Er ist eben doch kein normaler Häftling: Zahllose Motorräder mit Fernsehkameras, dazu Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirenen, begleiteten den verdunkelten Renault, mit dem Nicolas Sarkozy am Dienstagmorgen durch halb Paris zur Haftanstalt La Santé fuhr. Dort muss er im Prinzip eine fünfjährige Haftstrafe wegen versuchter Wahlkampffinanzierung durch den libyschen Diktator Muammar Gaddafi absitzen.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Vor seinem Domizil im schicken 16. Stadtbezirk verabschiedete sich der frühere Konservativen-Chef winkend von ein paar Dutzend Anhängern, nachdem er seine Gattin Carla Bruni umarmt hatte. Zeitgleich publizierte der in den sozialen Medien eine Mitteilung, die den „Justizskandal“ anprangerte. Es gebe keine Beweise, er sei unschuldig, führte Sarkozy aus. Seinen Gegnern warf er vor, sie handelten aus „Rache und Hass“. Als die Kohorte losfuhr, stimmten die Sarkozy-Getreuen die Marseillaise an.

Auch interessant

Frankreich: Sarkozy verlangt in Haft „keinerlei Sonderrechte“

Um erniedrigende Bilder von seinem Haftantritt zu vermeiden, hatte Sarkozy das Recht erhalten, mit dem Fahrzeug ungesehen von den Fotografen in den Gefängnishof einzufahren. In der Haft verlangt der Staatschef von 2007 bis 2012 nach eigenen Worten „keinerlei Sonderrechte“.

Immerhin belegt der 70-Jährige in dem berühmt-berüchtigten Stadtgefängnis, wo bis 1972 eine Guillotine funktioniert hatte, eine der fünfzehn Einzelzellen für „verletzliche“ Insassen – früher „VIP-Quartier" genannt. In seiner Zelle verfügt er über Kühlschrank, Herdplatte, Fernseher und eine Festnetz-Telefonverbindung, aber kein Handy. Auch die tägliche Spazierstunde im Gefängnishof kann er allein absolvieren. Wie normale Häftlinge hat er drei Besuchstermine pro Woche.

Sarkozy ist der erste französische Ex-Präsident, der ins Gefängnis kommt

Sarkozy ist der erste Ex-Präsident Frankreichs, der hinter Schloss und Riegel kommt. Die Bilder von dem Haftantritt sorgten landesweit für heftige Emotionen – und sehr unterschiedliche Reaktionen. Das Online-Magazin Mediapart, das Sarkozys Libyen-Affäre ins Rollen gebracht hatte, sprach von einem „historischen Ereignis“. Sogar der italienische Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi habe trotz zahlreicher Affäre nie eine Gefängnisstrafe absitzen müssen.

Nicolas Sarkozy läuft mit Carla Bruni-Sarkozy auf einem Bürgersteig.
Der frühere französische Präsident Nicolas Sarkozy mit seiner Frau Carla Bruni-Sarkozy am Dienstagmorgen.© AFP | Julien De Rosa

Sarkozys Anwälte erklärten nur wenige Minuten nach dem Haftantritt, sie hätten ein Gesuch um „bedingte Freilassung“ eingereicht. Da Sarkozy 70 Jahre alt ist, kann er mit einer baldigen Haftverschonung rechnen. Dass er überhaupt ins Gefängnis kommt, obwohl er Berufung eingelegt hat und bis zum definitiven Urteil formell als unschuldig gilt, hat mit einer Besonderheit des französischen Strafvollzugs zu tun: Das Gericht kann trotz Berufung eine „provisorische Vollstreckung“ des erstinstanzlichen Urteils anordnen.

Frankreich: Sarkozy hat gute Chancen, bald wieder freizukommen

Die Strafvollzugskommission hat zwei Monate Zeit, das Gesuch der Sarkozy-Anwälte zu prüfen. Die Chancen sind deshalb gut, dass der ehemalige Präsident in wenigen Wochen, jedenfalls noch vor Weihnachten freikommt.

In der Zwischenzeit dürfte es ihm nicht langweilig werden. Sarkozy will ein Buch schreiben; seine Nachttischlektüre sind eine Jesus-Biografie und der zweibändige Roman „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas – in dem der zu Unrecht eingepferchte Häftling später selber Rache an seinen Peinigern übt. Justizminister Gérald Darmanin erklärte, er werde Sarkozy einen Gefängnisbesuch abstatten. Die Linke sieht darin einen Verstoß gegen die Gewaltentrennung und einen politischen Angriff auf einen Justizentscheid.