Mahmoud Moradkhani übt in seiner Praxis in der nordfranzösischen Gemeinde Croix tagsüber den Beruf eines ORL-Arztes aus; abends widmet er sich der Opposition gegen das despotische Regime seines Onkels: Irans oberster Führer, Ajatollah Ali Chamenei ist sein Onkel. Dennoch erfährt auch Moradkhani kaum etwas aus Teheran. „Es sickert nur sehr wenig durch. Meine Schwester konnte mich vor ein paar Tagen kurz aus Teheran anrufen, um mir mitzuteilen, es gehe ihr und ihrer Familie gut. Das ist schon viel, angesichts der massiven Repression“, sagt der 62-Jährige.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Ihm zufolge sind die Demonstrationen weitgehend eingedämmt. Die viel gehörte Zahl von 3400 Toten stellt er in Frage – als zu tief: „Ich habe von Zahlen gehört, die noch viel höher liegen: Es könnten bis zu 10.000 oder gar 12.000 Tote sein. Die Revolutionsgarden sollen mit Maschinengewehren in die Menge geschossen haben.“

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Überrascht davon ist Moradkhani nicht: „Die Reaktion dieses despotischen Regimes war absehbar, spätestens, als Telefon und Internet unterbunden wurden.“ Der Revolutionsführer Ali Chamenei lasse die Demonstranten massakrieren, weil er in allem Ernst glaube, das moralische Recht auf seiner Seite zu haben. Moradkhani kennt seinen Onkel gut. Der nachmalige Ajatollah war in Meschhed (vier Millionen Einwohner) eng mit seiner Familie liiert und ein liebenswerter, umgänglicher Onkel, der an Dichterabenden teilnahm und gerne den Koran vorlas, ohne den Anflug einer radikalen Gesinnung zu zeigen.

Alles wurde anders, als er nach Teheran ging und dort an die Macht kam. Sein Vorgänger Ajatollah Khomenei war 1989, zehn Jahre nach der Islamischen Revolution im Iran, gestorben. Staatspräsident Haschemi Rafsandschani begünstigte als Nachfolger Chamenei, weil er dachte, dass freundliche Geistliche leicht zu leiten und manipulieren sei. „Er täuschte sich gewaltig: der neue Ajatollah erwies sich als machtgieriger und größenwahnsinniger Diktator, der sogar seine eigenen Lügen glaubte.“

Exiliraner Mahmoud Moradkhani
Der Exiliraner Mahmoud Moradkhani kennt den starken Mann des Regimes in Teheran sehr gut: Ali Chamenei ist sein Onkel.© privat | Privat

Iran: „Die Mullahs sind nicht vom Mond gefallen“

Ali Chamenei sei von den meisten Leuten unterschätzt worden, denkt Moradkhani: „Hinter der umgänglichen Fassade steckt ein schlauer, böser Mensch.“ Und einer, der sich mit seinen 86 Jahren wohl noch ein paar Jährchen an der Macht halten könne, fügt sein Neffe an. Die Wächter der Islamischen Revolution, die heute die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kontrollieren, hielten zu den Mullahs. Denn für sie sei der religiöse Aspekt entscheidend, erklärt der oppositionelle Arzt. „Ohne geistigen islamischen Führer fühlen sich die Menschen – und auch die Pasdaran – verloren. Deshalb halten sie nach wie vor zum Ajatollah.“

Jetzt scheint das Regime der Mullahs die Aufständischen einmal mehr besiegt zu haben. Ist es aber nicht ein Schwächezeichen, mit aller Brutalität gegen das eigene Volk vorzugehen? „Die Ajatollahs haben nun schon den vierten Aufstand mit Gewalt unterdrückt. Das hinterlässt natürlich Spuren“, sagt Moradkhani. „Aber der Iran ist ein komplexes Gebilde. Die Mullahs sind nicht vom Mond gefallen, sie entsprechen einem – religiösen – Bedürfnis vor allem der ländlichen Bevölkerung“, räumt Moradkhani ein.

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Iran: Sohn des Schahs als Nachfolger? „Unfähig, die Nation hinter sich zu scharen“

Und was hält er vom Sohn des einstigen Schahs, Reza Pahlavi, der in den USA lebt? „Er ist unfähig, die Nation hinter sich zu scharen. Er ist kein schlechter Mensch, aber er geht ungeschickt vor“, lautet Moradkhanis Urteil. In den Demonstrationen hätten zwar einzelne nach ihm gerufen und sein Porträtbild geschwenkt. „Aber vielleicht mangels besserem.“ Und sehr zahlreich seien sie nicht gewesen. Auch die Protestzüge seien nicht riesig gewesen. Moradkhani erinnert daran, dass in der Islamischen Revolution von 1979 – damals war er siebzehn – Millionen auf die Straße gegangen waren. Jetzt sei der Autoverkehr in der nächsten Straße weitergegangen, als wäre nichts. „Ali Chamenei kann nur gestürzt werden, wenn sich die Opposition vor den Demonstrationen zusammentut, organisiert und erst dann auf die Straße geht“, denkt Moradkhani. „Letzte Woche war es umgekehrt: Es wurde demonstriert, ohne dass der Widerstand organisiert war. Das kann nicht gutgehen.“

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Doch sind die Iraner nicht wütender denn je auf ein Regime, unter dem das Leben unbezahlbar teuer wird? „Die Wut des Volkes genügt nicht für eine Revolution. Hunger und Elend auch nicht“, relativiert der Arzt. „In der islamischen Revolution von 1979 hatten die Basar-Händler in Teheran genug Mittel, um im Kampf gegen das Schah-Regime neun Monate auszuhalten. Heute haben die Leute keine Reserven. Viele sind deshalb zu Hause geblieben. Sie warteten, ob die Amerikaner eingreifen würden.“

Die seien aber so wenig auf die Proteste vorbereitet gewesen wie die iranische Opposition. „Donald Trump ist ein Pokerspieler ohne Plan“, sagt Moradkhani am Telefon voller Bitterkeit. „Um ein Regime zu stürzen, das 40 Jahre Erfahrung mit der Unterdrückung der eigenen Bevölkerung hat, braucht es schon etwas mehr Vorbereitung.“ Der Exiliraner schließt nicht aus, dass Trump mit seinen Drohungen die 800 angekündigten Hinrichtungen vorerst verhindert habe: „Gut möglich, dass das Regime in Teheran den USA gewisse Zusicherungen gemacht hat.“ Aber zugleich habe Ali Chamenei am Samstag angekündigt, er werde den Aufständischen „den Rücken brechen“.