In der Nacht auf Dienstag hat Artem Lysak nur wenig Schlaf gefunden, so wie viele Menschen in der ukrainischen Hauptstadt. Zahlreiche Explosionen erschüttern Kiew, die meisten künden von Treffern der Luftabwehr. Wieder einmal hat Russland die Ukraine mit einer massiven Welle an Luftangriffen überzogen. Das Ziel einmal mehr: die ohnehin schwer beschädigte Energieinfrastruktur des Landes. Lysak ist wütend: „Sie verkünden einen sogenannten Energiewaffenstillstand, warten auf den kältesten Tag und schlagen dann zu.“ Nicht alle Geschosse können abgefangen werden. Noch mehr Menschen in Kiew und anderen Städten der Ukraine sind ohne Strom, ohne Heizung. Bei minus 20 Grad.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Gerade einmal ein Wochenende hat sich Moskau zurückgehalten und die Angriffe pausiert, mit denen es seit Anfang Januar die Ukraine überzieht, um die Bevölkerung in Kälte und in Dunkelheit zu bomben. US-Präsident Donald Trump hatte zuvor auf einen Stopp dieser Attacken gedrängt. In der Nacht auf Dienstag jagt Moskau erneut hunderte Geschosse ins Nachbarland, mehr als 70 Marschflugkörper und Raketen, und mehr als 450 Angriffsdrohnen.
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Angegriffen werden acht Regionen. Etwa 60 Geschosse überwinden die Luftabwehr, treffen Umspannwerke, Heiz- und Wämekraftwerke, Wohnhäuser. Energieminister Denys Schmyhal findet drastische Worte für das russische Vorgehen. Es sei der „Versuch eines winterlichen Völkermords“. Der größte ukrainische Energieversorger DTEK spricht vom schwersten Angriff auf die Energieinfrastruktur seit Jahresbeginn.
Bereits seit Anfang des Jahres überzieht Moskau die Ukraine mit heftigen Luftangriffen. Im Fokus ist vor allem die Hauptstadt Kiew. Aber auch andere Großstädte wie Charkiw im Nordosten, Odessa im Süden oder Dnipro im östlichen Zentrum, stehen unter Beschuss. Die Russen machen keinen Hehl aus ihrem Kalkül: Sie wollen bei den laufenden Friedensverhandlungen den Entscheidungsspielraum der Ukrainer verengen. So hat es Kremlsprecher Dmitri Peskow im Januar zynisch ausgedrückt.

„Ärzte führen manchmal Operationen mit einer Taschenlampe durch“
Es ist deswegen kein Zufall, dass die neue Angriffswelle in der Nacht auf Dienstag gestartet wurde. Nato-Generalsekretär Mark Rutte ist an diesem Tag in Kiew, für Mittwoch sind Verhandlungen in Abu Dhabi angesetzt. Moskau will den Druck maximal erhöhen. Präsident Wolodymyr Selenskyj ist empört: „Für Russland ist es wichtiger, die kältesten Tage des Winters zum Terror gegen Menschen zu nutzen, als Diplomatie einzusetzen.“ Rutte kritisiert Moskaus „mangelnden Ernst in Bezug auf den Frieden“.
Artem Lysak, ein Journalist, beschreibt die dramatischen Folgen dieses anhaltenden Terrors aus der Luft: „Kinder gehen nicht zur Schule, Kindergärten sind geschlossen, weil es unerträglich kalt ist. Ärzte führen manchmal Operationen mit einer Taschenlampe durch.“ Besonders für ältere Menschen wird die Situation immer problematischer: „Rentner sind auf den oberen Stockwerken von Wohnhäusern eingeschlossen, weil die Aufzüge nicht funktionieren. Sie können nicht einmal Lebensmittel kaufen.“ Diejenigen, die noch eine Gasversorgung haben, heizen Ziegelsteine auf, die speichern Wärme und dienen als Ersatzheizungen.

Aktuell sind nach Angaben von Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko 1170 Wohnblocks ohne Heizung. „Manche davon schon seit den ersten Angriffen Anfang Januar. Viele Wasserleitungen sind geborsten“, erzählt Dmytro Banias. Er ist 20, arbeitet in der PR-Branche und lebt im Distrikt Darnytskyi, der bei den jüngsten Angriffen am heftigsten getroffen wurde. „Ich war geschockt von den ersten Explosionen.“ Als die ersten Geschosse einschlagen, fallen sofort der Strom und die Heizung aus, das Mobilfunknetz wird heruntergedrosselt. „Man hat kaum noch Nachrichten reinbekommen, ob noch Drohnen in der Luft sind.“
Schon seit Wochen lebt Banias unter Extrembedingungen. Meistens hat er nur vier Stunden am Tag Strom. „Der Alltag ist sehr kompliziert. Man muss genau planen, wo und wann man kochen kann, wo man Telefon und Powerbanks auflädt.“ Seine Haushaltsarbeiten erledigt er häufig in der Nacht. „Die Situation wird immer schlimmer.“ Was ihn aufrecht hält, ist die Solidarität der Menschen. „Alle helfen einander, man übernimmt Verantwortung füreinander.“

„Ich weiß nicht, woher diese Leute die Kraft nehmen“
Arbeiter und Ingenieure sind seit Wochen rund um die Uhr im Einsatz, um die zerstörte Energieinfrastruktur zu reparieren. Banias ist von ihrem Einsatz beeindruckt: „Ich weiß nicht, woher diese Leute die Kraft nehmen. Aber ich respektiere und wertschätze ihre Arbeit sehr.“ Für die Kiewer sind diese Männer und Frauen Helden. Wie lange sie es noch schaffen, den vollständigen Kollaps zu verhindern, ist aber die bange Frage, die sich immer mehr stellen.
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Bereits am Wochenende hat sich gezeigt, wie labil das ukrainische Stromnetz mittlerweile ist. Am Samstagvormittag kommt es zu großflächigen Stromausfällen im Land, die sich auch auf das benachbarte Moldawien ausweiten. Dieses Mal sollen nicht die Russen, sondern eine technische Störung dafür verantwortlich sein. In Kiew führen die Stromausfälle zu einer kompletten Unterbrechung der Wasserversorgung, die U-Bahn, die für viele Hauptstädter das Hauptverkehrsmittel ist, steht erstmals in ihrer Geschichte still.

„Die Situation ist derzeit extrem gefährlich und kritisch“, warnt Oleksandr Kharchenko, Leiter des ukrainischen Energieforschungszentrums, im Gespräch mit unserer Redaktion. „Die Lage ist komplizierter als jemals zuvor seit Beginn der Vollinvasion.“ In Kiew sei eines der drei zentralen Heizkraftwerke nach dem jüngsten Angriff so schwer beschädigt, dass es Monate dauern werde, es zu reparieren: „Wenn man so viele Treffer bekommt, kann nichts mehr stabil sein“.
Kharchenko hält die Situation für historisch einmalig: „Seit dem Zweiten Weltkrieg hat es weltweit keine so massiven und gezielten Angriffe auf die Energieinfrastruktur eines Landes gegeben.“ Und heute sei die Technik wesentlich komplizierter als vor 80 Jahren. Es sei derzeit nur möglich, mit kreativen und unkonventionellen Lösungen die Netze aufrechtzuerhalten. Trotzdem ist er optimistisch: „Sie werden es nicht schaffen, uns kollabieren zu lassen.“








