In den Wintermonaten kippt die Grafik in den kritischen Bereich: dunkelrote Balken für Januar, Februar, März, die anzeigen sollen, dass in diesen Monaten ein Problem auftauchen könnte. Dass das Gas für Verbraucher und Unternehmen dann knapp werden könnte.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die Balken finden sich in einer Grafik der Initiative Energien Speichern (INES), dem Verband der Gasspeicherbetreiber in Deutschland. Alle zwei Monate blickt der Verband auf die Versorgungslage mit Gas in Deutschland. Und die jüngsten Modellrechnungen aus dieser Woche verknüpfte der Verband mit einer alarmierenden Botschaft: Wenn der Winter 2026/27 sehr kalt werden sollte, könnte das Gas nicht reichen.
Derzeit sind laut INES 76 Prozent der Gasspeicher-Kapazitäten in Deutschland schon gebucht. Werden die Speicher auch tatsächlich zu drei Vierteln befüllt, dann ist die Versorgung in einem durchschnittlichen Winter nach der Analyse der Betreiber gesichert. Problematisch wird es demnach aber, wenn der Winter besonders kalt wird. Dann könnte die Versorgung schwierig werden, fürchten die Betreiber. „In den Modellrechnungen kann an einzelnen Tagen über 35 Prozent des Gasverbrauchs nicht mehr gedeckt werden“, heißt es in einer Mitteilung. Aktuell sind die Speicher zu gut 28 Prozent gefüllt. Droht dem Land im Winter tatsächlich ein Gasmangel?
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Mit Speichern, die zu 76 oder auch zu 80 Prozent gefüllt seien, würde es in extrem kalten Wintern wohl knapp, sagt auch Sebastian Gulbis, Gasmarktexperte des Energieberatungsunternehmens Enervis. Größere Sorgen macht ihm aber, dass die Speicherbetreiber unsicher erscheinen, ob selbst dieses Niveau tatsächlich erreicht wird. Denn auch wenn drei Viertel der Kapazitäten gebucht sind: Das „tatsächliche Speicherverhalten“, heißt es von INES, könne aufgrund der „aktuellen Marktsituation“ davon abweichen. „Diese Warnung nehme ich ernst“, sagt Gulbis. „Denn wenn die Füllstände niedriger sind als 76 Prozent, wird es nicht erst bei extremen Temperaturen knapp, sondern schon davor.“
Die aktuelle Marktsituation, auf die sich der Speicherverband bezieht, meint die anhaltende Sperrung der Straße von Hormus. Etwa 20 Prozent des weltweiten Angebots an LNG wurde vor Beginn des Iran-Kriegs durch die Meerenge verschifft. Dieses Gas fehlt jetzt auf dem Markt und sorgt dafür, dass auch in Europa die Gaspreise gestiegen sind. Für den kommenden Winter aber sind die Preise derzeit niedriger als für den Sommer. Und das ist ein Problem, wenn die Speicher gefüllt werden sollen.
„Das Geschäftsmodell der Speicher beruht stark vereinfacht darauf, dass Unternehmen im Sommer billig Gas einspeichern und im Winter zu höheren Preisen wieder verkaufen“, erklärt Gulbis. Weil die Preise aktuell aber höher sind, dreht sich der sogenannte Sommer-Winter-Spread. „Wenn ich als Unternehmen jetzt also Gas einkaufe und speichere, verliere ich durch die Ausspeicherung im Winter Geld. Das Geschäftsmodell der Speicherbetreiber ist damit kaputt.“ Dass der Verband jetzt darauf dringt, dass mehr Kapazitäten gebucht werden und dann auch tatsächlich Gas eingespeichert wird, ist also auch vor diesem Hintergrund zu lesen.
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Die Vorgaben dafür, wie weit die Speicher gefüllt sein müssen, waren im vergangenen Jahr noch unter der Ampel-Regierung abgesenkt worden, auf über alle Speicher hinweg 70 Prozent Anfang November und 30 Prozent im Februar. Die Bundesnetzagentur geht davon aus, dass diese Marken auch im kommenden Winter erreicht werden.
Aus ökonomischen Gründen und wegen vertraglicher Verpflichtungen gegenüber den Endkunden seien die gebuchten Kapazitäten in der Vergangenheit immer zu wesentlichen Teilen befüllt worden, heißt es von der Aufsichtsbehörde auf Anfrage. Die Verantwortung dafür liege bei den Marktakteuren. „Wir haben aktuell keine Hinweise darauf, dass diese ihren Verpflichtungen nicht nachkommen würden“, schreibt die Bonner Behörde.
Die Bundesregierung prüft die Einführung einer Gasreserve
Die Netzagentur weist zudem darauf hin, dass Speicher zwar weiterhin wichtig seien – aber längst nicht mehr so wichtig wie noch vor einigen Jahren. Denn seit der Energiekrise 2022 sind an deutschen Küsten LNG-Terminals entstanden, über die zusätzliches Gas importiert werden kann und die für die Versorgungssicherheit ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.
Auch beim zuständigen Bundeswirtschaftsministerium sieht man keinen Grund für Alarm. Das Haus von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) verweist auf Anfrage darauf, dass im großen Stil häufig erst ab Mai oder Juni eingespeichert wird. Das Ministerium setzt darauf, dass der Markt funktioniert. Parallel dazu prüft es aber auch die Einführung einer strategischen Reserve, „als reine Krisenvorsorge“.
In der Opposition sieht man die Lage weniger gelassen. „Wenn die Straße von Hormus weiter gesperrt bleibt, werden wir auch im Winter hohe Gaspreise sehen“, sagt Julia Verlinden, Vize-Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, dieser Redaktion. Bei Verbraucherinnen und Verbrauchern, die meist länger laufende Gaslieferverträge hätten, würden diese Preissteigerungen mit Verzögerung auch ankommen. „Man muss steigende Preise deshalb politisch vorausdenken und den Verbrauch senken, damit die Menschen später nicht böse überrascht werden“, warnt Verlinden. Sie erwartet von der Koalition, dass sie dafür Bewusstsein schafft. „Die Regierung sollte den Leuten sagen: Es kann herausfordernd werden. Bereitet euch vor“, fordert Verlinden.










