Es sind unglaubliche Vorwürfe: Scheinbar aus reiner Lust am Töten sollen Hunderte wohlhabende Europäer zwischen 1992 und 1994 während des Bürgerkriegs in Bosnien an sogenannten Menschen-Safaris teilgenommen haben. An Wochenenden in Sarajevo schossen begeisterte Jäger auf wehrlose Männer, Frauen und Kinder. Ein Kind zu töten, konnte bis zu 100.000 Euro kosten, der Todesschuss auf einen alten Menschen etwa 20.000 Euro. Gezahlt wurde das Geld an Organisationen, die die sogenannten „Sniper-Touristen“ am Wochenende aus Italien und anderen Ländern nach Sarajevo flogen.

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Während der Belagerung von Sarajevo durch das serbische Regime unter Slobodan Milošević verloren zwischen 1992 und 1996 mehr als 11.000 Zivilisten ihr Leben. Rund 1000 von ihnen wurden auf der berüchtigten „Sniper Alley“, einem breiten Boulevard, von Scharfschützen erschossen. Dass sich unter den serbischen Belagerern auch Ausländer befanden, ist seit Langem bekannt und wurde im Verlauf der Kriegsverbrecherprozesse gegen Slobodan Milošević und seine Generäle dokumentiert.

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Lange Zeit jedoch galt als unbewiesenes Gerücht, dass der serbische Geheimdienst sogar regelrechte „Menschen-Safaris“ organisiert haben soll: Wohlhabende ausländische Teilnehmer sollen demnach für jeden tödlichen Schuss auf Zivilisten bis zu 100.000 Euro gezahlt haben.

Milosevic vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag
Im Prozess gegen den mittlerweile verstorbenen früheren serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic (Mitte) gab es bereits Hinweise auf den Einsatz ausländischer Sniper in Sarajevo. © picture-alliance/ dpa | epa Pool

Menschenjagd in Bosnien: Jetzt ermittelt auch die Justiz in Österreich

In dem heiklen Fall ermittelt seit November die Mailänder Staatsanwaltschaft. Sie verdächtigt mindestens fünf Italiener, während der Belagerung von Sarajevo mehrfach auf wehrlose Zivilisten geschossen zu haben. Inzwischen weitet sich die Untersuchung auf europäischer Ebene aus. Seit April ermittelt auch eine österreichische Staatsanwaltschaft gegen einen Wiener, der während des Bosnienkriegs in Sarajevo als Scharfschütze auf Zivilisten geschossen haben soll.

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Dem Vernehmen nach soll es sich um einen etwa 60 Jahre alten, gut situierten Mann handeln. Das Ermittlungsverfahren laufe demnach auch gegen einen weiteren bisher unbekannten Täter, verlautete aus Justizkreisen.

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„Sniper-Tourismus“ ist „kaum vorstellbar in seiner Grausamkeit“

Die Informationen gehen auf eine parlamentarische Anfrage von Alma Zadic zurück, der ehemaligen österreichischen Justizministerin und jetzigen Justizsprecherin der Grünen. Es handelt sich bereits um ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren, es gibt also valide Verdachtsmomente gegen die Personen. Behauptungen für die Existenz der „Sniper-Touren“ stammen von dem italienischen Autor Ezio Gavazzeni.

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Der Autor veröffentlichte am 17. März sein Buch mit dem Titel „Cecchini del Weekend“ („Wochenend-Scharfschützen“) im römischen Verlag Paperfirst. „Bei den Vorwürfen handelt es sich um schwerste Kriegsverbrechen, denen nachgegangen werden muss. Diese müssen lückenlos untersucht und verfolgt werden. Es darf keinen Platz für Straflosigkeit geben“, erklärte Ex-Ministerin Zadic in Wien.

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„Dass Menschen offenbar dafür bezahlt haben sollen, gezielt auf Zivilistinnen und Zivilisten, sogar auf Kinder, zu schießen, ist kaum vorstellbar in seiner Grausamkeit. Solche Taten stehen für eine Menschenverachtung, die sprachlos macht“, meinte Zadic. „Die Opfer und ihre Angehörigen haben ein Recht auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Aufklärung“, fordert Zadic. Die Ermittlungen könnten sich bald auch auf die Schweiz und andere Länder ausdehnen.

Alma Zadic vor einem Plakat der Grünen
Der Sniper-Tourismus nach Bosnien sei kaum vorstellbar in seiner Grausamkeit, sagt die österreichische Ex-Justizministerin Alma Zadic (Grüne). © picture alliance / Michael Indra / SEPA.Media / pic | Michael Indra

Italien: Verdächtiger gab an, aus Hass auf den Balkan gereist zu sein

In Italien läuft die Vernehmung möglicher Verdächtiger weiter. So ist ein Fall bekannt, in dem ein Italiener öffentlich damit geprahlt haben soll, „auf Menschenjagd“ gegangen zu sein. Er räumte ein, „beruflich“ in Sarajevo gewesen zu sein, jedoch „nicht zur Jagd“.

Seine vorangegangenen öffentlichen Äußerungen seien übertrieben gewesen. Ein anderer Verdächtiger, der 65-jährige Lucio C., gab Sympathien für die extreme Rechte und Muslimenhass als Motivation dafür an, auf den Balkan gefahren zu sein. Seine Anwältin stempelte diese Aussagen als „Prahlerei“ ab; der Mann wäre gerne den Spezialkräften beigetreten, habe aber aufgrund einer Sehbehinderung den Wehrdienst nie beendet, sagte sie.

„Menschenjagd“: Enthüllungsbuch hat „Lawine ausgelöst“

In Mailand sollen noch weitere Personen einvernommen werden. Einer der fünf Verdächtigen ist ein sehr reicher Unternehmer aus der Lombardei. Auch gegen einen 80-jährigen Lkw-Fahrer aus dem norditalienischen Friaul wird ermittelt. Der Mailänder Investigativjournalist Ezio Gavazzeni begrüßte im Gespräch mit unserer Redaktion die Aufnahme der Ermittlungen in Österreich.

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„Die Tatsache, dass jetzt auch die österreichische Justiz ermittelt, bezeugt, dass die in meinem Buch enthaltenen Informationen stimmen. Meine Recherchen haben einen Lawineneffekt ausgelöst. Auch in der Schweiz und in Frankreich kommt bezüglich der Sniper-Touristen einiges ins Rollen“, erklärt der 66-jährige Autor.

Der Autor weist Zweifel an der Belastbarkeit der Vorwürfe zurück. „Meine Quellen sind selbst zur Mailänder Staatsanwaltschaft gegangen und haben dort ihre Aussagen bestätigt, die sie zuvor auch mir gegenüber gemacht haben“, betont Gavazzeni. Sie hätten sich dabei persönlich zu ihren Angaben bekannt und Verantwortung für ihre Aussagen übernommen. „Es handelt sich hier um Informationen, die auch gegenüber den zuständigen Justizbehörden wiederholt wurden“, so Gavazzeni. Neue Impulse für Ermittlungen im Ausland erhofft sich der Schriftsteller von der Übersetzung seines Buches, das demnächst in acht Sprachen erscheinen soll.