Er wäre „allein nie darauf gekommen“, sagt Heino. Der Schlagersänger, 87, ließ sich im Frühjahr routinemäßig das Herz per Ultraschall untersuchen – ohne Befund. Beschwerden hatte er keine. Erst Heinos Manager drängte auf eine weitere Untersuchung: eine Szintigrafie. Dabei zeigte sich eine Verengung der Herzkranzgefäße, kurz darauf setzten Ärzte in Salzburg zwei Stents. „Er hat mir damit das Leben gerettet“, sagte Heino der „Bild“-Zeitung. Nun stellen sich gerade ältere Menschen und Risikopatienten die Frage: Sollte ich das auch machen lassen – bevor etwas passiert?

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Prof. Dr. Christiane Tiefenbacher, Kardiologin und Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung, ordnet den Fall in diesem Teil der Serie „Herz-Doc“ ein – und ihre Antwort fällt deutlich zurückhaltender aus, als der Fall vermuten lässt. Denn die Methode werde heute nicht mehr so häufig eingesetzt, habe Schwächen. Wann eine solche Untersuchung wirklich sinnvoll ist, welche Methode Tiefenbacher heute stattdessen empfiehlt und warum selbst zwei Stents kein Beweis für Lebensrettung sind.

Lesen Sie hier alle Teile unserer Herz-Doc Serie

Herzgesundheit: Das passiert bei einer Szintigrafie

„Ob der Eingriff bei Heino tatsächlich nötig war, lässt sich von außen gar nicht sagen“, so die Herzspezialistin. Zudem sei die Szintigrafie „keine Methode, auf die man sich hundertprozentig verlassen“ könne. Erst am Morgen des Gesprächs mit unserer Redaktion hatte sie einen Patienten im Katheterlabor, der „auch ein positives Szintigramm“ hatte – und stellte fest: Am Herzen war nichts.

Bei der Myokardszintigrafie, so der vollständige Name, wird eine radioaktiv markierte Substanz gespritzt. „Beispielsweise Technetium, früher Thallium“, erklärt Tiefenbacher. „Und dann wird mit einer Gammakamera aufgezeichnet, wie sich der Stoff im Herzmuskel anreichert.“ Der Trick dabei: Die Substanz kommt mit dem Blut ins Gewebe. „Da, wo eben nicht so viel Blut hinkommt, da kommt auch die Substanz nicht in den Herzmuskel“, sagt die Ärztin. Auf dem Bildschirm entstehen bunte Bilder – und schwach eingefärbte Areale deuten auf eine Durchblutungsstörung hin.

Scintigraphy thyriod gland
Bunte Bilder vom Herzmuskel im Rahmen einer Szintigrafie: Schwach eingefärbte Bereiche können auf eine Durchblutungsstörung hinweisen.© iStock | istock

Die Strahlenbelastung sei „zu vernachlässigen“, so Tiefenbacher. Nur direkt danach sollte man engen Kontakt zu Schwangeren meiden. Trotzdem ist die Methode aus dem Alltag weitgehend verschwunden. Der Grund: Sie kann nur von Nuklearmedizinern durchgeführt werden, weil radioaktiv markierte Substanzen speziell gelagert werden müssen. „Das ist eine relativ aufwendige Methode“, sagt Tiefenbacher – und eine, die falsche Ergebnisse liefern kann, in beide Richtungen. Ihr Fazit fällt deshalb nüchtern aus: „Die Szintigrafie ist eine Methode zur Risikoeinschätzung – aber hundertprozentig zuverlässig ist sie nicht.“

Keine Symptome: Wann ist eine Untersuchung ohne Beschwerden sinnvoll?

Auch der vermeintliche Widerspruch – erst ein normaler Herz-Ultraschall, dann direkt eine auffällige Verengung in den Arterien – ist für Spezialistin Tiefenbacher keine Überraschung: Verengte Herzkranzgefäße sehe man im normalen Ultraschall schlicht nicht. Sichtbar seien allenfalls Wandbewegungsstörungen, „die dann indirekt ein Hinweis sein können“. Wer gezielt nach Durchblutungsstörungen sucht, gehe besser anders vor.

Ihre Empfehlung fürs erste Nachschauen bei begründetem Verdacht: das Stressecho. Dabei wird auf dem Fahrrad belastet und gleichzeitig per Ultraschall geschaut, ob unter Anstrengung Bewegungsstörungen auftreten. „Und wenn das der Fall ist, dann ist es sehr sensitiv.“ Der Vorteil: keine Strahlung, kaum Nebenwirkungen. Nur bei sehr übergewichtigen Menschen oder schlechten Schallbedingungen greift man auf andere Verfahren zurück.

Herzuntersuchung: Patienten sollten drei Dinge beachten

Doch das bedeutet nicht, dass sich dafür gleich jeder einen Termin buchen sollte: „Wenn jemand gar keine Beschwerden hat, ist eher nicht davon auszugehen, dass er eine relevante Herzerkrankung hat.“ Wer sich ohne Anlass untersuchen lasse, lande im Zweifel in einer Kette von Eingriffen – auch bei einem falsch-positiven Befund. Und auch das Alter spielt eine Rolle. Bei einem 60-Jährigen würde Tiefenbacher „eher progressiv“ suchen. „Mit 87 kann man drüber diskutieren“, sagt sie. „Wer intensiv sucht, findet fast immer etwas, das nicht mehr ganz normal ist.“

Eine Ausnahme macht sie bei Diabetikern, da diese Durchblutungsstörungen häufig nicht spüren. Ansonsten seien Stresstests vor allem bei auffälligem Ultraschallbefund oder hohem Risikoprofil sinnvoll – Fachleute sprechen von hoher Prätestwahrscheinlichkeit. Bei sehr hoher Wahrscheinlichkeit mache man heute jedoch eine Herzkatheteruntersuchung, weil nur mit diesem Verfahren hier auch gleich eine Therapie erfolgen kann. Stresstests oder ein Koronar-CT hätten ihren Platz vor allem dann, „wenn die Prätestwahrscheinlichkeit nicht ganz so hoch ist“.

Herzgesundheit testen

Wer überlegt, beim nächsten Arztbesuch nach einer Szintigrafie zu fragen, sollte drei Dinge mitnehmen:

  1. Ohne Beschwerden und ohne Risikoprofil ist eine solche Untersuchung in der Regel nicht der richtige erste Schritt.
  2. Ein auffälliger Befund bedeutet nicht automatisch eine Herzerkrankung – falsch-positive Ergebnisse kommen vor.
  3. Eine Kassenleistung ist die Untersuchung nur bei entsprechender Indikation.

Heinos Herz: Waren die beiden Stents nötig?

Bleibt die Frage, die Heinos Geschichte so bewegend macht. Hat ihm der Zufallsbefund das Leben gerettet? Tiefenbacher formuliert die Antwort vorsichtig, aber unmissverständlich: „Ob die Stents am Ende wirklich nötig waren oder nicht, weiß man schlicht nicht.“ Fachlich sauber wäre bei einer entdeckten Verengung bei beschwerdefreien Patienten zunächst eine spezielle Druckmessung im Gefäß, die sogenannte iFR-Messung, „um zu schauen, ob die Verengung relevant ist oder nicht“.

Fragen an „Herz-Doc“

Sie haben eine allgemeine Frage zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen? Gerne gibt unser Herz-Doc Antwort! Senden Sie uns einfach Ihre Frage per Mail an herzdocs(at)funkemedien.de. Die Einsendungen werden zunächst gesichtet, sortiert und gegebenenfalls an Herz-Spezialistin Prof. Dr. med. Christiane Tiefenbacher weitergeleitet und anonymisiert veröffentlicht.

Anders liege der Fall bei einer hochgradigen Verengung des Hauptstammes der Herzkranzarterien und der Vorderwandarterie – nur hätte man dann eigentlich Beschwerden erwartet. „Sie sehen, es ist komplex“, sagt die Kardiologin und räumt auch ein, dass in einer solchen Situation die meisten Ärztinnen und Ärzte ähnlich gehandelt hätten. Ob damit wirklich Heinos Leben verlängert wurde, sei eine andere Frage.