Berlin, acht Grad, Regen. Die Hauptstadt ist im Krieg. Feindliche Kämpfer haben in der Nacht eine U-Bahn in ihre Gewalt gebracht, darin Zivilisten und Soldaten der Bundeswehr. Der Zug stoppt kurz vor der Einfahrt in den U-Bahnhof Jungfernheide im Stadtteil Charlottenburg. Die Lage ist unübersichtlich: Wie viele Bewaffnete sind in den Waggons? Leben die Soldaten und übrigen Passagiere noch? Gibt es Verletzte?

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Um 1:43 Uhr in der Nacht auf Mittwoch steigen Soldaten des Wachbataillons der Bundeswehr in Kampfmontur die 33 Stufen auf den Bahnsteig der U7 herunter. Eine Schnelle Reaktionstruppe („Quick Reaction Force“) soll die Menschen in dem gekaperten Zug befreien und die feindlichen Kräfte bekämpfen. Scharfschützen sichern die Ausgänge. Die Soldaten kappen zu ihrer eigenen Sicherheit die Stromversorgung der Schienen, bevor sie ins Gleisbett steigen. Dann nähern sie sich dem Zug in dem dunklen U-Bahn-Tunnel, aus den Waggons sind Hilferufe zu hören. Schüsse fallen, der Kampf beginnt.

Operation „Bollwerk Bärlin“ - Wachbataillon übt in Berlin die Verteidigung von Regierungsgebäuden im Kriegsfall.
Soldaten des Wachbataillons üben mitten in Berlin die Verteidigung von Regierungsgebäuden im Kriegsfall.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Das Wachbataillon muss im Ernstfall die Regierung schützen

So zumindest das Szenario, das in dieser Nacht trainiert wird. Das Wachbataillon der Bundeswehr kommt normalerweise zum Einsatz, wenn es feierlich wird: Beim Empfang wichtiger ausländischer Staatsgäste stehen die Soldatinnen und Soldaten nach den Vorschriften des diplomatischen Protokolls stramm, oder sie erweisen bei der feierlichen Verabschiedung eines Bundeskanzlers mit einem Zapfenstreich die militärische Ehre.

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Tritt jedoch der Spannungs- oder Verteidigungsfall ein, sollen die Männer und Frauen des 1957 aufgestellten Bataillons die Einrichtungen und Dienstsitze der Bundesregierung schützen – und notfalls mitten in den Häuserschluchten der Hauptstadt kämpfen. „Unser Einsatzraum ist Berlin, die Hauptstadt, ein hochkomplexes Einsatzgebiet mit einer großen Bevölkerung“, schildert der Kommandeur des Wachbataillons, Oberstleutnant Maik Teichgräber, die Herausforderungen.

„Bollwerk Bärlin“: Schüsse hallen durch den Berliner U-Bahn-Schacht

Die Straßen in der Metropole sind eng, die Gebäude hoch. Das sorgt für schlechte Sicht und schwierige Funkverbindungen. Um für den Ernstfall fit für den urbanen Kampf zu sein, trainiert das Wachbataillon in dieser Woche fünf Tage lang mitten in Berlin sowie in der „Fighting City“, einem Trainingsgelände der Polizei, und auf einem Gelände eines ehemaligen Chemiewerks in Rüdersdorf bei Berlin. Name der Gefechtsübung: „Bollwerk Bärlin“.

Operation „Bollwerk Bärlin“ - Wachbataillon übt in Berlin die Verteidigung von Regierungsgebäuden im Kriegsfall.
Um für den Ernstfall fit für den urbanen Kampf zu sein, trainiert das Wachbataillon in dieser Woche fünf Tage lang mitten in Berlin.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Die Soldaten haben den letzten Waggon erreicht, Pulverdampf zieht durch den schummrig beleuchteten Tunnel. „Hilfe, Hilfe!“, ruft jemand in dem Zug. „Ich habe so Angst!“, schreit eine andere Person. Nach und nach sichert das Wachbataillon die Lage, dringt in den Zug ein, bringt erste Zivilisten in Sicherheit. Schüsse hallen durch den Schacht.

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Der Tunnel sollte einmal eine Verbindung zum mittlerweile stillgelegten Flughafen Tegel werden, die jedoch nie gebaut wurde – typisch Berlin. Seit 2001 üben hier Einsatzkräfte wie Feuerwehr und Polizei. Das Manöver in dieser Nacht ist das erste Mal, dass die Bundeswehr hier trainiert. Das Einsatzszenario sei sehr realistisch, meint Kommandeur Teichgräber. Die U-Bahn sei ein gutes Mittel, um im Ernstfall Kräfte innerhalb der Stadt zu verlegen.

Operation „Bollwerk Bärlin“ - Wachbataillon übt in Berlin die Verteidigung von Regierungsgebäuden im Kriegsfall.
Wen die Soldaten des Wachbataillons bekämpfen, wird im Rahmen der Übung nicht ausdrücklich gesagt. Es geht um Saboteure, feindlicher Kräfte. Doch der Kontext ist klar: die befürchtete Bedrohung durch Russland.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Wen die Soldaten des Wachbataillons bekämpfen, wird im Rahmen der Übung nicht ausdrücklich gesagt. Es geht um Saboteure feindlicher Kräfte. Doch der Kontext ist klar: „Seit dem Beginn des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat sich die sicherheitspolitische Lage in Europa grundlegend geändert“, erklärt die Bundeswehr zu dem Manöver. „Eine wirksame Landes- und Bündnisverteidigung ist dadurch wieder verstärkt in den Fokus gerückt.“

Anlass ist die Befürchtung, dass Russland in den kommenden Jahren die Nato angreifen könnte. Die Notwendigkeit, mitten in Berlin für den Ernstfall zu trainieren, habe zugenommen, ist sich Teichgräber sicher. Russlands Angriff auf die Ukraine sei Realität. „Inwieweit das auf uns in Deutschland zukommt, kann ich nicht bewerten. Aber wir müssen vom scharfen Ende her denken. Es geht darum, einsatzbereit zu sein für das, was im schlimmsten Fall passieren könnte.“

Operation „Bollwerk Bärlin“ - Wachbataillon übt in Berlin die Verteidigung von Regierungsgebäuden im Kriegsfall.
im Rahmen der Operation „Bollwerk Bärlin“ üben Bundeswehrsoldaten die Bergung von Verletzten.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Besonders wichtig ist der Truppe, „unter realitätsnahen Einsatzbedingungen“ zu üben. Der Bundeswehr ist bewusst, dass das auch die üblicherweise durch wenig aus der Ruhe zu bringenden Hauptstädter verschrecken kann. Die Anwohner rund um den U-Bahnhof Jungfernheide sind vorab durch Aushänge informiert worden, damit sie nicht in Panik geraten, wenn mitten in der Nacht vermummte und bewaffnete Soldaten in den Bahnhof stürmen. Ein Infostand ist aufgebaut und im Internet hat die Bundeswehr gewarnt: „Es besteht keine Gefahr, es wird keine scharfe Munition eingesetzt.“

Geübt wird auch die Bergung Verwundeter: Zwei Soldaten hieven einen Kameraden aus dem Gleisbett auf den Bahnsteig. Der schreit „Mein Bein!“ und stöhnt. Andere Soldatinnen und Soldaten liegen und sitzen auf dem Boden, manche werden bereits versorgt. „Ich hör nichts mehr“, spielt eine Soldatin ihre Rolle. Verzerrte Stimmen knarzen aus den Funkgeräten.

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Die Übung geht dem Ende entgegen. Ein Sprengstoffhund muss noch zum Einsatz kommen, Soldaten tragen „verwundete“ Kameraden die Treppen des U-Bahnhofs hoch. Der verantwortliche Zugführer Hauptfeldwebel Marco K. ist zufrieden mit dem Einsatz. Es gab in dem Szenario zwar Verwundete, aber keine Toten unter seinen Soldaten. „Meine Kräfte sind sehr professionell vorgegangen, jeder wusste, was er zu tun hatte.“ K. ist froh, über die Übung in der U-Bahn. „Ich bin der Meinung, wie müssen auf alles vorbereitet sein.“