Es blieb überraschend leise am Mittwoch in Havanna, nachdem die US-Justiz in einem historischen Schritt Ex-Präsident Raúl Castro wegen Mordes angeklagt hatte. Sie kramte dazu auf Druck aus dem Weißen Haus einen 30 Jahre alten Vorfall aus, bei dem drei US-Bürger starben. Castro soll im Februar 1996 als Verteidigungsminister den Abschuss von zwei zivilen Kleinflugzeugen einer humanitären Organisation über internationalen Gewässern vor der Küste Kubas angeordnet haben. Insgesamt kamen vier Menschen bei dem Abschuss durch kubanische MIG-Jäger ums Leben.
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Präsident Miguel Díaz-Canel ließ zwar in der üblichen Rhetorik verlauten, dass „das Imperium aus Arroganz und Frustration“ gehandelt habe. Die Anklage sei „eine politische Aktion ohne jegliche rechtliche Grundlage“, die nur dabei helfen solle, „den Irrsinn einer militärischen Aggression gegen Kuba zu rechtfertigen“. Aber das war es dann auch.
Maduro-Entführung als Vorbild: USA könnten auch Castro anklagen und dann verschleppen
An seiner Auffassung ist richtig, dass seit Mittwoch das möglich erscheint, was noch vor Wochen undenkbar war. Dass die Vereinigten Staaten in Kuba das wiederholen, was sie am 3. Januar mit Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro taten. Ihn in einer Nacht-und-Nebel-Kommandoaktion zu verschleppen und ihm den Prozess zu machen. Auch den 63-jährigen Maduro hatte die US-Justiz vorher angeklagt – wegen Drogendelikten. Jetzt wartet er gemeinsam mit seiner Frau Celia Flores in einem Brooklyner Gefängnis auf seinen Prozess.
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Und in Caracas macht Maduros Nachfolgerin und frühere Vizepräsidentin Delcy Rodríguez all das, was die USA gerne wollen. Vor allem schicken sie kein Öl mehr nach Kuba, wie viele Jahre zuvor. Der Rohstoff wird nun direkt in die USA verschifft, während derweil auf der Insel die Klimaanlagen und Ventilatoren stillstehen und alle wirtschaftliche Aktivität sowieso. Kuba kann ohne Rohöl aus dem Ausland keine Energie mehr produzieren.
Zumindest verbal ging der Psychokrieg der USA auch am Mittwoch nach Anklageerhebung weiter. Justizminister Todd Blanche sagte auf Nachfrage, entweder komme Castro freiwillig – oder aber auf andere Weise.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Wer also jetzt dagegen wettet, dass der betagte Ex-Präsident vielleicht sogar an seinem 95. Geburtstag am 3. Juni in Handschellen in einem US-Hubschrauber über die Floridastraße den kurzen Weg nach Miami geflogen wird, wo jetzt die Anklage gegen ihn erhoben wurde, erhält sicher keine hohen Quoten mehr. Am Mittwoch feierte die Exilgemeinde dort schon die Anklageerhebung. Man kann sich vorstellen, wie die Bilder wären, wenn der letzte der noch lebenden Castro-Brüder dann in einem Gefängnis säße, 67 Jahre nachdem die bärtigen Revolutionäre den USA-hörigen Diktator Fulgencio Batista aus Havanna vertrieben haben.
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Raúl Castro ist zwar seit Jahren von allen Ämtern zurückgetreten, dennoch ist er nach wie vor Kubas faktischer Machthaber. Keine wichtige Entscheidung wird auf der Insel getroffen, ohne dass er sie abnickt. Das gilt besonders für jedes Abkommen mit Trump.
Raúl Castro: So kontrolliert der Ex-Präsident Kuba noch immer
Diese Machtfülle hatte er aber erst vor 20 Jahren bekommen. Fast sein ganzes Leben lang zuvor war Raúl immer nur der andere Castro. Der kleine Bruder, der graue Vize hinter dem strahlenden Revolutionsführer Fidel Castro. Raúl war Vize-Staatschef, Vize-Parteichef, Vize-Vorsitzender des Staatsrats. Nur Minister war er ohne Vize. Verteidigungsminister, und das fast seit der Revolution von 1959. In dieser Funktion kontrollierte er bedeutende Teile der kubanischen Wirtschaft, denn wichtige Staatsunternehmen im Tourismus, dem Nickelbergbau, der Zuckerindustrie und dem Finanzwesen gehören den Streitkräften und ihrem Konglomerat GAESA.

Aber der Schattenmann musste dann quasi über Nacht ans Licht. Am 31. Juli 2006, als Fidel plötzlich erkrankte, musste Raúl unvorbereitet auf die große Bühne. Und er machte es gut. Auf dem letzten kommunistischen Posten der westlichen Welt blieb wenig so, wie es noch zu Fidels Zeiten gewesen war. Kuba öffnete sich unter Castro II.: Es gab die Annäherung an die USA, die Öffnung der Wirtschaft und Reisefreiheit. Auf dem Höhepunkt seiner Macht schaffte er es, dass Barack Obama im März 2016 die Insel als erster US-Staatschef seit 1928 besuchte und sich die Erzfeinde vorsichtig annäherten. Dann aber kam Donald Trump I. – und alle Sanktionen wurden wieder in Kraft gesetzt und sogar noch verschärft.
Im April 2018 dann begann Raúl Castros Rückzug auf Raten. Erst gab er das Amt des Staatschefs an seinen Vertrauten Miguel Díaz-Canel ab, drei Jahre später legte er auch das Amt des Parteichefs in dessen Hände. Seither sieht man ihn nur noch selten in der Öffentlichkeit, zuletzt am 1. Mai zu den traditionellen Feiern. Er ging leicht gebeugt, aber ohne Stock – und natürlich steckte er in Uniform. Und an seiner Seite war wie stets sein Enkel, Leibwächter und Berater Raúl Guillermo Rodríguez Castro. Er gilt als starker Mann im Schatten des Großvaters.






