Das iranische Regime lenkt nicht ein, es setzt auf einen Flächenbrand in Nahost: Der oberste Führer und hochrangige Militärkommandeure sind tot, hunderte Ziele im Iran haben die USA und Israel seit Samstag zerstört. Doch Teheran werde nicht mit Washington verhandeln, erklärt der Generalsekretär des Sicherheitsrats, Ali Laridschani. Stattdessen setzt das Mullah-Regime seine Angriffe auf Nachbarländer fort, auch mit Hilfe noch verbliebener Unterstützer in der Region. Schon jetzt sind hunderte Raketen und Drohnen in Israel, Bahrain, Saudi-Arabien, Kuwait, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten niedergegangen, einzelne auch im Irak, in Jordanien und sogar auf Zypern. Es könnte noch viel mehr werden.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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„Größere und möglicherweise wirkungsvollere Gegenschläge des Iran stehen noch bevor“, sagt der Sicherheitsexperte Nico Lange. Teheran kämpft ums Überleben, es setzt auf Machterhalt durch Zeitgewinn: „Die Führung kalkuliert, dass politische Belastungen in Washington schneller steigen als im eigenen System“, sagt Lange.  

Dafür ist das Arsenal gefährlich genug: Der Iran hat im Zwölf-Tage-Krieg voriges Jahr mehr als 500 Raketen verschossen, verfügte vor dem neuen Konflikt aber immer noch über rund 2500 ballistische Raketen, so die Einschätzung des israelischen Geheimdienstes. Die Raketen haben Reichweiten von 150 bis zu 2000 Kilometern, können also Ziele im gesamten Nahen Osten erreichen. Das Arsenal ist weniger auf präzise Treffer als auf hohe Nutzlast ausgelegt – einzelne Raketentypen wie die Chorramschahr-4 können einen fast zwei Tonnen schweren Gefechtskopf mit entsprechender Zerstörungskraft tragen. Hinzu kommen Marschflugkörper und umfangreiche Depots an jenen Shahed-Drohnen mit einer Reichweite von bis zu 2500 Kilometern, die Russland erfolgreich im Ukraine-Krieg einsetzt.

Iran National Army Day parade
Irans Präsident Peseschkian und Angehörige des Militärs bei einer Parade: „Erhebliche Kapazitäten für Abschüsse.“© picture alliance / Anadolu | Fatemeh Bahrami

Der Iran hat seine Raketen in den Bergen versteckt

Das Regime veröffentlichte am Montag Videoaufnahmen von unterirdischen Depots mit Hunderten solcher Drohnen. Der Iran hat seine Drohnen- und Raketenlager zum Teil mehrere hundert Meter tief in den Bergen in sogenannten „Raketenstädten“ angelegt, sie sind dezentral über das Land verstreut und entsprechend schwer zu zerstören. Israel versucht jetzt, vor allem die Raketenwerfer zu eliminieren – angeblich ist die Hälfte bereits zerstört. Doch Sicherheitsexperte Lange sagt: „Man muss davon ausgehen, dass noch erhebliche Kapazitäten für Raketenabschüsse im Iran vorhanden sind.“ Hinzu kommen die letzten verbliebenen Verbündeten in der Region – die libanesische Hisbollah-Miliz, schiitische Terrormilizen im Irak und die Huthi-Milizen im Jemen.

Das vorübergehende Führungstrio des Iran: Präsident Massud Peseschkian (Mitte), Justiz-Chef Gholamhossein Mohseni Edschei (links) und Alireza Aarafi (rechts), Mitglied des Wächterrats
Das vorübergehende Führungstrio des Iran: Präsident Massud Peseschkian (Mitte), Justiz-Chef Gholamhossein Mohseni Edschei (links) und Alireza Aarafi (rechts), Mitglied des Wächterrats © AFP/IRIBNEWS | HANDOUT

Erstes Ziel des Iran sind Israel und die US-Einheiten am Golf. Gegen Israel setzte Teheran in mehreren Wellen weitreichende ballistische Raketen und Drohnen ein. Es sind bislang weniger als im Zwölf-Tage-Krieg, dafür erfolgen die Angriffe in regelmäßigen Salven. Offenbar versucht Israel, seine begrenzten Abfangkapazitäten zu schonen in der Erwartung, dass sich der Konflikt in die Länge ziehen könnte.  Bei den Angriffen auf US-Ziele kommen überwiegend Kurzstreckenraketen zum Einsatz. Das Regime trachtet offenbar danach, US-Soldaten in der Region zu töten, um Präsident Donald Trump unter Druck zu setzen: Drei US-Soldaten sind bereits bei den Angriffen ums Leben gekommen. Die USA haben 40.000 Soldaten in 13 Stützpunkten der Region stationiert.

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#17 Omid Nouripour über seine Flucht aus dem Iran – und wie man auf Farsi rappt
Meine schwerste Entscheidung
 

Zweites Ziel sind die westlichen Verbündeten der USA und Israels, vor allem die Europäer. Auch die Bundeswehr ist gefährdet, vor allem jene der Mission Counter Daesh/Capacity Building Iraq in Irak und Jordanien. Die iranischen Streitkräfte haben in den vergangenen Tagen mehrere Raketen und Drohnen auf das multinationale Camp im nordirakischen Erbil abgefeuert, wo sich nach Bundeswehrangaben auch noch eine höhere zweistellige Zahl deutscher Soldaten aufhält. Ein weiterer Angriff zielte auf das zu der Mission gehörende Feldlager der Bundeswehr in al-Azraq im Osten Jordaniens. Alle Raketen und Drohnen konnten abgefangen werden. Die Bundeswehr ist aber auch noch mit über 200 Soldatinnen und Soldaten an der Unifil-Mission im Libanon präsent. Insgesamt halten sich über 500 deutsche Soldaten in der Region auf.

Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost

„Strategie des Iran: Konflikt ausweiten, Kosten für alle erhöhen“

Drittes Ziel sind die Golfstaaten, wie Angriffe der letzten Tage zeigten. In den ersten Tagen gingen dort mehr Raketen nieder als auf Israel, allein die Vereinigten Arabischen Emirate zählten 150 Raketen und über 500 Drohnen. Der Sicherheitsexperte Peter Neumann vom Londoner King‘s College sagt: „Die Strategie des Iran ist klar: Konflikt ausweiten, Kosten für alle erhöhen.“ Das Regime in Teheran setze darauf, dass die betroffenen Golfstaaten auf einen Waffenstillstand drängten und Trump das Interesse verliere.

Besonders die Golfstaaten tragen auch ein hohes Eskalationsrisiko: In der Straße von Hormuz, durch die 20 Prozent des weltweiten Öl-Transports läuft, ist der Schiffsverkehr schon weitgehend zum Erliegen gekommen, nun will der Iran diese Route wohl ganz schließen. Die Folgen für den Ölpreis sind schon jetzt gravierend, aber es kann noch schlimmer kommen: Wenn das Mullah-Regime auch umfassend die Öl-Infrastruktur der Golfstaaten angreift, etwa Pipelines oder Ölverarbeitungsanlagen. Katar stellte am Montag die Produktion von Flüssigerdgas an, nachdem der Iran seine Anlagen mit Drohnen angegriffen hatte. Saudi-Arabien stoppte nach einem Drohnenangriff die Produktion in einer Ölraffinerie.