Melden sich die Deutschen zu oft krank? Ja, findet Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bad Rappenau bei Heilbronn erklärte er, dass Beschäftigte in Deutschland im Schnitt auf 14,5 Krankentage kämen. „Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig?“, fragte der Kanzler. Aber: Wie sieht die Lage tatsächlich aus?
Wie oft sind die Deutschen krank?
Nach einer aktuellen Auswertung der Krankenkasse DAK-Gesundheit waren Beschäftigte im vergangenen Jahr durchschnittlich 19,5 Kalendertage krankgeschrieben. Das ist nahezu derselbe Wert wie im Jahr zuvor, der bei 19,7 Fehltagen lag. Für die Analyse wertete das Berliner IGES-Institut nach Angaben der DAK Daten von rund 2,4 Millionen Versicherten aus. Die häufigsten Gründe für eine ärztlich bescheinigte Arbeitsunfähigkeit waren demnach Atemwegserkrankungen, psychische Erkrankungen sowie Beschwerden des Muskel-Skelett-Systems, etwa Rückenschmerzen.
Das Statistische Bundesamt ermittelte für 2024 im Durchschnitt rund 14,8 krankheitsbedingte Fehltage pro Beschäftigten, also knapp drei Wochen im Jahr. Die Statistik erfasst jedoch nur Krankmeldungen ab dem dritten Fehltag. Unabhängig von der jeweiligen Erhebung zeigt sich: Die Zahl der gemeldeten Krankentage liegt in den letzten Jahren auf einem relativ stabilen Niveau.
Vor 2021 hingegen wurden deutlich weniger Krankmeldungen erfasst. Dafür gibt es mehrere Gründe. Seit 2022 ersetzt die elektronische Krankschreibung (eAU) den früheren „gelben Zettel“. Ärztinnen und Ärzte leiten die Krankschreibung automatisch an die Krankenkassen weiter. Früher mussten Beschäftigte ihre Krankmeldung selbst an die Kasse schicken – so fielen einige aus der Statistik. Das neue System führt laut Statistischem Bundesamt zu einer vollständigeren Erfassung des Krankenstandes.
Sind Deutsche öfter krank als Menschen in anderen Ländern?
OECD-Daten legen nahe, dass sich Menschen in Deutschland häufiger krankmelden als in anderen untersuchten Staaten. Nach Angaben der Organisation kamen Beschäftigte hierzulande im Jahr 2022 auf 24,9 bezahlte Krankheitstage pro Person – der höchste Wert im OECD-Vergleich.
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Aussagekräftig sind diese Zahlen jedoch nur eingeschränkt. Denn die Länder erfassen Krankheitsausfälle sehr unterschiedlich. In Deutschland fließen die Daten der Krankenkassen relativ vollständig ein, dennoch können einzelne Tage fehlen, etwa, weil ein ärztliches Attest erst ab dem vierten Krankheitstag vorgeschrieben ist. Hinzu kommt: Die OECD zählt nur bezahlte Krankheitstage. Wie viel Lohn Beschäftigte im Krankheitsfall erhalten, ist aber international sehr verschieden. In Schweden etwa bleibt der erste Krankheitstag unbezahlt, danach werden 80 Prozent des Lohns für bis zu zwei Wochen gezahlt. In Deutschland hingegen gibt es ab dem ersten Krankheitstag das volle Gehalt, bis zu sechs Wochen lang.
Was ist die aktuelle Regelung zur telefonischen Krankschreibung?
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können sich unter bestimmten Voraussetzungen telefonisch krankschreiben lassen. Das gilt grundsätzlich nur bei leichten Erkrankungen. Ob eine persönliche Untersuchung in der Praxis oder ein Videogespräch notwendig ist, entscheidet die Ärztin oder der Arzt.

Telefonische Krankschreibungen dürfen zudem nur für Patientinnen und Patienten ausgestellt werden, die der Praxis bekannt sind und dort innerhalb der vergangenen zwei Jahre mindestens einmal behandelt wurden. In der Regel gilt eine telefonische Krankschreibung für höchstens fünf Tage. Wer anschließend eine Folgebescheinigung benötigt, muss in die Praxis kommen. Bietet die Praxis Videosprechstunden an, sind Krankschreibungen von bis zu sieben Tagen möglich. Auch Eltern können sich telefonisch freistellen lassen, wenn sie ein erkranktes Kind zu Hause betreuen müssen – vorausgesetzt, das Kind ist der Praxis bekannt.
Was möchte Gesundheitsministerin Warken jetzt ändern?
Nach der Kritik von Friedrich Merz am Niveau der Krankheitstage kündigte Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) an, die Regeln zur telefonischen Krankschreibung prüfen zu wollen. Grundlage dafür sei die Vereinbarung im Koalitionsvertrag. Darin heißt es, die telefonische Krankschreibung solle so verändert werden, „dass Missbrauch künftig ausgeschlossen ist“, etwa durch den Ausschluss von Online-Krankschreibungen über private Plattformen. „Genau das werden wir angehen und die aktuellen Regelungen auf den Prüfstand stellen. Wir brauchen praktikable Lösungen“, sagte Warken dem „Tagesspiegel“.
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Welche Kritik gibt es an den Plänen?
Kritik an den Plänen kommt unter anderem vom Sprecher für Gesundheitspolitik der Grünen, Janosch Dahmen. „Die telefonische Krankschreibung ist in der Praxis ein sinnvolles Instrument: Sie entlastet Arztpraxen, reduziert unnötige Arztkontakte und schützt gerade in der Erkältungs- und Grippesaison vor Ansteckungen im Wartezimmer“, so Dahmen. „Wer das zurückdreht, macht die Versorgung teurer, schlechter und bürokratischer.“ Der Anstieg der Krankentage sei vielmehr auf die Digitalisierung der Erfassung zurückzuführen, nicht auf die telefonische Krankschreibung.

Auch die SPD warnt vor vorschneller Kritik. „Die telefonische Krankschreibung ist kein ‚Freifahrtschein‘, sondern eine eng begrenzte, ärztlich verantwortete Regelung für leichte Erkrankungen“, sagt der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Christos Pantazis. „Wir haben im Koalitionsvertrag vereinbart, dass wir die telefonische Krankschreibung so verändern werden, dass Missbrauch ausgeschlossen ist, und dazu stehen wir. Wer jetzt jedoch reflexhaft die telefonische AU zum Sündenbock macht, verwechselt Symptom und Ursache.“





