Auf der „National Mall“ in Washington, wo die USA sonst ihre großen republikanischen Selbstvergewisserungen aufführen, soll im Juni das ganze Land in Miniatur aufgebaut werden: 56 Bundesstaaten und Territorien, Riesenrad, Karussell, Militär, Musik, Fressbuden, Pathos. „Great American State Fair“ heißt die Überschrift des Spektakels zwischen Kapitol und Washington Monument zum 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten. Nur wirkt die große Feier der Freiheit schon vor dem ersten Hotdog für manche Kritiker wie ein Dorffest, bei dem die Kapelle absagt, weil sie zu spät bemerkt hat, dass sie zum Ruhm des umstrittenen Bürgermeisters gebucht wurde.

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Über die Hälfte der „Headline”-Künstler haben ihre Teilnahme an den „Freedom 250“-Konzerten zurückgezogen. Martina McBride, Bret Michaels, die Commodores, Young MC, Morris Day and The Time – allesamt bekannte Namen aus Country, Rock, Soul und Nostalgie-Radio – wollten plötzlich nicht mehr auf einer Bühne stehen, die ihnen nach eigener Darstellung als unpolitische Geburtstagsfeier verkauft worden war. 

Bret Michaels: Live & Amplified Tour
Bret Michaels, Frontmann von Poison, zieht sich aus dem giftigen Umfeld der Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der USA zurück.© picture alliance / Captital Pictures | mpi04

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McBride, die über 23 Millionen Tonträger verkauft hat, erklärte sinngemäß, ihr sei ein parteiunabhängiges Ereignis angeboten worden, was sich später als „irreführend“ herausgestellt habe. Young MC sagte, er trete lieber nicht bei Veranstaltungen auf, die politisch aufgeladen seien. Bret Michaels, Sänger von Poison, wurde ausführlich: „Bei meinen Shows ging es nie um Politik. Es geht darum, den Menschen einen Ort zu bieten, an dem sie zusammenkommen können.“ Zum ursprünglichen Line-up der „Freedom 250“-Freikonzertreihe gehörten außerdem die Rapper Flo Rida und Vanilla Ice, die Dance-Gruppe C+C Music Factory und das Pop-Duo Milli Vanilli. Bis auf Vanilla Ice, der nach eigenen Worten „auch für Putin“ auftreten würde, stehen alle auf der Kippe oder haben bereits abgewunken.

Dazu muss man wissen: „Freedom 250“ ist nicht die vom Kongress vor zehn Jahren geschaffene überparteiliche „America250“-Initiative. „Freedom 250“ ist das trumpnahe Parallelprojekt, vom Präsidenten angeschoben, von Vertrauten betrieben, vom Weißen Haus flankiert. Die offizielle „America250“-Initiative beschreibt sich als überparteiliches Projekt. „Freedom 250“ dagegen trägt schon im Namen den Wahlkampfduft jener politischen Erweckungszelte, in denen Donald Trump am liebsten predigt. Und so soll es jetzt auch kommen.

Martina McBride
Country-Star Martina McBride will sich nicht vor Trumps Feierkarren spannen lassen.© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Mark Humphrey

Der US-Präsident reagierte auf den künstlerischen Massenexodus beleidigt, laut, selbstverliebt. Er beschimpfte die Aussteiger als überbezahlt, langweilig und ohne „Spirit“, stellte die Konzertreihe offen zur Disposition und schlug vor, sie durch eine Großkundgebung zu ersetzen. Die Hauptattraktion? Er selbst. Trump pries sich auf Truth Social als größere Attraktion als Elvis, als „Größten aller Zeiten“, als Nummer eins unter allen Zugpferden – weltweit. Kippt die Geburtstagsfeier einer stolzen Nation nun in die Privatfete eines Mannes, der die Republik gern mit sich verwechselt?

Wie viel Selbstinszenierung verträgt eine Demokratie?

„Der Vorgang wäre komisch, wenn er nicht so traurig symptomatisch wäre“, heißt es in gesellschaftlichen Kreisen in Washington. Die USA werden 250 Jahre alt. Ein erstaunliches Jubiläum. Eine Verfassung, Sklaverei, Bürgerkrieg, Mondlandung, Jazz, Silicon Valley, Bürgerrechtsbewegung, Vietnam-Trauma, Watergate, 9/11, Obama, Trump, Trump noch einmal. Das hätte Substanz genug für Ambivalenz, Größe, Selbstkritik und Würde. Stattdessen droht der Juni in Washington laut Kritikern „zum Test zu werden, wie viel Selbstinszenierung eine Demokratie verträgt, bevor sie aussieht wie eine Realityshow“.

Trump puts his mark on US capital
Das riesige Gerüst für das Martial-Arts-Spektakel auf dem Südrasen des Weißen Hauses steht. Am 14. Juni, Trumps 80. Geburtstag, soll die große Hauerei stattfinden.© AFP | SAUL LOEB

Ältere Semester in der Hauptstadt vermissen die große Klammer. Zum 100. Bestehen gab es 1876 in Philadelphia eine beeindruckende industrielle Leistungsschau. Zum 200-jährigen Bestehen 1976 schauten Millionen zu, als in New York Segelschiffe um Manhattan fuhren und zeitgleich in Washington die Fortschrittsgeschichte des Landes mit dem neuen National Air and Space Museum über Flugzeuge, Raketen, Mondlandung und Raumfahrt erzählt wurde. Heute baut Donald Trump sich einen Käfig.

Bereits am 14. Juni, dem Tag seines 80. Geburtstages, findet auf dem Südrasen des Weißen Hauses „UFC Freedom 250“ statt. Dort, wo sonst Staatsgäste empfangen und von Kindern Ostereier gerollt werden, wächst gerade ein Stahlkäfig in den Himmel. Ein Oktagon. Männer sollen sich dort zur besten Fernsehzeit im Mixed-Martial-Arts-Stil schlagen, würgen, treten. Trump nannte das vor ein paar Tagen im Oval Office eine „große Schlacht“ und versprach: „Das ist noch nie passiert. Das wird nie wieder passieren. Und es sind die besten Kämpfer.“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Das stimmt, in einem Punkt. Noch nie hat ein Präsident den Garten des Weißen Hauses so konsequent mit der Ästhetik einer Pay-per-View-Prügelei verwechselt. 

USA: Tausende demonstrieren landesweit gegen Trump

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    Dana White, Chef im UFC-Kampfsport-Zirkus, ist ein langjähriger Trump-Freund. Der Sportmanager trat schon bei Nominierungsparteitagen auf und half Trump beim Anschluss an junge männliche Wähler mit Testosteronüberschuss. Vorher bot Trump der UFC in seinen regelmäßig bankrottgegangenen Casinos eine Bühne, als die Liga anderswo als zu brutal und pseudobarbarisch galt.

    Für einen Präsidenten, der Politik als Kampfshow versteht

    Geplant ist eine Open-Air-Arena für rund 4000 geladene Gäste am Weißen Haus. Zusätzlich sollen 85.000 kostenlose Tickets für ein Public Viewing auf Großbildschirmen auf der Ellipse an der Südseite des Regierungssitzes vergeben werden. Genaue Zahlen? Fehlanzeige. Aber die Symbolik zählt: Drinnen die Auserwählten, draußen das Volk, davor das Weiße Haus, darin ein Präsident, der Politik seit jeher als Kampfshow versteht.

    Auch finanziell hat das Ganze mehr Haken als ein Schwergewichtskampf. TKO Group, die UFC-Mutter, rechnet laut US-Analysten mit einem Nettoverlust von rund 30 Millionen Dollar, nennt die Gelegenheit aber zugleich einen Werbewert, für den Konkurrenten „töten“ würden. Sponsoren wie Crypto.com und Ram Trucks sind im Spiel. Die UFC versprach außerdem, für die Erneuerung des Rasens aufzukommen. Kostenpunkt: circa 700.000 Dollar.

    Trump
    Das Leben ein einziger Kampf: Präsident Donald Trump mit seinem Freund Dana White, dem wichtigsten Manager im amerikanischen Käfig-Kampf-Zirkus.© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Frank Franklin II

    Viele Amerikaner finden das alles nicht mehr feierlich. Nicht, weil sie Kampfsport partout nicht mögen. Die UFC ist in den USA beliebter Mainstream. Sondern weil Ort, Anlass und Geschmack nicht zusammenpassen. „Der 250. Geburtstag einer Republik verlangt vielleicht keine Sinfonie. Aber muss es ausgerechnet ein Käfigkampf zum Geburtstag eines Präsidenten sein, der seinen politischen Gegnern regelmäßig rhetorisch die Knochen bricht?“, fragt ein ehemaliger Beamter des Außenministeriums in Bethesda im Gespräch mit dieser Zeitung.

    All das riecht nach Übergriffigkeit. Schon heute verdreht laut Umfragen die Hälfte des Landes die Augen vor dem, was David Frum, einst Redenschreiber von Präsident George W. Bush, so beschreibt: Das Revolutionäre von 1776 werde durch einen „protzigen Personenkult“ ersetzt. Er erkennt beim 47. Präsidenten das Bestreben, den 4. Juli 2026 in einen „kolossalen nationalen ‚Tag des Trump‘ zu verwandeln“.