Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat schon Routine mit beschwerlichen Reisen in die kriegsgeplagte Ukraine. Doch eines war neu, als der Minister am Montag mit dem Nachtzug zu seinem vierten Besuch in Kiew eintraf: Pistorius machte schnell klar, dass es jetzt um viel mehr geht als die aktuelle Waffenhilfe Deutschlands für die Ukraine. Stattdessen sprach er über die Hilfe der Ukraine für Deutschland, die sich der Minister erhofft: Er will eine neue strategische Partnerschaft bei Rüstungsprojekten vorantreiben.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die Botschaft setzte Pistorius gleich zu Beginn. Er setze auf die deutsch-ukrainische Kooperation beim Bau neuer Waffensysteme, die Zusammenarbeit solle ausgeweitet werden. Die Hoffnung: Die Ukraine könnte sogar beim Schließen jener gefürchteten Abschreckungslücke helfen, die US-Präsident Donald Trump durch die Absage an die verabredete Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Deutschland gerissen hat.
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Schließlich verfügt die ukrainische Rüstungsindustrie inzwischen über ausreichend Know-how: Mit Langstreckendrohnen und weitreichenden Marschflugkörpern etwa vom Typ Flamingo, die bis zu 3000 Kilometer weit fliegen können, greifen die ukrainischen Streitkräfte jetzt erfolgreich strategische Ziele weit im russischen Hinterland bis nach Sibirien an. Pistorius sagte, im Fokus stehe die gemeinsame Entwicklung modernster unbemannter Systeme in allen Reichweiten, gerade auch im Bereich „deep strike“ – also weitreichende Präzisionswaffen. Als Schwerpunkt nannte er Drohnen mit Reichweiten von bis zu 1500 Kilometern.
Die Ukraine ist ein Zentrum der Militär-Innovation
Ein Rollenwechsel für die Ukraine. Aus dem Land, das mit dem Rücken an der Wand verzweifelt um westliche Hilfe bittet, ist ein Zentrum militärischer Innovation geworden. Die Waffenlieferungen der Alliierten nach dem russischen Überfall reichten nicht aus, vor allem taugten sie nicht für Gegenschläge auf russisches Territorium. Auch Deutschland zögerte, weitreichende Waffen wie den begehrten Taurus-Marschflugkörper zur Verfügung zu stellen. In ihrer Not baute die Ukraine ihre Rüstungsindustrie aus, hat umfangreiche Eigenentwicklungen inzwischen zur Einsatzreife gebracht.

Was Kiew jetzt vor allem braucht, ist Geld aus dem Westen, um die eigenen Rüstungskapazitäten zügig auszubauen. Im Vordergrund stehen die Fortschritte in der Drohnentechnologie, bei der die Ukraine im Wettlauf mit Russland derzeit einen Vorsprung hat, aber es geht weit darüber hinaus. „Die Ukraine ist notgedrungen in eine unglaubliche Innovations- und Produktionsgeschwindigkeit hineingewachsen“, lobt Pistorius. Technologien würden auf dem Gefechtsfeld entwickelt und dort auch gleich getestet.
Wie sehr der Ukraine-Krieg in den vergangenen vier Jahren das Bild vom Gefecht verändert hat, ließ sich Pistorius vorige Woche auf dem Truppenübungsplatz Munster während einer Vorführung des Heeres demonstrieren. Bei der Verteidigung der fiktiven Ortschaft „Heidedorf“ gegen einen simulierten Angriff zeigten die Soldatinnen und Soldaten, dass klassische Waffensysteme inzwischen eng mit Drohnenschwärmen, elektronischer Kampfführung und digitaler Aufklärung verknüpft sind. „Wir sehen beides, das Sturmgewehr und die KI-Drohne gleichzeitig“, sagte Pistorius beeindruckt. Der jahrelange Abnutzungskrieg in der Ukraine ist zwar nicht die Blaupause für künftige Konflikte, aber die Erfahrungen dort – die Bedeutung von Drohnen, das extrem transparente Gefechtsfeld, die enorme Schnelligkeit technologischer Anpassungen – sind wichtige Wegweiser.
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Ukrainische Experten helfen bei Drohnen-Training
Längst helfen ukrainische Militärexperten der Bundeswehr bei der Anpassung. Offiziere der ukrainischen Armee unterstützen jetzt verstärkt bei der Drohnen-Ausbildung von Bundeswehrsoldaten. Vor allem an den Truppenschulen des Heeres sollen die Erfahrungen einfließen. In Nato-Übungen hatten eingeladene ukrainische Soldaten wiederholt demonstriert, wie groß der Nachholbedarf ist: Bei einem Manöver im Baltikum reichten zehn ukrainische Drohnen-Spezialisten aus, um in kurzer Zeit zwei Bataillone von Nato-Soldaten außer Gefecht zu setzen. Zugleich liefert die Ukraine wertvolle Daten aus dem Kriegsgeschehen, mit denen deutsche Rüstungshersteller ihre eigenen Systeme trainieren können. „Über Daten von digitalen Gefechtsfeldern verfügt Deutschland bisher nicht“, sagt Pistorius, „der Austausch wird von der Industrie sehr willkommen geheißen.“
Dieser Datenaustausch ist Teil eines Zehn-Punkte-Plans für die strategische Zusammenarbeit, den beide Regierungen Ende vorigen Jahres bei einem Besuch von Präsident Wolodymyr Selenskyj in Berlin vorgelegt hatten. Kernpunkt ist die Integration der Ukraine in die europäische, vor allem die deutsche Rüstungsindustrie. Die Bundesregierung hat zur Förderung eine halbe Milliarde Euro zugesagt. Die Zusammenarbeit macht schnelle Fortschritte: Während Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall Niederlassungen in der Ukraine gründen, lässt die Ukraine selbst entwickelte Kampfdrohnen in industriellen Stückzahlen in Deutschland herstellen.

Der Drohnenhersteller Quantum-Systems etwa baut in Bayern mit der ukrainischen Firma Frontline Industries unter anderem die ukrainische Mehrzweckdrohne Linza 3.0, geplant ist die Produktion von 10.000 Stück im Jahr. Frontline profitiert von der zusätzlichen, voll automatisierten Produktion in industriellem Maßstab und in Sicherheit vor russischen Angriffen, Quantum lernt bei der Drohnentechnologie hinzu. Das deutsch-ukrainische Gemeinschaftsunternehmen Auterion Airlogix Joint Venture hat einen Auftrag für Tausende KI-gesteuerte automatische Angriffssysteme erhalten. Geplant sind Langstrecken-Waffensysteme mit einer Reichweite von 1000 bis 1500 Kilometern.
Die Ukraine setzt auf langfristigen Rüstungsexport
Bei einem Minister-Treffen in Berlin Mitte April hatte die Bundesregierung angekündigt, nun verstärkt private deutsche Banken und Finanzfonds für Investitionen in ukrainische Rüstungsbetriebe und Gemeinschaftsunternehmen gewinnen zu wollen. In Kiew bekräftigte Pistorius, die Bundesregierung strebe weitere deutsch-ukrainische Joint Ventures an. „Deutschland und die Ukraine sind strategische Partner, die beide von der Kooperation profitieren.“ Das Interesse ist auch auf ukrainischer Seite enorm, die Rüstungsindustrie soll nach Ende des Krieges eine starke Säule ihrer Exportwirtschaft werden. Mit Kiews Regierungsinitiative „Build with Ukraine“ werden Rüstungsfirmen auch anderer europäischer Staaten in die Ukraine geholt und umgekehrt Teile der Produktion ins sichere Ausland verlagert.

Voriges Jahr unterzeichneten europäische und ukrainische Unternehmen mehr als 20 Kooperationsvereinbarungen, die EU-Kommission hat 1,7 Milliarden Euro als Integrationshilfe zugesagt. Doch die deutsch-ukrainische Zusammenarbeit soll einen besonderen Stellenwert behalten: Berlin ist als Standort für das erste europäische Verbindungsbüro der Ukraine zur Zusammenarbeit in der Verteidigungswirtschaft ausgewählt. Das „Ukraine Freedom House“ soll die Vernetzung beschleunigen und konkrete Gemeinschaftsprojekte auf den Weg bringen.









