• Der langjährige Lehrerfunktionär Josef Kraus kritisiert das deutsche Bildungssystem
  • Viele Kinder seien für das Gymnasium nicht geeignet
  • Vor allem die Rolle der Eltern sieht er problematisch

Der frühere Chef des Lehrerverbands hat das deutsche Bildungssystem scharf kritisiert. Besonders problematisch sieht Josef Kraus den „Gymnasial- und Akademisierungswahn“. In einem Gespräch mit dem „Münchner Merkur“ warnte Kraus davor, dass viele Kinder für das Gymnasium „eigentlich nicht geeignet“ seien. „Die Gymnasien sind die neuen Hauptschulen“, sagte der langjährige Lehrerfunktionär.

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Josef Kraus, ehemaliger Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, sieht das deutsche Bildungssystem in der Krise und kritisiert die Fixierung auf das Gymnasium. (Archivbild)© picture alliance / Geisler-Fotopress | Hein Hartmann/Geisler-Fotopress

Kraus leitete von 1987 bis 2017 den Deutschen Lehrerverband und arbeitete unter anderem als Gymnasiallehrer, Schulpsychologe und Schulleiter. Anlass für seine Kritik ist der jährlich steigende Anteil von Viertklässlern, die nach der Grundschule aufs Gymnasium wechseln. Inzwischen sind es laut Bildungsbericht rund 45 Prozent.

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„Zeugnisse sind ungedeckte Schecks“: Kraus sieht Rolle der Eltern problematisch

Der frühere Verbandspräsident sieht die Rolle der Eltern als problematisch: „Da ist dann der Elternwille, oft der Elternehrgeiz, völlig freigegeben. Viele folgen dem Motto: ‚Mein Kind hat ohne Abi und Studium keine Chance.‘“ Auch die Politik sei beteiligt, indem sie den Zugang zum Gymnasium erleichtere: „Die Politik macht diesen Wahn gefälligkeitspolitisch mit“, so Kraus.

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Kraus kritisiert außerdem ein sinkendes Leistungsniveau: „Die Ansprüche sind stark gesunken. Mit den guten Noten wird ihnen vorgegaukelt, dass sie mehr drauf hätten, als sie es wirklich haben. Zeugnisse sind damit zum Teil ungedeckte Schecks.“ Kinder seien häufig überfordert mit der Schulwahl und orientierten sich stattdessen am Freundeskreis, sagt Kraus.

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Bildungssystem in der Krise – Kraus fordert Kurskorrektur

Bereits im vergangenen Jahr hatte Kraus die deutsche Schulpolitik scharf kritisiert: „Wir haben unser Bildungssystem selbst kaputt gemacht“, sagte er der Zeitung. Unter anderem führe die starke Orientierung an Pisa-Studien dazu, dass Fächer wie Geschichte, Geografie oder politische Bildung vernachlässigt würden. Das Ergebnis sei ein „geografischer und historischer Analphabetismus“ bei vielen Jugendlichen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Als Lösung fordert Kraus eine Stärkung der beruflichen Bildung und eine gesellschaftliche Aufwertung alternativer Bildungswege. Lehrpläne müssten anspruchsvoller werden, und Eltern sowie Schüler sollten über die vielfältigen Möglichkeiten jenseits des Gymnasiums informiert werden. „Sie müssen den Eltern vor Augen führen, was es da an tollen Möglichkeiten gibt“, so Kraus. Der Nichtbesuch eines Gymnasiums sei „keine Katastrophe. Im Gegenteil.“

Erneut mehr Schülerinnen und Schüler in Deutschland

Die Zahl der Schülerinnen und Schüler in Deutschland ist im vierten Jahr in Folge gestiegen. Wie das Statistische Bundesamt Mitte März mitteilte, werden im laufenden Schuljahr rund 11,5 Millionen Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen sowie an Schulen des Gesundheitswesens unterrichtet. Das sind 0,7 Prozent mehr als im Schuljahr 2024/2025.

Das Plus bei den Schülerzahlen decke sich mit dem Bevölkerungsanstieg, notierten die Statistiker. Ende des Jahres 2024 lebten demnach 0,8 Prozent mehr Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 5 und 19 Jahren in Deutschland als Ende 2023.

1,9 Millionen Schüler mit ausschließlich ausländischer Staatsbürgerschaft

An den allgemeinbildenden Schulen stieg die Zahl binnen Jahresfrist laut vorläufigen Ergebnissen der Statistikbehörde um 0,9 Prozent auf rund 9 Millionen, wobei es in fast allen Bundesländern einen Anstieg gab. Lediglich Thüringen (minus 0,5 Prozent), das Saarland (minus 0,3 Prozent) und Berlin (minus 0,1 Prozent) wiesen leichte Rückgänge auf. Am stärksten stieg die Zahl der Schülerinnen und Schüler in Bayern (um 2,9 Prozent), was das Amt vor allem auf die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) zurückführt.

Von den rund 11,5 Millionen Schülerinnen und Schülern im Schuljahr 2025/2026 besitzen 1,9 Millionen ausschließlich eine ausländische Staatsbürgerschaft. Das sind 3,6 Prozent mehr als im Schuljahr 2024/2025 und 17 Prozent aller Schülerinnen und Schüler.

Im Jahr 2025 haben laut Statistischem Bundesamt rund 341.700 Schülerinnen und Schüler in Deutschland die Hochschulreife (Abitur) oder die Fachhochschulreife erworben. Das sind 8 Prozent weniger Studienberechtigte als im Vorjahr (-29.900). Dieser starke Rückgang ist fast ausschließlich auf das Auslaufen des achtjährigen Gymnasiums (G8) im Jahr 2024 und den damit unvollständigen Abiturjahrgang 2025 in Bayern zurückzuführen. Betrachtet man die übrigen Länder ohne Bayern, beträgt der Rückgang insgesamt 0,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.