Not macht bekanntlich erfinderisch. Gemessen an dem, was sich russische Panzerbesatzungen derzeit alles ausdenken, um ihre Fahrzeuge insbesondere vor Drohnenbeschuss zu schützen, muss die Not wohl groß sein. Sehr groß.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Sah man russische Panzer zu Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine noch mit sogenannten „Cope cages“ notdürftig gegen Panzerabwehrraketen geschützt, gingen die Besatzungen alsbald dazu über, ihre Panzer in Schildkröten oder Stachelschweine zu verwandeln: zusätzliche Panzerung, Gitter oder Drähte, angeschweißt vor Einsätzen, um feindliche Kamikazedrohnen möglichst weit weg vom eigentlichen Panzer zur Explosion zu bringen.

Ukraine-Krieg: Plötzlich tauchen Igel-Panzer auf

Inzwischen sind die Russen offenbar dazu übergegangen, ihre Fahrzeuge mit gewaltigen Drahtkonstruktionen zu versehen, die den Panzern das Aussehen überdimensionierter Igel auf Ketten verleihen. Seit wenigen Tagen machen in einschlägigen Militärkanälen auf Social Media Aufnahmen dieser Igel-Panzer die Runde. Wann und wo die Aufnahmen entstanden sind, ist unklar.

Sie zeigen: Ein T-72 und ein T-80 sind mit den Drahtkonstruktionen ausgerüstet worden. Die Aufbauten sind so massiv, dass die eigentlichen, mehr als 40 Tonnen schweren Vehikel darunter fast komplett verschwinden. Beide Panzer sind zudem mit einem Minenräumgerät ausgerüstet.

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Die Idee dahinter: Anfliegende Drohnen sollen sich in dem Drahtgeflecht verfangen oder gleich explodieren, bevor sie auf die dünne Panzerung an der Oberfläche der Panzer aufschlagen – je nach Berichtslage der Panzer-Killer Nummer 1 in der Ukraine. Bis zu zwei Drittel der Verluste an Panzern und gepanzerten Fahrzeugen sollen laut einem Nato-Beamten auf das Konto von sogenannten FPV-Drohnen gehen; unbemannte Fluggeräte, die aus der Ego-Perspektive ins Ziel gesteuert werden. Auch die ukrainische Armee erleidet einen Großteil ihrer Verluste an Fahrzeugen inzwischen durch Drohnentreffer.

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Die improvisierten Anti-Drohnen-Lösungen der Russen versprühen den Charme postapokalyptischer Filmsettings und tragen mal mehr, mal weniger zum tatsächlichen Schutz der Besatzungen bei – und sind auch nicht als serienmäßige Ausstattung zu verstehen.

Beobachter des Ukraine-Krieges heben etwa hervor, dass vor allem einzelne Fahrzeuge mit den Schutzkonstruktionen ausgestattet werden. Solche, die etwa zum Durchbruch benutzt werden und deswegen erwartbar besonders starkem Beschuss ausgesetzt sind. Die beiden Panzer aus den Videos passen in diese Beschreibung: Sie dürften wohl in umkämpftem Gebiet Minen räumen, um nachrückenden Truppen den Weg freizumachen.

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Panzerung bedingt abwehrfähig

Wie effektiv solche Panzerungen wirklich sind, ist nicht ganz klar. In einigen Berichten von den Fronten im Osten überlebten Schildkrötenpanzer mehrere Drohnentreffer. Zudem ist davon auszugehen, dass zumindest ein psychologischer Effekt bei den Besatzungen, aber auch den Ukrainern entsteht: Man fühlt sich sicherer oder angesichts der wilden Konstruktionen eben bedrohter.

Gleichzeitig erhöht jede zusätzliche Panzerung das Gewicht des Fahrzeuges, was Beweglichkeit beeinträchtigt und Treibstoffverbrauch erhöht, also die Einsatzzeit im Feld verringert. Die massiven Aufbauten dürften zudem die Sicht der Besatzungen weiter einschränken.

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Je nach Wucht und Bauart der Sprengladung, die eine Drohne transportiert, ist auch zusätzliche Panzerung nur bedingt nützlich – zumal im Feld angeschweißte Platten oft Lücken aufweisen, die sich findige Drohnenpilotinnen zunutze machen können. Ein stark geschnittenes Video etwa zeigt, wie ein russisches Stachelschwein erst von einem Drohnentreffer bewegungsunfähig geschossen wird, bevor weitere Fluggeräte am Fahrzeug detonieren.