seit Jahren wird die Region von einer anhaltenden Bradyseismus-Phase mit Hebungen des Bodens und wiederkehrenden Erdbeben geprägt. Anders als gewöhnliche Vulkane verfügen Supervulkane über eine besonders große Magmakammer und besitzen das Potenzial für außergewöhnlich starke Eruptionen. Im Großraum Neapel leben rund drei Millionen Menschen. Der Vesuv, der östlich der Stadt liegt, steht geologisch nicht mit den Phlegräischen Feldern in Verbindung.