Große Pünktlichkeit gehörte nicht zu den Stärken von Rita Süssmuth. Häufig kam die CDU-Politikerin knapp oder sogar zu spät, sehr zum Unmut von Bundeskanzler Helmut Kohl. Doch wenn es wichtig war, dann war Rita Süssmuth nicht nur pünktlich. Dann war sie ihrer Zeit voraus.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Rita Süssmuth wurde 1937 in Wuppertal geboren, als Tochter eines Lehrers und seiner Ehefrau. Auch Süssmuth, die damals noch Kickuth heißt, begann ihr Studium mit dem Ziel, Lehrerin zu werden. Doch sie entschied sich um, ging in die Forschung und wurde Erziehungswissenschaftlerin. Parallel dazu heiratete sie den Historiker Hans Süssmuth, die beiden wurden Eltern einer Tochter. Dass sie als Frau in Wissenschaft und später in der Politik überhaupt erfolgreich wurde, schrieb sie ihrem Vater zu. Der habe großen Bildungshunger in ihr geweckt.
Parallel zu ihrer Karriere als Wissenschaftlerin engagierte sich Süssmuth ab 1981 in der CDU. Schon zwei Jahre später war sie Vorsitzende des Bundesfachausschusses Familienpolitik der Partei. Als Heiner Geißler 1985 sein Amt als Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit abgab, schlug er Süssmuth als seine Nachfolgerin vor.

Süssmuth war nur drei Jahre Ministerin, doch sie prägte das Amt
Süssmuth sollte nur drei Jahre Ministerin bleiben, doch sie prägte das Amt: 1986 erreichte sie, dass ihr Haus umbenannt wird in „Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit“. Zahlreiche familienpolitische Neuerungen wurden von Süssmuth umgesetzt – etwa die Einführung von Erziehungsgeld und Erziehungsurlaub, die noch Vorgänger Geißler angestoßen hatte. Süssmuth sorgte auch dafür, dass Erziehungszeiten bei der Rentenversicherung angerechnet wurden, und kämpfte erfolgreich für höhere Kinderfreibeträge. Als Ministerin versuchte Süssmuth zudem, dafür zu sorgen, dass Vergewaltigung auch in der Ehe strafbar wird, scheiterte aber am Widerstand der eigenen Partei. Erst 1997 wurde das Strafgesetzbuch entsprechend geändert.
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Als Aids sich in den 1980er Jahren in Deutschland ausbreitete, war der Umgang mit der Krankheit und den Erkrankten heftig umstritten. Teile der Union, vor allem die CSU, forderten damals Zwangstests und Ausgrenzung von Erkrankten. Süssmuth setzte auf Prävention und Aufklärung und machte sich gegen die Stigmatisierung von Betroffenen stark. Aus dieser Zeit stammt auch ein Werbespot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der die Verwendung von Verhütungsmitteln zum Schutz vor Krankheiten enttabuisieren sollte. In der ursprünglichen Fassung rief Hella von Sinnen als Kassiererin „Rita, was kosten die Kondome?“ durch den Laden. Der Name wurde später zu „Tina“ geändert.

Als sie Bundestagspräsidentin wurde, hat sie „tagelang geweint“
1988 wurde Süssmuth zur Bundestagspräsidentin gewählt. Sie übernimmt das Amt auf Bitten von Helmut Kohl, weil Vorgänger Philipp Jenninger nach einer Rede zur Pogromnacht zurücktreten musste. Der Abschied vom Ministerinnenamt fiel ihr schwer, sie habe „tagelang geweint“, erinnerte sie sich später.
Auch im neuen Amt, das sie zehn Jahre lang bekleiden würde, hatte Süssmuth kein Interesse, sich auf das Repräsentieren zu beschränken. Die Katholikin Süssmuth sprach sich für eine Reform des Paragrafen 218 aus, der Schwangerschaftsabbrüche bis heute unter Strafe stellt, und wollte es Frauen ermöglichen, in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft frei über einen Abbruch zu entscheiden. Dafür wurde sie von katholischen Bischöfen und auch aus dem eigenen politischen Lager heftig kritisiert.

Sie war eine von den „Unbeugsamen“
Mit Helmut Kohl, unter dem sie in die Spitzenpolitik gekommen war, hatte Süssmuth sich damals schon überworfen. Sie gehörte zu einer Gruppe von Unionspolitikern, die schon 1989 versucht hatten, den Parteivorsitzenden zu stürzen. Trotzdem sagte sie dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ später über Kohl, es hätte „nicht nur den einen Kohl“ gegeben. „Kohl konnte in den schlimmsten Tönen über seine Gegner schimpfen, aber wenn ein Mensch in Not war, half er ihm.“

Süssmuth stand immer für eine andere, liberalere CDU – und ließ sich darin nicht beirren, auch wenn sie sich in ihrer eigenen Partei oft unbeliebt machte. Die klein gewachsene Frau hatte keine Scheu, sich für das, was ihr wichtig war, mit Größen der Union anzulegen.
2021 gehörte Süssmuth zu den Protagonistinnen im Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“. Zusammen mit Christa Nickels von den Grünen und Ursula Männle von der CSU beschrieb sie die teilweise sehr chauvinistischen Zustände in der Bonner Republik. Bis zuletzt setzte sie sich für mehr Frauen in Führungspositionen ein und kämpfte für eine Parität von Männern und Frauen im Bundestag und in den Landesparlamenten. Je älter Süssmuth wurde, umso weniger Geduld hatte sie noch in dieser Sache: Eine 2022 veröffentlichte Streitschrift trägt den Titel „Parität jetzt!“
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Im Juni 2024 machte sie eine schwere Brustkrebserkrankung öffentlich, an der sie seit mehreren Jahren litt. Doch für Süssmuth war das kein Grund, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Sie wolle weiter dazu beitragen, dass es der Gesellschaft besser gehe, sagte sie damals der „Bild“. „Dafür gebe ich alles.“ Trotz Krankheit brachte sie sich weiter öffentlich ein, veröffentlichte 2024 noch ein Buch, in dem sie für den mutigen Kampf für demokratische Werte warb.
Am 1. Februar 2026 ist Rita Süssmuth im Alter von 88 Jahren gestorben. (mit KNA)







