Wie wenig der Lebensweg von Tino Chrupalla mit dessen Co-Chefin Alice Weidel zu tun hat, lässt sich bald nachlesen. Der AfD-Chef hat ein Buch geschrieben. „Handwerk – Meister – Politik“, so heißt es, und führt durch ein Leben in der Lausitz, von einer „Kindheit mit Kaminholz“ über Lehrjahre als Malermeister bis in den Bundestag und an die Spitze der AfD. Von einem Politiker, „der noch weiß, wie man einen Dübel setzt“, so kündigt Chrupallas Verlag das Buch an.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Alice Weidel lebt nicht in der Lausitz. Einer ihrer Lebensmittelpunkte ist die Schweiz, sie zieht dort gemeinsam mit ihrer Partnerin, geboren in Sri Lanka, zwei Söhne groß. Weidel ist promovierte Ökonomin, arbeitete für die global agierende Investmentbank Goldman Sachs. Ob sie einen Dübel setzen kann, ist nicht überliefert.
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Manch einer in der Spitze der AfD sieht in den zwei Polen zwischen Lausitz und der Schweiz, zwischen Malermeister und Investmentbank, einen Erfolgsfaktor. Chrupalla, der Mann von der Basis, mit engen Drähten in die Ostverbände. Weidel, die schillernde Figur, mit Wirtschaftsverstand und Rhetorik. Von außen betrachtet ist das sicher so. Intern schwelt seit Jahren immer auch Rivalität, bilden sich längst Lager um die beiden Co-Chefs. Und auch wenn Weidel die AfD-Anhängerschaft auf Marktplätze und in Säle lockt, sieht Chrupallas Umfeld den Maschinenraum der Partei mit ihm am besten besetzt.
An diesem Wochenende stehen Weidel und Chrupalla gemeinsam in der Erfurter Messehalle auf der Bühne. Sie stellen sich gemeinsam zur Wiederwahl für den Bundesvorsitz der in Teilen rechtsextremen AfD. Sie wollen die AfD in diesem Spätsommer in Sachsen-Anhalt in die erste Regierungsbeteiligung der Parteigeschichte führen. Und doch scheint klar: Diese Doppelspitze ist endlich. Einer von ihnen wird gehen müssen. Stand jetzt wohl eher: Tino Chrupalla.
Intern soll ein Netzwerk um Sebastian Münzenmaier die Strippen für Alice Weidel ziehen
Denn vor allem das Lager um Alice Weidel denkt nicht nur an Sachsen-Anhalt. Sondern an 2029. Bundestagswahl. Weidel soll Kanzlerkandidatin werden. Und der parteiinterne, mächtige Netzwerker Sebastian Münzenmaier ihr Generalsekretär, so heißt es immer wieder. Und so wird die Welle der Euphorie und Selbstsicherheit, die derzeit mit jeder noch besseren Umfrage durch die Partei schwappt, vor dem Treffen in Erfurt gestört. Mit Machtkämpfen, mit möglichen Kampfkandidaturen im Bundesvorstand. Die Souveränität, die die AfD endlich ausstrahlen will, bröckelt.
Der MDR berichtet über eine Liste, die vom Münzenmaier-Netzwerk ausgehen soll und nun in mehreren Landesverbänden der AfD kursiert. Darauf: Namen von Kandidaten für den Vorstand, einschließlich der Favoriten von Weidel. Ein führendes Parteimitglied berichtet von massiver Stimmungsmache für die Parteichefin in Whatsapp-Gruppen und internen Chats. Ein anderer ranghoher AfDler berichtet von „Truppen, die in Stellung gebracht werden“.
Hintergründe zur AfD – für Sie recherchiert
Wo noch vor einigen Wochen die Wahl von AfD-Politikern in den Vorstand unangefochten schien, werden nun neue Kandidaten diskutiert – und alte diskreditiert. Das passiert auch in anderen Parteien, Machtpolitik ist Alltag in der Hauptstadt. Und doch ist es für die AfD brisant, denn die Partei war bereits mehrfach zerrissen, zerstritten, zermürbt von internen Positionskämpfen.
Entscheidend wird nicht nur sein, wen sich Weidel in den Vorstand holt – sondern vor allem das Ergebnis, das sie selbst bekommt. In wichtigen Landesverbänden wie Nordrhein-Westfalen und Bayern hat Weidel Gegner, weil sie sich in Machtkämpfe vor Ort um den Landesvorsitz eingemischt haben soll. Auch bei der AfD in Niedersachsen war zuletzt nicht mehr eindeutig, wie stark der Rückhalt für die AfD-Chefin ist.

AfD-Funktionär sagt: „Warum den Kapitän auswechseln, wenn das Schiff voll auf Kurs ist“
Tino Chrupalla wird den einflussreichen Posten als Co-Sprecher nicht räumen. Aus seinem Umfeld bleibt die Idee einer Doppelspitze auch für die Bundestagswahl 2029 eine Option. „Warum den Kapitän auswechseln, wenn das Schiff voll auf Kurs ist“, sagt einer. Doch auch Chrupalla könnte in Erfurt einen Dämpfer kassieren. Er soll den Weidel-Verbündeten Markus Frohnmaier in Baden-Württemberg mit Äußerungen über dessen wenig geglückten Wahlkampf verärgert haben. Und in der jüngsten Vetternwirtschaft-Affäre setzte er Spitzen in Richtung der betroffenen Landesverbände. Und auch er mischte sich in die Wahl zu Landesvorständen ein, was vor Ort nicht überall gut ankam.
Weder Chrupalla noch Weidel gehen sorgenfrei in diesen Parteitag – obwohl sie keine Gegenkandidaten fürchten müssen. Was aber auffällt in vertraulichen Gesprächen mit verschiedenen einflussreichen AfD-Politikern: Die gewünschte Geschlossenheit bröckelt. Stattdessen wachsen Wut, Gerüchte, persönliche Verletzungen.
Mit einem Auge könnte Tino Chrupalla nach Sachsen blicken. Auch dort wird 2029 gewählt
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Dass Chrupalla seine Mitstreiterin Weidel vom Thron stürzen kann und will, ist wenig wahrscheinlich. Aber auch der Malermeister aus der Lausitz hat das Jahr 2029 im Blick. Dann wählen die Deutschen nicht nur einen Kanzler – sondern auch einen Ministerpräsidenten in Sachsen. Eine Idee kursiert unter AfD-Funktionären: Man erleichtert Chrupalla den Abschied von der Bundesspitze und hievt ihn in das Amt in Sachsen. Für Weidel ist das eine einfache Rechnung. Doch beim eigenen Landesverband in Sachsen, zu dem auch Chrupalla gehört, könnte das für Ärger sorgen. Auch für Chrupalla selbst. Der dortige Landeschef Jörg Urban ist in der AfD beliebt.
Das Machtzentrum der AfD ist eine Burg mit vielen Türmen. „Wie die Wahlen auf dem Parteitag ausgehen, ist Kaffeesatzleserei“, sagt einer. Und da ist ja auch noch einer, der bereits im Vorfeld immer wieder für Störfeuer und Spielchen sorgt: Björn Höcke, Thüringens rechtsextremer Landeschef.
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Höcke schickt Stefan Möller aufs Feld. Der 51-Jährige soll neuer stellvertretender Bundessprecher werden und das Erbe des bisherigen Thüringer „Vize“ Stephan Brandner antreten. Höcke platziert seinen wichtigsten Vertrauten am Tisch von Weidel und Chrupalla – und baut seine Machtbasis in der Bundespartei aus. Für Alice Weidel und Tino Chrupalla ist Höckes langer Arm von Erfurt nach Berlin mehr Risiko als Gewinn. Da, wiederum, unterscheiden sich die beiden Parteichefs kaum.










