Wenn in den nächsten Wochen US-Vizepräsident JD Vance im Namen Donald Trumps in Budapest auftaucht, wird das nach klassischer politischer Nachbarschaftshilfe aussehen: Ein rechter Freund kommt, um einem rechten Freund – Viktor Orbán – im Wahlkampf beizustehen. Denn vor dem 12. April steht Orbáns Machtperspektive auf der Kippe.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Hinter dieser offenen Szene läuft, folgt man westlichen Geheimdiensten, ein sehr viel dunkleres Stück. Während Washington Orbán mit Symbolen stärkt, soll Moskau daran gearbeitet haben, den ungarischen Wahlkampf aus der Bahn zu werfen – nicht mit Argumenten, sondern mit Angst und Schrecken.

„Paradigma des Wahlkampfs grundlegend verändern“

Im Zentrum steht der SVR, Russlands Auslandsgeheimdienst, die zivile Schwester der militärischen Spionageapparate. Nach einem von der „Washington Post“ geprüften und von einem europäischen Geheimdienst beschafften Papier schlugen SVR-Strategen im Februar etwas vor, das selbst im Zeitalter der politischen Verwilderung noch hervorsticht: einen inszenierten Anschlag auf Orbán.

Ziel sei es, so heißt es in dem Dokument, „das gesamte Paradigma des Wahlkampfs grundlegend zu verändern“ – weg von Inflation, Stagnation und Korruptionsvorwürfen, hinein in den emotional aufgeladenen Raum von Staatssicherheit, Stabilität und Systemverteidigung.

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    Der Akt ist aufschlussreich. Er zeigt, wie nervös Moskau auf Orbáns sinkende Umfragewerte blickt – und wie wertvoll der ungarische Regierungschef für den Kreml geworden ist. Orbán ist für Russland nicht einfach ein wohlgesonnener Europäer. Er ist der nützlichste Störfaktor im Inneren von EU und Nato: Bremser bei Ukraine-Hilfen, Skeptiker westlicher Einigkeit, Mittelsmann zu jenem rechtsnationalistischen Milieu in Amerika, das in Putin keinen Feind, sondern einen nützlichen Anti-Typen zum liberalen Westen sieht.

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    Der Kontrast zu Vances angekündigtem Auftritt könnte kaum schärfer sein. Außenminister Marco Rubio hatte Orbán bei einer Visite an der Donau vor wenigen Wochen bereits versichert: „Ihr Erfolg ist unser Erfolg.“ Das ist zwar unverhohlene Parteinahme, aber noch Politik. Was Russland nach westlicher Lesart versucht, geht tiefer.

    Sicherheitsbeamte berichten von einer kremlgestützten Social-Media-Kampagne, die Orbán als letzten Garanten ungarischer Souveränität zeichnet. Oppositionsführer Péter Magyar, der in Umfragen vor Orbán rangiert, soll als „Marionette“ Brüssels erscheinen, seine Tisza-Partei als „Kriegspartei“. 

    Hinzu kommen, folgt man den ausgewerteten Dokumenten, Desinformationspläne gegen Oppositionskandidaten – mit KI-Videos, erfundenen Gewaltvorwürfen und gezielt gestreuten Verleumdungen.

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      Das alles fällt auf fruchtbaren Boden, weil Orbáns wahres Problem nicht Brüssel, nicht Kiew und auch nicht die westliche Presse ist, sondern die ungarische Wirklichkeit. Die Wirtschaft ist kaputt, das Land ist arm und hoch-korrupt. Die Unzufriedenheit wächst. Magyar hat Orbán in einen Wahlkampf gezwungen, der sich nicht länger nur mit patriotischer Folklore beherrschen lässt.

      Gerade deshalb versucht die Regierung, den Ton zu verschieben: weg von Preisen und Bereicherung, hin zu Bedrohung und Ausnahmezustand. Budapest warnt vor ukrainischen Gefahren, spricht von Anschlagsdrohungen gegen Orbán und seine Familie und verlegt Truppen zum Schutz kritischer Infrastruktur. Angst soll Bilanz ersetzen.

      Kreml nennt Bericht „Desinformation“

      Die Regierung in Budapest schweigt zu den Attentats-Gedankenspielen bisher. Der Kreml bestreitet jede Einmischung, nennt die Vorwürfe „Desinformation“. Das gehört zum Ritual. Der Kern der Affäre bleibt dennoch verstörend klar: Während Vance Orbán öffentlich die Hand reicht, soll Moskau versuchen, den Wahlkampf psychologisch zu vergiften und den amtierenden Regierungschef so emotional zu retten.

      Für Europa ist das die eigentliche Nachricht. In Ungarn geht es nicht nur um eine Wahl. Es geht um die Frage, wie tief der russische Einfluss im Maschinenraum einer europäischen Demokratie sitzt.