Arson Attack Causes Multi-Day Blackout In Berlin District
Zehntausende Berliner waren tagelang ohne Strom. Die Täter sollen aus dem linksradikalen Milieu stammen. © Getty Images | Omer Messinger

Die mutmaßlichen Attentäter auf das Berliner Stromnetz legen nach, veröffentlichen eine „Erklärung und Ergänzung“ zu ihrem Bekennerschreiben auf der linksradikalen Plattform „Indymedia“. Sie formulieren Anschuldigungen, schütten ihre kruden Thesen aus. Doch eines fällt auf: Es scheint offenbar ihr schlechtes Gewissen durch. „Für die Unannehmlichkeiten des nicht wohlhabenden, auf Hilfe angewiesenen Teils der Bevölkerung möchten wir uns noch einmal ausdrücklich entschuldigen“, heißt es in dem veröffentlichten Text. Die Täter nennen sich „Vulkangruppe“.

Wer mit erfahrenen Sicherheitsbeamten spricht, die seit vielen Jahren die linksextreme Szene beobachten, überrascht diese Entschuldigung. Mehrfach hat es Anschläge durch radikale Linke gegeben, immer wieder auch hat die „Vulkangruppe“ die Anschläge für sich reklamiert: auf die Stromversorgung, auf das Werksbaustelle des Autoherstellers Tesla in Brandenburg, auf Trafohäuser und andere Starkstromkabel in Berlin. Doch dass sich die Angreifer – entschuldigend – zum Schaden von Betroffenen äußern, passiert eher selten. „Und immer weniger“, wie ein Fachmann in den Behörden sagt. Auf die Akzeptanz in der Bevölkerung für ihre Aktionen hätten viele Extremisten wenig Rücksicht genommen.

Im Südwesten Berlins sind weiterhin etwa 26.000 Haushalte ohne Strom. Grund für den großflächigen Stromausfall war ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke am Teltowkanal.

Der auffällige Duktus des Bekennerschreibens, aber auch einzelne Formulierungen und grammatikalische Fehler haben eine Debatte befeuert: Stammt das Schreiben nicht von Linksextremen? Sondern von russischen staatlichen Stellen? Auf den sozialen Plattformen analysieren mehrere Profile mit Sprach-Software den Text. Andrea Schlüter, Expertin für Künstliche Intelligenz beim Unternehmen TÜV AI.Lab, sei stutzig geworden, etwa bei Passagen wie: „wir versuchen damit, die Ausbeutung der Erde zu unterbrechen“. Das klinge wenig Berlinerisch, wenig nach Muttersprachler. Zudem verweist Schlüter auf falsche Schreibweisen, etwa wenn von „Giffay“ die Rede ist, womit die Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey gemeint ist. Ihre Vermutung: Formulierungen wurden mit einem Übersetzungstool ins Deutsche übersetzt.

Andere Medien greifen die Russland-These auf, ein CDU-Bundestagspolitiker springt auf. In den Sicherheitsbehörden sind viele ohnehin in Alarmstimmung: Pro-russischer Extremismus nimmt zu. Spionage und Sabotage bedrohen das Land. Es ist nicht lange her, da verstopften pro-russische „Low-Level-Agenten“ bundesweit mehr als 200 Auspuffrohre mit Bauschaum – und fingierten einen Anschlag von Umweltschützern.

Bekennerschreiben Vulkangruppe
Das Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“.© Vulkangruppe | Vulkangruppe

„Das Schreiben ist authentisch“, sagte Berlins Innensenatorin Iris Spranger

Doch zur Wahrheit gehört auch: Nur in wenigen Ausnahmefällen gelingt es, pro-russische Täter zu fassen. Drohnenüberflüge über Kasernen oder Rüstungsfirmen bleiben unaufgeklärt; Thesen über russische Einflussnahme lösen sich in Nichts auf – so war es etwa vor einem Jahr, als eine Serie von Anschlägen durch Gewalttäter, Asylsuchende und Islamisten ebenfalls Spekulationen über Verbindungen nach Moskau aufkommen ließ. Es ließ sich nicht erhärten.

Auch im Fall des aktuellen Anschlags auf das Berliner Stromnetz gehen die Sicherheitsbehörden nach Information unserer Redaktion nicht davon aus, dass der russische Staat dahintersteckt. Auch die Behörden haben das Bekennerschreiben analysiert, sehen Linksextreme im Fokus ihrer Ermittlungen. Fachleuten gilt der Angriff auf das Stromnetz zudem als gut vorbereitet, technisch kompliziert, unterfüttert mit Wissen über die Infrastruktur und Elektrotechnik. „Zu kompliziert für einen russischen Low-Level-Agenten“, sagt ein Ermittler.

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„Das Schreiben ist authentisch“, sagte Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) – am Dienstag gab die Bundesanwaltschaft bekannt, dass sie die Ermittlungen übernommen hat. Polizei-Vizepräsident Marco Langner sprach im Zusammenhang mit einer möglichen Spur nach Russland von „Fake News“, wie sie in solchen Fällen häufig verbreitet würden. Am Dienstagabend teilte die Bundesstaatsanwaltschaft mit, dass sie die Ermittlungen in dem Fall übernommen hat. Gegen die bislang unbekannten Täter bestehe unter anderem der Anfangsverdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, der verfassungsfeindlichen Sabotage sowie der Störung öffentlicher Betriebe , hieß es.

Der Berliner Verfassungsschutz ordnet die „Vulkangruppe“ der gewaltorientierten, anarchistischen Szene zu. Das Problem: Die Strafverfolger können bisher wenige Erfolge verbuchen. Es gibt keine Urteile gegen Mitglieder der Gruppe. Auch die Anschläge konnten nicht vereitelt werden – anders als bei Islamisten oder Rechtsextremen. Und das, obwohl die „Vulkangruppe“ schon seit 2011 aktiv ist.

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Das wirft auch eine Frage auf, die auch schon Innenminister ihre Polizeipräsidenten gefragt haben sollen: Warum kommt die Polizei den Tätern nicht auf die Spur? Oder provokant gefragt: Sind die Sicherheitsbehörden auf dem linken Auge blind?

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Vulkangruppe schwer zu fassen

Die „Entschuldigung“ der mutmaßlichen Täter von Berlin zeigt eines: Die Behörden gehen davon aus, dass die „Vulkangruppe“ nicht nur eine Gruppe ist – sondern ein Netzwerk an Linken. „Gruppen entstehen rund um konkrete Aktionen, veröffentlichen Texte, erzeugen Resonanz – und lösen sich wieder auf oder tauchen unter anderem Namen erneut auf“, sagt etwa Isabelle Holz, Vorsitzende des Netzwerks Terrorismusforschung e.V., unserer Redaktion. Das unterscheide den heutigen Linksextremismus grundlegend von früheren Organisationen wie der RAF oder der Revolutionären Zellen.

Und mit dem Wechsel der Mitglieder ändert sich auch der Duktus der Bekennerschreiben. Die lose Vernetzung macht es für Polizei und Staatsanwälte schwer, die Täter zu fassen. Ohnehin ist es für Geheimdienste und Staatsschützer schwer, in die linksradikale Szene vorzudringen.

Zuletzt zählten die Sicherheitsbehörden deutschlandweit mehr als 11.000 gewaltorientierte Linksextremisten. Dem gegenüber stehen rund 14.500 gewaltbereite Rechtsextremisten. Immer wieder heben Innenpolitiker wie auch Fachleute hervor, dass die größte Gefahr von rechtsextremer Gewalt ausgehe.

Manche Experten besorgt, dass sich das radikal linke Milieu polarisiert

Gleichzeitig sind die von der Polizei registrierten linksextremistisch motivierten Straftaten 2024 gestiegen, um 37,9 Prozent auf 5857 Delikte. Das Milieu ist seit Jahren aufgesplittet, in Anti-Imperialisten, Anti-Deutsche, Anarchisten, autonome Gruppen und andere. Und die Szene wird jünger.

Manche Experten sind besorgt, dass sich das radikal linke Milieu – wie auch die jungen Rechtsextremen – polarisiert. „Das Erstarken rechtsextremer Akteure, ihre Wahlerfolge, ihre Gewalt und ihre Präsenz im öffentlichen Raum werden in linken Milieus als Beleg dafür gelesen, dass ‚normale‘ demokratische Mittel versagen“, so Forscherin Holz. Es ist eine Logik der Eskalation, in der linke und rechte Akteure Gewaltaktionen legitimieren. Holz beklagt auch: Es fehle an Forschung zum Linksextremismus. Die „Bundesfachstelle Linke Militanz“ wurde 2025 nicht mehr weiter finanziert.

Was deutlich wird: Die Gewalt entlang von Demonstrationen durch Linke geht zurück. „Die unmittelbare Gefährdung des Linksextremismus entsteht weniger durch eskalierende Proteste oder Gewalt auf der Straße, sondern durch Angriffe auf Systeme, von denen sehr viele Menschen abhängen“, sagt Expertin Holz. Das bestätigen auch Nachrichtendienstler. Gewalt werde dabei nicht generell befürwortet, sondern als „letztes Mittel“, „Notwehr“ oder „Sachzwang“ gerahmt, so Holz.

Mit Ersatzleitungen konnten einige Haushalte wieder ans Stromnetz angeschlossen werden, rund 35.000 müssen aber wohl bis Donnerstag Geduld haben.
Mit Ersatzleitungen konnten einige Haushalte wieder ans Stromnetz angeschlossen werden, rund 35.000 müssen aber wohl bis Donnerstag Geduld haben. © dpa | Michael Ukas

Radikale Linke agieren gegen den Staat, gegen die Polizei. Die Szene weiß, dass sie beobachtet wird – und entwickelt „Gegenaufklärung“ gegen die Behörden, klärt über Anwerbeversuche durch Behörden auf, prüft Lebensläufe neuer Szene-Mitglieder auf deren Echtheit. Auch das macht es schwer, in linken Gruppen verdeckte Ermittler einzuschleusen oder V-Leute anzuheuern. Kooperationen mit dem Staat sind stark sozial geächtet. Das ist nicht bei jedem Islamisten oder Rechtsextremisten so.

Quellen in diesem radikal linken Milieu aufzubauen, dauert für Nachrichtendienste und Polizei Monate oder Jahre. Wenn es überhaupt gelingt. Die Personen brauchen eine Legende, die authentisch wirkt. Zugleich dürfen Spitzel des Staates selbst keine schweren Straftaten begehen – was schwer wird, wenn der Kern einer Gruppe die Ausübung von Anschlägen ist. Und noch ein Problem erschwert den Aufbau von Kontakten in die Szene: Die Mitglieder sind jung, teilweise noch Teenager. Auch eine Quelle der Sicherheitsbehörden muss entsprechend jung sein. Das ist nicht nur juristisch heikel, sondern auch ethisch.

Nach dem Brandanschlag auf wichtige Kabel steht Tausenden Menschen im Berliner Südwesten ein weiterer Tag ohne Strom bevor. Viele Schulen und Kitas bleiben geschlossen. Die Polizei hofft auf Zeugen.

Bei Islamisten erhalten die deutschen Behörden zudem immer wieder Hinweise von Nachrichtendiensten aus dem Ausland, oftmals den USA. Die US-Dienste hören mutmaßliche IS-Terrorzellen ab. Bei Linksextremen fehlen diese Meldungen weitestgehend – vor allem aus einem Grund: Linke radikale Gruppen agieren klandestin, treffen sich weniger in Chaträumen und mehr in der Küche der Wohngemeinschaft. Das macht das Filtern digitaler Dienste zwecklos.

Und auch bei konkreten Attacken entdecken die Ermittler selten, dass sich verdächtige Handynummern in Funkmasten am Tatort einloggen. Täter verwischen Spuren. „Sie wollen mit Taten nicht prahlen“, sagt einer. Anders als viele Islamisten.

Das alles macht es den Strafverfolgern schwer. Sie stochern im Nebel. Hinzu kommt: Für Anschläge auf Stromnetze brauchen die Täter keine Schnellfeuerwaffen. In Berlin nutzte die „Vulkangruppe“ nach eigenen Angaben „vier Baustellenspieße“, um einen Kurzschluss bei den Starkstromkabeln auszulösen. Das Werkzeug ist leicht zu besorgen. Täter müssen nicht aufwendig Waffen beschaffen. Und es kostet wenig. Ein kriminalistischer Leitsatz „Follow the money“ zielt ins Leere, wenn kein Geld fließen muss.