Eigentlich ist sie unpolitisch: Victoria Bonja macht Werbung für Kosmetik und Mode, erzählt in ihrem Lifestyle-Blog von Produkten, die man nicht wirklich braucht, die man aber trotzdem gerne kauft. Eine Prise Verschwörungstheorie ist auch dabei. Etwa, dass Mobilfunkmasten krankmachen oder die Regierung per Corona-Impfung den Bürgern Mikrochips implantiert. 13,5 Millionen Follower interessieren sich dafür.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Doch dieses Mal ist alles anders. Sorgfältig geschminkt spricht die Bloggerin direkt zum russischen Präsidenten Wladimir Putin: „Wladimir Wladimirowitsch, die Menschen haben Angst vor Ihnen.“ Sie selbst habe keine Angst, sie lebe „aus dem Herzen“. Allerdings: Nicht nur aus dem „Herzen“, vor allem lebt sie im Ausland, in Monaco.

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Victoria Bonjas Appell ist flammend: „Ich hoffe, diese Botschaft ermöglicht es uns, miteinander in Kontakt zu treten und all diese Probleme zu lösen. Denn die Regierung dient dem Volk, nicht umgekehrt.“ Sie listet die Probleme im Land auf, die die Menschen in Russland bewegen und „über die kein Gouverneur sprechen will“, so die Bloggerin. Die jüngste Flutkatastrophe in der Region Dagestan zum Beispiel. Zigtausende Menschen waren betroffen, es gab Tote. Hilfe für die leidende Bevölkerung gab es keine. Zumindest am Anfang nicht. Die Ölpest in Anapa an der Schwarzmeerküste durch den Untergang zweier Öltanker im Dezember 2024. Nach wie vor werden tote Vögel angeschwemmt. Die vermutete Maul- und Klauenseuche in der Region Nowosibirsk, dort wurde wahllos Vieh beschlagnahmt und getötet. Die Bauern protestierten.

„Die Leute googeln ‚Wie kann ich Russland verlassen?‘“

Victorias Liste ist lang. Die Strafverfolgung bekannter Bloggerinnen, ständige Probleme mit dem Internet. Websites werden gesperrt, Whatsapp und Telegram funktionieren wenig zuverlässig, VPN-Zugänge werden weiter eingeschränkt. „Die Leute googeln ‚Wie kann ich Russland verlassen?‘“, sagt Bonja. „Die Menschen sind verzweifelt. Ihnen wurde alles genommen, was sie besaßen, und es wird ihnen immer noch genommen. Die Wirtschaft bricht zusammen.“ Dies ist sicher übertrieben, aber es zeigt Wirkung – vor allem unter jungen Menschen in Russland. Auf Instagram hat das Video bislang 30 Millionen Aufrufe und 100.000 überwiegend zustimmende Kommentare.

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Kanalisiert sie im Kreml-Interesse berechtigte Kritik im Land? Ist es ein abgekartetes Spiel, wie manche vermuten? Sicherlich nicht. Victoria Bonja geht es vor allem um Klicks. Das erhöht ihren Marktwert. Sie ist keine unbekannte Oppositionelle irgendwo im Exil. Bonja war in den 2000er-Jahren Teilnehmerin der Reality-Show „Dom-2“. Später moderierte sie die Sendung. Landesweit ist sie unter jungen Menschen ein bekanntes Gesicht. Jetzt fordert sie auf dem russischen Messenger Max eine eigene Plattform für Bürgerprotest: „Wir müssen wissen, was die Menschen heute denken.“ Bonja mischt sich ein, nicht zum ersten Mal. Als die Schlagersängerin Larisa Dolina vor Gericht ihren Promi-Bonus einsetzte, um ihre Wohnung zurückzubekommen, kommentierte sie das kritisch.

Russlands Politik tut sich schwer mit der aufmüpfigen Bloggerin. Als Bonja Ende 2025 ein Video von sich und ihrer 13-jährigen Tochter postete, zeigte sich Georgi Soldatow, ein ultranationaler Aktivist der russisch-orthodoxen Kirche, empört: „Anhand der Fotos und Videos in den sozialen Medien scheint es, als ob Victoria Bonja ihrer Tochter schon früh eine perverse Vorliebe für ein uraltes Gewerbe vermittelt.“ Auf Bonjas neues Video hat nun auch Putins Sprecher Dmitri Peskow reagiert. „Es wurde vielfach aufgerufen und fand große Beachtung in den sozialen Medien“, so Peskow. „Es handelt sich in der Tat um hochaktuelle Themen. Aber um ehrlich zu sein: Es wird viel daran gearbeitet, viele Menschen sind beteiligt, und nichts davon wird ignoriert.“

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Sie sagt, Putin sei ein starker Präsident, der aber „nicht viel wisse“

In den russischen Staatsmedien wird Bonja heftig kritisiert. Kriegsblogger warnen davor, „Russland zu destabilisieren“. Der bekannte Kremlpropagandist Wladimir Solowjow fordert, die nationale Ermittlungsbehörde solle sich um die Bloggerin kümmern, weil sie in der Vergangenheit die Ukraine unterstützt habe. Doch Bonja wehrt sich: Sie lebe als alleinerziehende Mutter und habe immer ihre Steuererklärungen gemacht, nie Schmiergeld genommen. Frauen und engagierte Männer sollten sich zusammenschließen: „Wir haben lange geschwiegen.“

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Im Krisenmodus
 

Die Klagen über die Lage im Land mehren sich. Im März schrieb der Kremlpropagandist Ilja Remeslo, bekannt für Attacken gegen die Opposition, überraschend auf seinem Telegram-Kanal, Putin gehöre vor ein Kriegsgericht. Er habe das Land in die Sackgasse des Ukraine-Krieges geführt. Für 30 Tage landete Remeslo in der Psychiatrie. Auch prominente Politiker schweigen nicht mehr. Der Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow in der von ukrainischen Drohnenangriffen besonders betroffenen Region Belgorod wies darauf hin, dass die Menschen angewiesen seien auf das Internet, besonders auf den Messengerdienst Telegram, den die Aufsichtsbehörde Roskomnadsor am liebsten abschalten würde.

Victoria Bonja versteht sich nicht als Oppositionelle. Aber sie ist extrem, in vielerlei Hinsicht. Im Mai 2025 bestieg sie den Mount Everest. Inzwischen gibt es Vorschläge, sie solle als Präsidentin kandidieren. Das lehnt sie ab. Ihren Präsidenten schätze sie eigentlich, Putin sei ein starker Politiker, sagt sie in ihrem Video, der aber „nicht viel wisse“.