Machen TikTok, Instagram und Youtube glücklich oder einsam? Wird man durch Social Media schlau oder desinformiert? Gefährden digitale Echokammern die Demokratie – oder kann man die Demokratie nur noch dort retten, wo sowieso alle sind, also in den Sozialen Medien? Bildungsministerin Karin Prien (CDU) macht sich große Sorgen um Kinder und Jugendliche im Netz und will ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige prüfen. In Australien gibt es das schon – in Deutschland läuft die Debatte gerade erst richtig an.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Dabei fällt auf: Während in der Politik die Angst vor den Folgen des Social-Media-Konsums immer größer wird, verstärken Politikerinnen und Politiker gleichzeitig ihre Aktivitäten auf Tiktok, Instagram & Co. Nicht nur, aber gerade auch, um jüngere Wählerinnen und Wähler zu erreichen. Ein Widerspruch?

Klöckner: Mindestalter für Social Media? „Kommt drauf an“
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) kündigte in dieser Woche einen Schritt an, den ihre Vorgängerin vor allem aus Sicherheitsgründen bislang ablehnte: Der Bundestag geht auf TikTok. „Über 20 Millionen Menschen in Deutschland nutzen TikTok – mehr als jeder vierte Bürger. Gerade für viele junge Nutzerinnen und Nutzer ist es die primäre Informationsquelle, sie erreichen wir nicht mehr über die klassischen Medien“, sagte Klöckner dieser Redaktion.
Gleichzeitig sei es wichtig, die Jugendlichen bei einem verantwortungsvollen und souveränen Umgang mit den sozialen Medien zu unterstützen – etwa durch mehr Medienbildung. Mit Blick auf die Debatte um strenge Altersgrenzen, reagierte Klöckner zurückhaltend: „Ob auch ein Mindestalter dazu beitragen kann, hängt maßgeblich von der wirksamen Umsetzbarkeit eines solchen Vorhabens ab.“ Bereits jetzt gibt es Altersbeschränkungen bei den meisten Plattformen – sie können allerdings in der Regel mit wenigen Klicks umgangen werden.

Smartphones für 12-Jährige? „Ein Tastenhandy reicht völlig aus“
Klöckners Parteifreund Mario Voigt, CDU-Regierungschef in Thüringen, macht dagegen jetzt Druck: Er forderte in dieser Woche ein Social-Media-Verbot für alle unter 16 Jahre. Smartphones sollten generell erst ab 14 erlaubt sein. „Ein Tastenhandy reicht völlig aus, um erreichbar zu sein – ohne sie dem Dopamin-Sog der Apps auszuliefern.“
Grünen-Politiker Cem Özdemir hatte zuvor ebenfalls ein Mindestalter von 16 Jahren bei Social Media gefordert: „Wir lassen Jugendliche auch nicht einfach ohne Führerschein hinters Steuer. Es gibt Fahrstunden und ein schrittweises Ranführen. So müssen wir es auch mit den sozialen Medien halten.“ Auch aus der Medienbranche selbst kommen Rufe nach einem strikteren Jugendschutz: „Wir müssen Kindern und Jugendlichen den Zugang zu Social Media verbieten“, fordert Julia Becker, Verlegerin der Funke-Mediengruppe, zu der auch diese Redaktion gehört.

Söder gegen Verbot: „Totaler Quatsch“ und „realitätsfremd“
Ganz anders sieht es Markus Söder, dessen Social-Media-Kanäle über eine Millionen Follower erreichen. „Totalen Quatsch“ und „realitätsfremd“ nennt der CSU-Chef und bayrische Ministerpräsident solche Forderungen. Ein Verbot mache Tiktok, Instagram und Co. eher noch interessanter für Jugendliche und Kinder, das Ganze sei „ein bisschen altbacken, altmodisch und aus der Zeit“.
Eine neue Studie stärkt dagegen jetzt die Verbotsbefürworter: Forscherinnen und Forscher der Leopoldina fordern einen strengen, nach Alter gestaffelten Schutz im Umgang mit sozialen Medien. Für Kinder unter 13 Jahren sollte ein striktes Nutzungsverbot gelten, heißt es in einem Papier der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Im Alter von 13 bis 15 Jahren empfiehlt die Akademie eine von den Eltern begleitete Nutzung. In Schulen sollte die Nutzung von Smartphones bis zur zehnten Klasse untersagt werden. Bis zum 18. Geburtstag sollen Jugendliche vor der Macht der Algorithmen, vor personalisierter Werbung, Push-Nachrichten und endlosem Scrollen geschützt werden.

Die Wissenschaftler schlagen Alarm: Es gebe derzeit deutliche Hinweise darauf, „dass die Nutzung sozialer Medien – trotz wichtiger Vorteile – die psychische Gesundheit, das Wohlbefinden und die Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen erheblich beeinträchtigen kann“.
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Hinter der Debatte um eine Social-Media-Verbot steht jedoch nicht nur die Sorge um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Es geht um die große Sorge, dass die Demokratie am Ende ist, wenn politische Meinungsbildung nur noch über Algorithmen und in digitalen Echokammern läuft – und damit vollends zum Spielball profitorientierter Techgiganten wird. „Wenn wir das laufen lassen, ist unsere Meinungsvielfalt in Gefahr“, mahnt Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im Gespräch mit dieser Redaktion.
„Wir erleben von TikTok bis Google die Verheiratung von politischer Macht und medialer Macht“, warnt der parteilose Minister. „Wenn Donald Trump auf die Idee kommt, ein Meer umzubenennen – den Golf von Mexiko in den Golf of America –, dann macht Google das einfach mit. Mit seinen Karten hat die Plattform die Macht, das weltweit durchzusetzen. Damit können wir uns nicht abfinden.“
Exklusive Politik-Hintergründe – für Sie recherchiert
Weimer will im Herbst einen großen Aufschlag machen, der „steuerrechtliche, kartellrechtliche und regulatorische Fragen“ umfasst. Er unterstütze auch die Initiative von Bildungsministerin Prien, bei unter 16-Jährigen die exzessive Social-Media-Nutzung zu hinterfragen. Das müsse aber eingebettet sein in eine größere Strategie. Prien selbst will ebenfalls Vorschläge erarbeiten lassen: „Die Kommission Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt nimmt in den nächsten Wochen ihre Arbeit auf“, sagte eine Sprecherin dieser Redaktion.










