Gerlinde Sommer
Bei der Gedenkfeier zum 81. Jahrestag der Befreiung von Buchenwald wird Hape Kerkeling sprechen. Er ist der Enkel eines ehemaligen Häftlings, Hermann Kerkeling. Wer war Hermann Kerkeling? Auf Anfrage der TLZ dürfen wir jenen Text veröffentlichen, den das Arolsen-Archiv über ihn zusammengestellt hat. Dort heißt es:
Im Visier der Nazis als Katholik und Kommunist
Als die US-Armee am 11. April 1945 das KZ Buchenwald erreicht, ist Hermann Kerkeling unter den Häftlingen. Der Großvater des bekannten Comedians, Autors und Schauspielers Hape Kerkeling, war zu diesem Zeitpunkt 12 Jahre lang vom NS-Regime eingesperrt und gefoltert worden.

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Hermann Anton Kerkeling, geboren am 12. Juni 1901, ist Katholik und Kommunist. Am Abend des 3. März 1933, nur wenige Wochen nach der Machtübernahme Hitlers, verteilt er mit seinem Genossen Jackner spontan Flugblätter gegen das NS-Regime.
„Hermann ist überrumpelt von der Aktion seines Genossen, willigt aber ohne zu zögern ein, noch ganz unter dem Eindruck der Verhaftung Thälmanns in Berlin“, schreibt Hape Kerkeling über seinen Großvater. In Herten, einer Stadt im Ruhrgebiet, legen die beiden die Flugblätter in Hauseingänge und gehen davon aus, dass niemand sie dabei gesehen hat. Zwei Tage später wird Hermann wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ bei sich zu Hause verhaftet.
Die Gestapo und „die Hölle von Recklinghausen“
Die Gestapo bringt Hermann Kerkeling in Untersuchungshaft ins Polizeipräsidium Recklinghausen. Das ist für Folter durch die Mitarbeiter bekannt und wird von politischen Häftlingen „die Hölle von Recklinghausen“ genannt. Auch Hermann gibt später an, dass er dort von Kommissaren schlecht behandelt wurde. Den Akten zufolge verbringt er dort vier Monate, bis ein erstes Verhör durchgeführt wird.
Im Oktober 1933 verurteilt ihn ein Gericht zu neun Jahren Zuchthaus. Vorgeworfen wird ihm am Ende nicht nur die Vorbereitung zum Hochverrat, sondern unter anderem auch Einbruch und Diebstahl. Sieben Jahre später stellt seine Ehefrau Bertha ein Gnadengesuch – doch das wird vom Oberlandesgericht Hamm abgelehnt. Nach der Haft kommt Hermann nicht frei. Die Gestapo nimmt ihn in „Schutzhaft“. Eine „Schutzhaft“-Inhaftierung erfolgte ohne Beweisführung oder Anklage und konnte unbegrenzt verlängert werden.
Wer heute wegschaut oder gar jenen applaudiert, die die Geschichte umschreiben wollen, macht sich mitschuldig.
Hape Kerkeling,, Schauspieler, Hörbuch- und Synchronsprecher und Autor.
Hermann wird ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Dort trifft er am 2. Juli 1942 ein und wird von der SS als politischer Häftling registriert. In Buchenwald muss er ab Ende August 1942 in der Effektenkammer arbeiten – dem Ort, an dem die persönlichen Gegenstände der Inhaftierten, die sogenannten Effekten, verwaltet werden. Fast drei Jahre lang, bis zur Befreiung im April 1945, bleibt er in Buchenwald.
Entschädigung und Amnestie bleiben aus
Nach der Befreiung wurde Deutschland vorübergehend von Militärregierungen geleitet. Die Offiziere des US-amerikanischen Military Government of Germany waren auch für die Entnazifizierung zuständig. Dafür wurden befreite KZ-Häftlinge befragt, die so zu Zeugen wurden. Am 27. April 1945 wurde Hermann Kerkeling befragt. Zehn Tage später, einen Tag vor dem Kriegsende in Europa, stand der Entschluss fest: „Dieser Ausschuss hat entschieden und angeordnet, dass Gefangener Kerkeling Hermann hiermit zu entlassen ist.“
Nach insgesamt 12 Jahren kann Hermann Kerkeling nach Hause zurückkehren. In den 1950er und 1960er Jahren stellt Hermann Kerkeling mehrere Anträge auf Amnestie und Entschädigungen. Am Ende bekommt er, wie viele andere auch, so gut wie nichts.
Quelle: Arolsen Archives
Zur Gedenkfeier
Der 11. April 1945 ist der Befreiungstag des Konzentrationslagers Buchenwald. In diesem Jahr fällt er auf einen Samstag. Das Gedenken findet daher am Sonntag, 12. April, statt. Beginn ist um 13.30 Uhr auf dem ehemaligen Appellplatz.
Den vielen Menschen in ganz Europa, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisteten, ist es neben den alliierten Armeen zu verdanken, dass der Nationalsozialismus besiegt wurde und wir heute in einer freien und demokratischen Gesellschaft leben. Doch die liberalen westlichen Demokratien wie auch die kritischen Erinnerungskulturen stehen weltweit unter Druck. Das Thema „Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ steht daher in diesem Jahr im Mittelpunkt, wie Gedenkstättendirektor Jens-Christian Wagner mitteilt.
Hape Kerkeling betont: Mein Großvater Hermann hat die Schrecken des Konzentrationslagers Buchenwald überlebt. Wenn ich heute an diesen Ort komme, tue ich das nicht nur, um seiner zu gedenken. Ich tue es, weil mich die aktuelle politische Entwicklung in unserem Land zutiefst alarmiert. Wenn heute wieder Kräfte erstarken, die unsere Erinnerungskultur diffamieren und die NS-Verbrechen relativieren, dann ist das ein Schlag ins Gesicht aller Opfer und ihrer Familien. Buchenwald ist für mich keine ferne Vergangenheit, sondern eine steingewordene Warnung.
Bei der Gedenkfeier werden auch Lena Sarah Carlebach als Präsidentin des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD) und Landtagspräsident Thadäus König sprechen. Erwartet wird zudem Wolfram Weimer als Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Es gibt rund um den Tag der Befreiung eine Reihe von Gesprächen und Rundgängen. Infos dazu unter www.buchenwald.de





