Neue Pflichten für Jugendliche und junge Erwachsene, historischer Einschnitt für die Bundeswehr: Der Bundestag hat das neue Wehrdienst-Gesetz beschlossen, mit den Stimmen der Koalition und gegen das Nein der Opposition. Es geht jetzt ganz schnell: Fragebogen und Musterung für alle jungen Männer, vielleicht später auch die Wehrpflicht per Losverfahren. Erstmal gilt noch Freiwilligkeit beim Dienst in der Truppe, aber es gibt schon verpflichtende Elemente und eine neue Wehrerfassung. Am 1. Januar 2026, also in nur gut drei Wochen, tritt das Gesetz in Kraft.

Ab wann beginnt die Musterung?

Schon 2026 soll mit den Musterungen des Jahrgangs 2008 in kleinerem Umfang begonnen werden, ab Mitte 2027 werden die Untersuchungen dann flächendeckend stattfinden. Heißt: Ein großer Teil der Männer eines Jahrgangs mit deutscher Staatsbürgerschaft (gerechnet wird mit 200.000 Personen) muss zur Tauglichkeitsuntersuchung. Frauen können sich freiwillig zur Musterung melden. Verteidigungsminister Boris Pistorius will mit den Untersuchungen erreichen, dass die Bundeswehr „im Verteidigungsfall wirklich handlungsfähig ist und wir wissen, wer eingezogen werden kann“.

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Wie läuft die Musterung – wird es unangenehm?

An die Musterung früherer Zeiten haben selbst Fachleute schlechte Erinnerungen: „Es war furchtbar“, sagte bei einer Anhörung kürzlich der SPD-Verteidigungsexperte und Bundeswehr-Oberstleutnant Falko Droßmann. „Es roch nach Bohnerwachs und man wurde an Stellen angefasst, an denen man nicht angefasst werden möchte“. Der verantwortliche Bundeswehr-General Robert Sieger, Chef des Personalmanagement-Amtes, stimmte zu und versprach Besserung: Die Musterung werde anders als früher in freundlicher und positiver Atmosphäre stattfinden, man habe sich eigens Anregungen in Schweden geholt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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So läuft die Musterung: Die medizinische Untersuchung beginnt mit der Befragung über Erkrankungen und medizinische Vorgeschichte – wie beim Arzttermin –, es folgen Sehtest, Urintest, Belastungsuntersuchungen. Beim berüchtigten Hodengriff während der medizinischen Untersuchung wird es nach Angaben des Verteidigungsministeriums bleiben – damit lassen sich Auffälligkeiten von Krebs bis Leistenbruch erkennen. Es folgen ein computergestützter Eignungstest und ein Persönlichkeitstest sowie ein persönliches Gespräch – alles in allem etwa sechs Stunden.

Bundestag - Haushaltswoche
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). © Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler

Die Ergebnisse ergeben den Tauglichkeitsgrad von 1 (voll wehrdienstfähig) bis 5 (nicht wehrdienstfähig). In einem abschließenden Beratungsgespräch werde dann erörtert, in welche Richtung es weitergehen könnte, erläutert das Verteidigungsministerium. Gemustert werde außerhalb von Kasernen in angemieteten Liegenschaften, die „freundlich eingerichtet“ würden, sagt Sieger. Kreiswehrersatzämter gibt es nicht mehr, die Karrierecenter und die neu aufzubauenden Musterungszentren der Bundeswehr werden die Anlaufstellen sein. Die Charmeoffensive hat einen Grund: Schließlich hofft die Bundeswehr, dass bei Jugendlichen durch den Kontakt während der Musterung Interesse am freiwilligen Wehrdienst geweckt wird. Der Wehrbeauftragte Henning Otte preist die Musterung deshalb sogar als „kostenfreien staatlichen Fitnesstest“ an.

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Wann kommt der Fragebogen?

Als Erstes verschickt die Bundeswehr schon ab Anfang 2026 Fragebogen. Beginnend mit dem Jahrgang 2008 erhalten alle 18-Jährigen einen Brief mit einem QR-Code, der zu einem Online-Fragebogen führt. Dort werden persönliche Daten abgefragt: Geschlecht, Ausbildungsweg, Abschlüsse, Selbsteinschätzung der körperlichen Leistungsfähigkeit, Behinderungen, Familienstand. Kern ist eine Erklärung, ob man zum Dienst in der Bundeswehr bereit ist. Geschätzter Zeitaufwand: etwa 15 Minuten.

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Was, wenn man den Fragebogen nicht ausfüllt?

Männer müssen antworten, Frauen nicht. Das Verteidigungsministerium rechnet mit bis zu 300.000 Männern pro Jahrgang, die den Fragenbogen ausfüllen müssen: Wer sich weigert oder falsche Angaben macht, begeht eine Ordnungswidrigkeit, es droht ein Bußgeld. Junge Frauen bekommen den Fragebogen ebenfalls, ihre Angaben sind aber freiwillig. Die Bundeswehr könnte nach der Auswertung auf geeignete Interessenten zugehen, um sie für den Freiwilligen-Dienst zu gewinnen; auf sie würde auch als Erstes zurückgegriffen, wenn im Spannungsfall zu entscheiden ist, wer bevorzugt zum Wehrdienst einberufen wird.

Ausbildung von Reservisten der Bundeswehr
Ausbildung von Reservisten der Bundeswehr: Soldaten der 5. Kompanie des Heimatschutzregiments 3 üben das Eindringen in ein Gebäude.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Warum ist der freiwillige Wehrdienst jetzt attraktiver?

Im ersten Schritt setzt das Gesetz auf mehr Bewerber für den freiwilligen Wehrdienst, der attraktiver ausgestaltet wird. Die Dienstzeit wird mindestens sechs Monate dauern, man kann sich auch länger verpflichten. Ab zwölf Monaten werden die Wehrdienstleistenden Soldaten auf Zeit, dieser Status bringt Vorteile unter anderem bei der Berufsförderung; im Prinzip sollen die Soldaten ihre Dienstzeit individuell und unbegrenzt lange wählen können.

Der Sold ist so oder so attraktiv: Vom ersten Tag an gibt es einen Grundbetrag von 2600 Euro brutto im Monat – netto macht das etwa 2400 Euro (statt wie bisher etwa 1700 Euro), rechnen Experten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) vor. Denn es werden zwar Steuern fällig, aber keine Sozialbeiträge. „Der neue Wehrdienst wäre finanziell hochattraktiv – zumal als Soldat im Alltag kaum Kosten anfallen“, erklären die IW-Experten. Auch der Reservistenverband meint, für junge Menschen mit keinerlei Berufserfahrung sei der künftige Sold „ein enormer Betrag“.

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Außerdem gibt es für alle, die mindestens zwölf Monate Dienst ableisten, einen Zuschuss zum Führerschein: Bis zu 3500 Euro für die Pkw-Lizenz, bis zu 5000 Euro für den Lkw-Führerschein. Die Wehrdienstleistenden sollen zu Sicherungs- und Wachsoldaten ausgebildet und im Heimatschutz eingesetzt werden – wer länger als sechs Monate bleibt, kann sich auch spezialisieren. Nächstes Jahr wird mit 20.000 Freiwilligen geplant, für 2030 mit 40.000. Pistorius versichert: „Es muss niemand Angst haben. Es entsteht jetzt ein völlig neues Bild des Wehrdienstes.“

Wozu braucht es das neue Wehrdienstgesetz?

Hintergrund ist die gestiegene Bedrohung vor allem durch Russland. Nach Vorgaben der Nato muss Deutschland für den Krisen- oder Ernstfall 460.000 Soldatinnen und Soldaten bereit stellen. Die Bundeswehr hat heute aber nur 182.000 aktive Soldaten. Konsequenz: Die aktive Truppe soll schrittweise auf bis zu 270.000 Soldaten wachsen, gleichzeitig soll die Zahl der schnell verfügbaren Reservisten auf 200.000 erhöht werden. Diese Ziele sollen zunächst durch Freiwilligkeit erreicht werden – finden sich genug Bewerber, würde später die Wehrpflicht wieder eingeführt.

Kommt doch noch die Wehrpflicht?

Nein, die seit 2011 ruhende Wehrpflicht bleibt erstmal ausgesetzt. Vorerst soll weiter Freiwilligkeit gelten, die Bundeswehr muss sowieso zunächst Unterkünfte, Ausrüstung und Ausbilder organisieren. Aber: Sollte der zusätzliche Personalbedarf durch den freiwilligen Wehrdienst nicht erreicht werden, wird die Wehrpflicht später wieder eingeführt, nach Lage der Dinge frühestens wohl 2028. Das müsste aber auf jeden Fall der Bundestag nochmal extra debattieren und beschließen. Einen Automatismus gibt es also nicht, doch werden nun verbindliche Zielmarken ins Gesetz geschrieben: Pistorius muss jedes halbe Jahr einen Bericht vorlegen. Werden die Zielmarken verfehlt, muss die Bundesregierung aktiv werden.

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Werden Wehrpflichtige per Los ausgewählt?

Kann sein, sicher ist es nicht. Die Koalition hat sich zwar grundsätzlich darauf verständigt, dass das Losverfahren zum Zug kommen könnte, wenn Wehrpflichtige ausgewählt werden müssen. Aber: Besiegelt ist das nicht, der Bundestag müsste später das Losverfahren in einem gesonderten Gesetz regeln, betonten die Koalitionsspitzen. Pistorius nennt das Losverfahren die „ultimata ratio“ – also der letzte Lösungsweg –, wenn alle anderen Auswahlkriterien ausgeschöpft seien, dann aber sei es „wahrscheinlich das mildeste Mittel“. 

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Wehrdienst: Alles auf Los
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Die Wahrscheinlichkeit, zum Wehrdienst gezwungen zu sein, bleibt so oder so relativ gering. In Friedenszeiten würde auch mit der Wehrpflicht nur ein kleiner Teil eines Jahrgangs einberufen – vielleicht 10.000 oder 20.000 junge Männer, nicht mal zehn Prozent eines Jahrgangs. Doch haben alle jungen Männer auch das im Grundgesetz verankerte Recht, den Kriegsdienst an der Waffe zu verweigern: Das kann schon vor der Musterung geschehen oder erst bei der Einberufung.