Schockierende Zahlen zu Femiziden in Deutschland: Kriminologen der Universitäten Tübingen und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen haben am heutigen Donnerstag eine neue Studie zu Tötungsdelikten an Frauen präsentiert und dabei das Ausmaß geschlechtsspezifischer Gewalt offenbart. Die Untersuchung analysierte 292 Fälle, unter denen sich 197 Fälle von versuchten und vollendeten Tötungsdelikten befanden, und kam zu einem alarmierenden Ergebnis: 67,5 Prozent dieser Taten sind als Femizide – der Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist – einzustufen.
Femizide in Deutschland: Die Gefahr kommt aus dem engsten Umfeld
„Partnerinnenfemizide im Zusammenhang mit Trennung oder Eifersucht sind mit Abstand die häufigste Form von Femiziden in Deutschland“, heißt es in einer Mitteilung der Universität Tübingen. Sexismus, die strukturelle Benachteiligung von Frauen, psychische Erkrankungen sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch würden ebenso einen großen Anteil an den Morden von Frauen und Mädchen tragen.
Die Forscher werteten in ihrer Studie zu 292 Fällen Vernehmungsprotokolle, Sachverständigengutachten, Anklageschriften und Urteile aus, die im Jahr 2017 als versuchte oder vollendete Tötungen von Frauen in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) von fünf Bundesländern eingegangen waren. Unter diesen fast 300 waren 197 Fälle von versuchten oder vollendeten Morden mit weiblichen Opfern. Betrachtet wurden dabei Baden-Württemberg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Teile Nordrhein-Westfalens, auf die im betrachteten Jahr etwa ein Drittel der bundesweit erfassten Fälle von Tötungsdelikten an Frauen entfielen.
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„Wir haben das Jahr 2017 ausgewählt, um sicherzustellen, dass die Strafverfahren zu Beginn der Auswertung im Jahr 2022 tatsächlich abgeschlossen waren“, sagte Jörg Kinzig, Direktor des Instituts für Kriminologie der Universität Tübingen und einer der Leiter der Studie. Kinzig wies jedoch darauf hin, dass sich Zahl der registrierten Tötungen an Frauen in den vergangenen Jahren nicht erhöht habe. Jedoch rücken die Fälle verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit.

Die Ergebnisse der Studie, kurz FemiziDE genannt, ergeben ein eindeutiges Bild: Die größte Gefahr geht vom (Ex-)Partner aus. Über 81 Prozent aller Femizide seien sogenannte Partnerinnenfemizide. Das häufigste und entscheidende Motiv hinter der Tat sei nicht etwa eine „Eskalation eines Streits“, sondern die tatsächliche oder befürchtete Trennung durch die Frau, heißt es in der Studie. Die Forscher bezeichneten diese Taten als „De-Etablierungsfemizide“. Sie entstünden aus einem tief verwurzelten Besitzanspruch und den sexistischen Einstellungen des Mannes, der die Kontrolle über die Frau nicht verlieren wolle.
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„Täter und Opfer führten meist eine Beziehung, in der die Männer für sich eine beherrschende oder überlegene Stellung beanspruchten“, erklärte auch Sabine Maier, Sozialwissenschaftlerin und Co-Autorin der Studie. „Viele wollten die Rolle des ,Ernährers´ oder ,Familienoberhauptes´ übernehmen, während sie die Rolle ihrer Partnerinnen eher im häuslichen Bereich verorteten und über deren Aktivitäten bestimmen wollten. In vielen Beziehungen ging diese Rollenverteilung aber bei genauerer Betrachtung nicht auf, beispielweise weil die Männer nicht erwerbstätig waren“, so Maier weiter. Zu Gewaltausbrüchen sei es in den Fällen vor allem dann gekommen, wenn die Frauen an der Beziehung gezweifelt und ihre Partner dies mitbekommen hätten.
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Kriminologen äußern scharfe Kritik: Systemversagen und die Rolle der Justiz
Die Studie identifizierte gravierende Lücken im Schutzsystem: So hätten viele Opfer vor der Tat keinen professionellen Schutz gesucht, oft aus Angst vor weiterer Eskalation. Wo staatliche Stellen involviert waren, sei das Risiko der Gewalteskalation durch Polizei und Justiz oft nicht korrekt eingeschätzt.

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Und selbst nach einer Tötung komme es nicht immer zu einer konsequenten Verurteilung wegen Mordes. Gerichte umgingen das Mordmerkmal der „niedrigen Beweggründe“ oft. Statt die geschlechtsverachtende Tat zu ahnden, werde mitunter die „verzweifelte Lebenslage“ des Täters hervorgehoben – eine faktische Verharmlosung der sexistischen Motivation.
Die Forscher stellten zudem eine Überrepräsentation von Personen mit eigener Migrationserfahrung sowohl bei den Opfern als auch bei den Tätern fest. Auffallend sei, dass in diesen Fällen die Emanzipationsbestrebungen der Frauen häufig als Katalysator für tödliche Konflikte in traditionell geprägten Beziehungen diene. Sogenannte „Ehrenmorde“ seien jedoch in der Statistik eher unterrepräsentiert, berichtete der Kriminologe Wolfgang Stelly: „In der Realität ist diese Fallkonstellation selten und daher nur mit drei Fällen in der Studie vertreten.“
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Forscher richten dringende Forderungen an die Politik
Angesichts dieser Befunde leiten die Forscher klare Forderungen an die Politik ab: Zum einem braucht es gesetzlich verankerte „Femicide Reviews“ nach jedem Tötungsdelikt, um Fehler im staatlichen Schutzsystem systematisch aufzudecken. Das geht auch einher mit der Forderung nach „German Homicide Minitors“, einer „kontinuierlichen Analyse der Tötungskriminalität in Deutschland“, heißt es in der Stellungnahme weiter. Zudem wird die Einführung der elektronischen Fußfessel für Hochrisikotäter als unerlässlich betrachtet, insbesondere um die Umgehung von Kontaktverboten über Umgangssituationen mit gemeinsamen Kindern zu verhindern.
Des Weiteren sei eine Justizreform unabdingbar. Eine Gesamtreform des Tötungsstrafrechts sei notwendig, um Femizide konsequent und eindeutig als Morde aus Geschlechtsverachtung zu ahnden, so die Forscher. Mit Verweis auf die Einführung von „German Homicide Monitors“ sei eine Aufnahme von „Femizid“ als eigenständigem Straftatbestand nicht sinnvoll. Doch sollten die für die Strafverfolgung zuständigen Mitarbeiter verstärkt im Bereich der geschlechtsbezogenen Gewalt geschult werden.
Außerdem brauche es einen gesellschaftlichen Wandel. Nur der konsequente Abbau von Sexismus und die Verankerung echter Gleichstellung könne langfristig Frauenleben wirksam schützen. Femizide sollten nicht weiter als bedauerliche Einzelfälle oder „Beziehungstragödien“ gelten, sondern seien als strukturelle Gewaltkriminalität zu sehen, die ein konsequentes staatliches Handeln erfordere. Aus diesem Grund müssten auch die Plätze in Frauenhäusern erhöht werden.
Auch die Versorgung von psychisch erkrankten Menschen müsse verbessert werden. Denn bei 49 Prozent der untersuchten Fälle habe es eindeutige Hinweise auf eine psychische Erkrankung oder auch Suchtprobleme (44 Prozent) gegeben. Zwei von fünf Männern (40 Prozent) standen während der Tat sogar unter Alkohol- oder Drogeneinfluss.







