Schier endlos ziehen sich die Warteschlangen an äthiopischen Tankstellen. Seit der Krieg im Iran begonnen hat, haben sich die täglichen Lieferungen von Diesel nach Äthiopien halbiert. Obwohl das ursprüngliche Volumen nach Regierungsangaben inzwischen wieder hergestellt sein soll, sind die Preise für Treibstoffe auch Anfang Mai weiter angestiegen: Benzin ist seit Kriegsbeginn laut Medienberichten 27 Prozent, Diesel sogar 29 Prozent teurer geworden.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die äthiopische Regierung ruft ihre Bevölkerung dazu auf, wenn möglich zu Fuß zu gehen, hat die Fahrgast-Preise für Überlandbusse erhöht und will die Elektromobilität noch schneller vorantreiben. Früher bezog das Land Treibstoff aus dem benachbarten Sudan, stellte angesichts der dortigen Krisen aber bereits vor Jahren auf die Golfstaaten um. So trifft die aktuelle Krise auch Äthiopien. Die fragile Waffenruhe zwischen Iran und den USA macht wenig Hoffnung auf Besserung. Selbst eine umgehende Öffnung der Straße von Hormus würde nur sehr langsam Abhilfe verschaffen.

E-Autos gehören in Äthiopiens Hauptstadt zum Alltag

Treibstoffengpässe sind in Äthiopien nichts Neues. Lange Warteschlangen an Tankstellen gehören seit Jahren zur Tagesordnung. Stadt und Land sind gleichermaßen betroffen. Denn das ostafrikanische Land leidet chronisch unter fehlender Fremdwährung und kann sich Importe nur in Maßen leisten.

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Dabei spielt auch eine entscheidende Rolle, dass Äthiopien seit der Unabhängigkeit Eritreas in den 90ern keinen eigenen Zugang mehr zum Meer hat. Premierminister Abiy Ahmed will das ändern und heizt geopolitische Spannungen mit Eritrea an. Erst im Februar stationierte er Truppen in Grenznähe zu dem Nachbarland. Für das äthiopische Staatsoberhaupt ist der fehlende Meereszugang von entscheidender Bedeutung – Importe sind dadurch besonders teuer. Auch, weil Warentransporte größtenteils über die Straße gestemmt werden müssen. Die vielen Lkw, die auf den langen Handelsrouten durch Äthiopien verkehren und so die wirtschaftliche Kraft des Landes sichern, verbrauchen reichlich Treibstoff.

Bereits im Jahr 2024 verbot Äthiopien auch deshalb den Import treibstoffbetriebener Pkw. Der Anblick von E-Autos und Hybriden ist in der Hauptstadt mit ihren über sechs Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern seitdem zum Alltag geworden. Eine flächendeckende Ladeinfrastruktur gibt es zwar immer noch nicht. Die meisten Autofahrer laden ihre Fahrzeuge zu Hause.

Verkehrswende unter Druck: Der Irankrieg verschärft Äthiopiens wirtschaftliche und geopolitische Abhängigkeit
Außerhalb der großen Städte beherrschen Verbrenner die Straßen.© privat | cg

Stromüberfluss treibt Verkehrswende in Äthiopien voran

Strom ist äußerst günstig in Äthiopien und stammt ausschließlich aus erneuerbaren Energien. Davon produziert das Land im Überfluss. Seit der Einweihung des größten Staudamms Afrikas an der Grenze zum Sudan hat Äthiopien seine Energieproduktion sogar verdoppelt. „Die Verkehrswende hat auch mit diesem Stromüberfluss zu tun“, erklärt der unabhängige Wirtschaftsexperte Samson Berhan. „Der Stromüberfluss muss hierzulande genutzt oder exportiert werden. Unsere Nachbarn haben für die Menge aber keine Kapazitäten“, so der Äthiopier. Stattdessen soll also Elektromobilität für Abhilfe sorgen.

Abgesehen von Addis Abeba und einzelnen weiteren Großstädten bleibt das aber auf unabsehbare Zeit Zukunftsmusik. Elektrisch betriebene Fahrzeuge sind in weiten Teilen des Landes die absolute Ausnahme. Insgesamt können sich nur die wenigsten Menschen in Äthiopien ein eigenes Auto leisten. In Jimma, einer der größten Städte im Westen Äthiopiens, besteht das innerstädtische Verkehrschaos vor allem aus Tuktuks und Verbrenner-Autos. Dazwischen suchen sich immer wieder auch Esel mit Kutschen oder Gepäck auf dem Rücken ihren Weg. Öffentlicher Nahverkehr: Fehlanzeige. So profitiert nur ein Bruchteil der Bevölkerung von der sonst so rasanten Verkehrswende.

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Das gilt auch in der Hauptstadt, wo viele Arbeiterinnen und Arbeiter kilometerweit pendeln müssen und dabei auf oft heillos überfüllte kollektive Transportmittel angewiesen sind. Abgesehen von den öffentlichen Bussen und der Straßenbahn, die auf einer einzelnen Linie durch einen Teil der riesigen Stadt führt, fungieren alte Kleintransporter als private Busse. Genau die hat die äthiopische Regierung bereits im Visier.

Alte Taxis und Lastwagen: Regierung plant neue Vorschriften

Manche dieser Fahrzeuge seien 50 bis 60 Jahre alt, sagt Dhenge Boru, Staatsminister für Transport. „Wir haben noch keine nationalen Richtlinien, um sie von den Straßen zu verbannen“, so Boru. Aber: „Wir bereiten Vorschriften für diese sehr alten Taxen und für Lastwagen vor.“

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Angesichts des Iran-Krieges könnten sich solche Pläne deutlich verzögern: Die Treibstoffkrise verschärft die wirtschaftliche und geopolitische Instabilität in der gesamten Region. So wirkt der fehlende Meereszugang Äthiopiens existenzieller denn je, selbst Exporte erfordern hohe Investitionen. Importe kann sich das Land kaum leisten – ist aber mangels eigener Produktion etwa für neue Fahrzeuge darauf angewiesen.

Bisher lassen sich trotz versprochener steuerlicher Nachlässe nur wenige Produktionsfirmen in Äthiopien nieder. Eine davon ist der japanische E‑Motorrad-Produzent Dodai. Geschäftsführer Yuma Sasaki gibt zu, dass die Nachfrage bisher auf sich warten lässt. In der Lagerhalle des Betriebs warten Hunderte von elektrischen Motorrädern und -rollern auf potenzielle Käuferinnen und Käufer.

Verkehrswende unter Druck: Der Irankrieg verschärft Äthiopiens wirtschaftliche und geopolitische Abhängigkeit
Hunderte E-Motorräder und -roller der Marke Dodai stehen in einer Lagerhalle.© privat | cg

Staatsminister Dhenge Boru bleibt zuversichtlich: „Wir arbeiten daran, Äthiopien zu einem Produktionszentrum und einem Beispielmodell für den ganzen Kontinent zu verwandeln.“ Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Instabilität dürfte dieses Ziel in weiter Ferne liegen.

Transparenzhinweis: Dieser Artikel basiert auf einer Recherchereise mit journalists.network e.V.