Seine Rücktrittserklärung liest sich, als wäre Jens Spahn an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gescheitert, wie so viele Menschen. Ihm sei „bewusst geworden, dass mein persönliches Glück, gemeinsam mit meinem Mann eine Familie zu gründen und Vater zu werden, nicht vereinbar ist mit meinem politischen Amt“, schrieb Spahn. Der „Spagat“ zwischen einem Baby durch Leihmutterschaft und seiner Rolle als Unionsfraktionschef sei leider größer, als erwartet.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Doch nicht der kleine Georg, das neugeborene Baby von Jens Spahn und seinem Mann Daniel Funke, hat den CDU-Mann die Karriere gekostet. Auf diesen Rücktritt hat Spahn quasi selbst hingearbeitet. Es ist der Schlusspunkt einer Karriere mit vielen Skandalen und Fragwürdigkeiten, bei denen der CDU-Senkrechtstarter immer mit einem blauen Auge davonkam. Jetzt war das Maß einfach voll, in den Augen der Öffentlichkeit wie der Parteibasis.

Leihmutterschaft geht der Union ans Herz

Gewiss, Spahns offizieller Rücktrittsgrund berührt ein Herzensthema der Christdemokraten. Entscheidungen um die Entstehung menschlichen Lebens, von Präimplantationsdiagnostik über Leihmutterschaft bis Abtreibung berühren für die Union Kernüberzeugungen. Erst im Frühjahr untermauerte die CDU ihre Ablehnung der Leihmutterschaft auf einem Parteitag, ohne dass Spahn sich mit persönlichen Worten gemeldet oder demonstrativ enthalten hätte – dabei war seine Leihmutter damals schon schwanger.

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Melanie Amann, Chefredakteurin Digital© Peter Rigaud

Jetzt ist die Empörung gewaltig, doch dies allein hätte Spahns politischen Weg nicht beendet. Auch sein Fraktionskollege Hendrik Streeck und dessen Ehemann haben kürzlich ein Baby über Leihmutter bekommen, ohne großen Aufschrei in der Partei.

Nein, Spahns politisches Konto war zu weit im Minus: mit der Maskenaffäre, mit fragwürdigem Finanzgebaren, von Investitionsentscheidungen bis zum Hauskauf, mit Flirts in Richtung AfD und ins amerikanische Maga-Lager, mit krassen Managementfehlern als Fraktionschef. Der größte betraf ausgerechnet die gescheiterte Wahl einer Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht mit einer liberalen Position zu Abtreibung – und Leihmutterschaft.

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Spahns Konto war aufgezehrt

Und über allem lag das dumpfe Gefühl der Unionsleute, dass sie es bei Spahn mit einer Ich-AG zu tun zu haben, auf deren Loyalität niemand zählen kann. Dass er sich notfalls auf Kosten aller durchmogelt, Regeln für sich selbst biegt, wo es passt. Im Fall Leihmutterschaft wurde dieser Eindruck auf die Spitze getrieben: Spahn stellte sein privates Glück – auch noch erklärtermaßen! – über die Parteilinie, auch im Widerspruch zu seinen früheren drastischen Aussagen gegen Leihmutterschaft.

Dies alles, plus eine CDU-typische Prise Homophobie, zehrte Spahns politisches Kapital auf. Er konnte keine Empathie oder Geduld für seine höchst private Entscheidung erwarten. Im Gegenteil: Die fröhliche „Bild“-Meldung („Georg ist unser ganzes Glück“) düpierte die Parteifreunde. Der Mann, der immer taktisch agierte und kommunizierte, der Stimmungen antizipieren und sich mit Telefon-Diplomatie aus Krisen lavieren konnte, hat sich in diesem Fall gründlich verschätzt.