Noch vor zwei Jahren galt Marco Rubio vielen in Washington als erledigt: der ewige Präsidentschaftsanwärter, 2016 von Donald Trump als „Little Marco“ verspottet und im republikanischen Debattenzirkus gedemütigt. Zehn Jahre später ist der 54-Jährige der zentrale Architekt von Trumps Außen- und Sicherheitspolitik. Und der Mann, der aus Bauchgefühl Strategie machen soll. 

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Als Außenminister und informeller Anführer der 50-köpfigen US-Delegation aus Regierungsvertretern und Kongressgrößen bei der am Freitag startenden Sicherheitskonferenz in München wird der Sohn kubanischer Einwanderer jenes Scheinwerferlicht absorbieren, auf das ein Jahr zuvor ein dunkler Schatten gefallen ist. 

Donald Trump with Congo and Rwanda FMs - Washington
US-Vizepräsident JD Vance (l.) und Außenminister Marco Rubio (r.) mit Präsident Donald Trump im Oval Office.© picture alliance / CNP/AdMedia | CNP/AdMedia

JD Vance, Trumps Vizepräsident, hatte bei der 2025er-Ausgabe Europa frontal attackiert: zu viel Zensur, zu viel Migration, zu viel „Brandmauern“ gegen Rechtsaußenparteien. Vance traf damals demonstrativ AfD-Chefin Alice Weidel. Berlin, sprach von unerwünschter Einmischung. Verteidigungsminister Boris Pistorius nannte Vance’ Ton „nicht akzeptabel“. 

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USA: Ist Trumps Außenminister Rubio in München auch auf Krawall gebürstet?

Weil dieses Echo bis heute nicht verklungen ist, ist vor München die Frage virulent: Ist Rubio im Rennen der potenziellen Kronprinzen Trumps wie Vance am Ende auch auf rhetorischen Krawall gebürstet? Oder sind noch Restbestände des alten Transatlantikers vorhanden, als der er in seiner Zeit als Senator in Europa geschätzt war? 

Wer den „Secretary of State“ seit Trumps Amtsantritt kontinuierlich beobachtet hat, weiß: Mit Rubio kommt nicht der diplomatische Reparaturbetrieb an die Isar. Auch wenn sein Profil das genaue Gegenteil von Lautstärke ist: kontrollierte Sprache, klare Machtausübung, hohe Umsetzungsdisziplin. Er ist nicht der Mann des großen Knalls, sondern der Mann des Durchziehens.

Marco Rubio
US-Außenminister Marco Rubio hat kubanische Wurzeln. US-Präsident Donald Trump sagt über ihn: „Wenn ich ein Problem habe, rufe ich Marco an. Er löst es.“© picture alliance / AP Photo | jkane|File|Filed|8/31/2016 1\58\42 AM, John Raoux

Besonders in Lateinamerika führt an ihm kaum ein Weg vorbei. Die Entführung von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro durch US-Spezialkräfte, die das Land faktisch in ein von Washington kontrolliertes Protektorat auf Zeit verwandelte, trägt seine Handschrift. Als Kind kubanischer Einwanderer und langjähriger Hardliner gegen die Regime in Havanna und Caracas inszenierte Rubio den Einsatz als Auftakt einer Strategie, die man so beschreiben könnte: Erst der eigene Hinterhof, dann der Rest der Welt.

Hier liegen bisher seine größten Erfolge. In Florida, Heimat vieler Exil-Kubaner und -Venezolaner, ist Rubios Popularität explodiert. Konservative Medien feiern ihn als Mann, der Trumps Drohungen in konkrete Pläne übersetzt – vom Öl-Deal mit einem Übergangsregime in Caracas bis zu Sanktionen gegen kubanische Militärs. Öffentlich spricht Rubio beschwichtigend von „Gesetzesvollzug gegen einen Angeklagten“, nicht von Krieg.

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Die Kehrseite: Der Preis dieser Härte sind wachsende Zweifel im Kongress. Eine parteiübergreifende Resolution im Senat soll Trump weitere Militäraktionen ohne Zustimmung der Abgeordneten untersagen – ein indirektes Misstrauensvotum auch gegen den Architekten der Venezuela-Strategie. Sollte das Land im Chaos versinken, würde Rubios Stern schnell an Glanz verlieren.

Rubio, der als Senator Trumps Nato-Schelte heftig kritisierte, spricht heute von einer „überholten Nachkriegsordnung“, die „gegen uns Amerikaner verwendet“ werde. Zugleich versichert er, Artikel 5 des Nato-Vertrags sei „das Fundament unserer Sicherheit“ – fügt aber hinzu, reiche Verbündete müssten „endlich ihren fairen Anteil zahlen“, sonst seien amerikanische Zusagen „politisch nicht mehr haltbar“. 

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USA: Wer zahlt, wird verteidigt – wer nicht zahlt, steht im Regen

Rubio versucht ständig den Spagat. „‚America first‘ bedeutet nicht ‚America allein‘“, sagt er gern. Und er betont, es gehe nicht um Isolation, sondern um eine „Neujustierung veralteter Institutionen in unserem Interesse“. Kritiker sehen darin vor allem eine Verpackung für eine Politik, die Allianzen nur noch als Geschäftsmodell versteht: Wer zahlt, wird verteidigt – wer nicht zahlt, steht im Regen.

Warum hält Trump so große Stücke auf ihn? Weil Rubio in diesem Weißen Haus als technisch versiertester Vollstrecker der Trump-Linie gilt. Der Präsident lobte ihn öffentlich im Rosengarten: „Wenn ich ein Problem habe, rufe ich Marco an. Er löst es.“ Fast ein Ritterschlag. Rubio hat laut Insidern „alles, was Trump ihn gebeten hat zu tun“, erledigt. Loyalität plus Exekution; im System Trump ist das mehr als die halbe Miete. 

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Zumal Rubios Job-Portfolio eine Art institutioneller Mehrkampf geworden ist: Außenminister, interimistischer Nationaler Sicherheitsberater, zeitweise Chef des kahl gesparten Entwicklungshilfe-Dienstes USAID. Zusätzlich bis vor Kurzem kommissarischer Chef des Nationalarchivs. Trump stapelt Verantwortung auf wenige, maximal loyale Köpfe. Rubio trägt die schweren Pakete bislang geräuschlos.

Gerade dadurch wirkt der biografische Kontrast so scharf. 2016 hatten sich Trump und Rubio im republikanischen Vorwahlkampf mit persönlichen Tiefschlägen überzogen; „Betrüger“ und „Gauner“ fielen auf beiden Seiten. Rubio sagte später, seine Kinder seien „beschämt“ gewesen von diesem Ton. 

Heute ist aus dem Rivalen der stabilste Pfeiler im Trump-Kabinett geworden. Sein Wandel vollzog sich schrittweise. Zuerst als Senator, der in der ersten Amtszeit Trumps Richter durchwinkte. Dann als Außenministerkandidat, der im Senats-Hearing versprach, die „Vision des Präsidenten“ umzusetzen. 

Dazu gehört, in Brüssel Warnungen vor einem Nato-Bruch „Hysterie“ zu nennen und zugleich den Druck auf Europa zu erhöhen, mehr und schneller für die eigene Verteidigung zu zahlen. In anderen Feldern setzt er schärfere Kanten, etwa wenn er Europa kühl zurückweist („Die EU hat nicht das Recht zu bestimmen, was internationales Recht ist“). Das Muster ist klar: keine dramatischen Absetzbewegungen vom Bündnis, aber eine harte Neuvermessung der Lasten, Regeln und Deutungsmacht.

Darum wird München ihn sehr wahrscheinlich nicht als Vance 2.0 erleben. Konferenz-Leiter Wolfgang Ischinger selbst erwartet von Rubio eher klassische Außenpolitik, keine Ausflüge in innenkulturelle Maga-Kampffelder, auf denen sich Vance so gern tummelt. 

Ukraine President Volodymyr Zelensky visits the White House
Unvergesslich – der Eklat im Oval Office: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (li.) wird von US-Präsident Donald Trump und Vizepräsident JD Vance (re.) öffentlich vorgeführt. Nach dem Abbruch des Treffens forderte US-Außenminister Marco Rubio eine Entschuldigung von Selenskyj. © AFP | SAUL LOEB

Doch wer daraus Harmonie ableitet, täuscht sich. Rubios Modus Operandi besteht darin, den gleichen strategischen Kurs mit weniger rhetorischem Kollateralschaden durchzusetzen. So macht er Trumps Politik international anschlussfähig.

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Das könnte sich auszahlen im Duell der möglichen Kronprinzen. Vance verfügt als Vizepräsident über den institutionellen Vorsprung und sitzt als RNC-Finanzchef direkt an der Spendenquelle der Republikanischen Partei. Trump nannte ihn im August seinen „wahrscheinlichsten“ Erben, brachte aber zugleich die Idee einer künftigen Vance-Rubio-Kombination ins Spiel. Wird Rubio seine Ambitionen also zugunsten von Vance zurückstellen? Öffentlich: ja – solange Trump die Reihen schließt. Machtpolitisch: eher nein. 

In Washington ist Sichtbarkeit die wichtigste Vorwahlwährung. Und niemand sammelt derzeit mehr außen- und sicherheitspolitische Sichtbarkeit als Marco Rubio. Jede Krisenmission, jede schwierige Verhandlung, jedes zusätzliche Dossier zahlt auf ein Profil ein, das über das Amt hinausweist. In München gehört Rubio die Bühne. Er wird sie nutzen.