Die Reaktion von Björn Höcke lässt nicht lange auf sich warten. Er schreibt von „parasitärem Journalismus“ und bedient sich damit einmal mehr der Sprache der Nazis. Denen war der „Parasit“ vor allem Begriff, um bestimmte Gruppen zu entmenschlichen – darunter eben auch Journalisten.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Um Journalisten geht es auch, als Björn Höcke, der rechtsextreme Vorsitzende des Thüringer AfD-Landesverbandes und Vorsitzende der Landtagsfraktion, am 21. Oktober auf Facebook schreibt: „Er lügt, verdreht, erzählt nur Mist: der Gesinnungsjournalist.“ Höcke nennt mehrere Namen, darunter den des Welt-Journalisten Frederik Schindler, den er als Teil seiner Fangemeinde bezeichnet, die er sich „eingefangen“ habe.

Verfassungsschutz stuft Thüringer AfD als extrem ein

Dass ausgerechnet Schindler, der seit 2018 intensiv über die AfD recherchiert und berichtet, in dem Post von Höcke auftaucht, dürfte einen bestimmten Grund haben: Nur wenigen Wochen vorher ist das Buch „Höcke: Ein Rechtsextremist auf dem Weg zur Macht“ (Herder-Verlag: ISBN: 978-3-451-07415-8; 22,00 Euro) erschienen.

Frederik Schindler, Journalist und Autor, recherchiert seit 2018 zur AfD.
Frederik Schindler, Journalist und Autor, recherchiert seit 2018 zur AfD.© Herder Verlag | Herder Verlag

Darin beleuchtet der 32-Jährige sehr intensiv den Weg von Björn Höcke. Seinen Weg heraus aus einer „hochpolitischen Familie“, wie ein Kapitel überschrieben ist, an die Spitze der Thüringer Partei, die vom Verfassungsschutz seit Jahren als rechtsextrem eingestuft wird und bei der Landtagswahl 2024 stärkste Kraft in Thüringen geworden ist.

Schindler, der Monate für das Buch recherchiert, zeigt in einer bisher kaum dagewesenen Detailtiefe auf, wie Höcke schon früh ideologisch geprägt wurde und, dass er das ganz offensichtlich auch an seine vier Kinder in mehr oder weniger großer Intensität weitergibt.

Kurt Höcke: Ein Leben in völkischer Umgebung

Schindler beleuchtet die bedeutende Rolle von Höckes Vorfahren, besonders die des Großvaters Kurt Höcke und dessen Eltern. Kurt Höcke, geboren 1909 in Ostpreußen, lebte und arbeitete in einer Zeit und Region, die für völkische und antidemokratische Werte besonders empfänglich war. Laut Schindler hatte Ostpreußen nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund seiner Abtrennung vom Reich und die empfundene Vernachlässigung durch die Reichsregierung eine starke Affinität zu den völkischen und nationalsozialistischen Ideen. Die Kultur des „Verlorenen Ostens“ und der dort gepflegte, teils heroisierende Heimatverlustgedanke prägten auch Höckes Kindheit, wie aus seiner eigenen Erzählung über die Sommerferien und das Zuhören bei den Geschichten seiner Großeltern hervorgeht. Seine familiären Verbindungen zu geschichtlichen Revisionen – etwa Teilnahme seiner Großeltern an Veranstaltungen der Landsmannschaft Ostpreußen – sind ein wiederkehrendes Motiv, das die Ideologie der Vertriebenenbewegungen über Jahrzehnte nachvollziehbar macht. Auch Höckes Großeltern sahen sich selbst zeitlebens als Opfer der Entwicklungen des Zweiten Weltkriegs, während die deutsche nationalsozialistische Gewaltpolitik gänzlich ausgeklammert wurde.

Höckes Kinder in ideologisch geprägtem Umfeld

Diese geschichtliche Prägung setzte sich im Verhalten von Höcke und seiner Familie fort. Schindler zeigt, dass Höckes Vater bereits im Kollegenkreis mit rechtsextremen Äußerungen auffiel und dass Höcke nicht nur Namen der griechischen und nordischen Mythologie für seine eigenen Kinder wählte, sondern auch seine Kinder offensichtlich in einem Umfeld großzog, das seine ideologischen Ansichten weitertrug. Zudem zeigt Schindler auf, dass ein Sohn Höckes bereits an rechtsextremen Veranstaltungen – auch im Umfeld des ebenfalls im Eichsfeld lebenden Heimat-Funktionärs Thorsten Heise teilnahm.

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Höcke, der im eichsfeldischen Bornhagen mit seiner Familie lebt, und Heise, der einen Gutshof im Nachbarort Fretterode bewohnt – dieses Verhältnis verdient ohnehin eine besondere Aufmerksamkeit, der sich auch Schindler in seinem Buch widmet. Während diese Redaktion bereits vor mehr als zehn Jahren erstmals öffentlich machte, dass es zwischen dem damaligen politischen Quereinsteiger Höcke und dem militanten Neonazi Heise durchaus eine Bekanntschaft gibt, verdichtet sich das in den kommenden Jahren immer weiter.

Als klein, eurokritisch und zumindest in Rufweite der Mitte gestartet, transformierte sich die AfD in ihrem Aufschwung immer weiter nach rechts. Die AfD entwickelte sich dorthin, wo Höcke immer schon war.

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Robin Alexander, stellvertretender Welt-Chefredakteur im Vorwort zum Buch

So taucht in Heise-Zeitschriften immer wieder das Autorenpseudonym Landolf Ladig auf, der Soziologe Andreas Kemper ist sich sicher, dass dahinter Björn Höcke steckt. Warum? Ladig und Höcke verwenden in verschiedenen Texten Kunstbegriffe, die an keiner anderen Stelle so auftauchen. Darauf verweist auch Schindler in seinem detaillierten Werk, dass das Ergebnis eine der aufwendigsten Recherchen über den Rechtsextremisten Björn Höcke im vergangenen Jahrzehnt ist und das auch weitere Beziehungen Höckes zu Vertrauten aufdeckt.

Buchvorstellung am 14. November

Sein Buch stellt Welt-Journalist Frederik Schindler am 14. November 2025 im Rahmen der Veranstaltungen zu „80 Jahre TLZ“ exklusiv in der Weimarer Sendehalle vor. Er wird Passagen aus seinem Werk lesen und mit TLZ-Chefredakteuren Gerlinde Sommer und dem Reporterchef von Funke Thüringen, Fabian Klaus, über Björn Höcke und seine mögliche Rolle in Thüringen bis zur Landtagswahl 2029 und darüber hinaus diskutieren.

Hier können Sie sich zu der Veranstaltung, die um 19.30 Uhr (Einlass: 18.45 Uhr) in der Sendehalle in Weimar beginnt, anmelden: www.tlz.de/80Jahre

Ein Manko: Höcke selbst kommt in dem Buch nicht zu Wort. Allerdings: Das liegt nicht an dem Autoren sondern an dem AfD-Vordenker selbst, der sich auf keine der zahlreichen Anfragen Schindlers zurückmeldete und ihn stattdessen, im Stile der Nazis des dritten Reiches, öffentlich als einen Teil von „Parasitärem Journalismus“ brandmarkt.