Liebe Leserin, lieber Leser,

in diesem Newsletter blicke ich auf Zahlen, die die Parteiführung der Union extrem beunruhigen. In der jüngsten Erhebung von INSA – mit einer Umfrage nach den Reformbeschlüssen der Regierung – verliert die Union ein weiteres Prozent und rutscht auf 20,5 Prozent. Die AfD legt 0,5 Prozent zu und kommt auf 29 Prozent. Das heißt: Hält der bisherige Trend, wird die CDU unter 20 Prozent rutschen und eine dramatische Debatte bekommen, besonders wenn es der AfD gelingt, bundesweit die magische 30 zu durchbrechen.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

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Lange Zeit argumentierte man im Konrad-Adenauer-Haus, dass der Abstand zur AfD ja knapp sei und durch statistische Ungenauigkeiten geradezu marginal. Diese Erzählung funktioniert nicht mehr. 8,5 Prozent sind ein gewaltiger Abstand, in den die FDP gleich zweimal reinpasst.

Jörg Quoos.
Jörg Quoos.

Exklusive Einblicke: Hinter den Kulissen der Politik

Sie interessieren sich für politische Hintergründe und wollen wissen, was in der Hauptstadt hinter verschlossenen Türen passiert? Dann ist der Newsletter „Hauptstadt Inside“ von Jörg Quoos, dem Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion, genau das Richtige für Sie. Dreimal pro Woche fasst er zusammen, was Sie wissen müssen – und ordnet die Geschehnisse ein. Hier können Sie sich anmelden.

Vor diesem Hintergrund sind Interviewpassagen bemerkenswert, die man in der Partei am liebsten ignorieren würde. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, Mitglied des CDU-Vorstands, lehnt die vom Kanzler hochgezogene Brandmauer ab. Wer noch über Brandmauern rede, habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt, sagte der CDU-Politiker den Kollegen vom Handelsblatt. Kretschmer: „Wir müssen mit jedem reden, der reden will“.

Der kantige Kretschmer will sicher keine Zusammenarbeit mit der AfD, aber er findet es offensichtlich falsch, dass seine Partei Gespräche apodiktisch ausschließt. Kretschmer ist in Sachsen an der Front zur AfD und regiert seit 2024 mit einer Minderheitsregierung unter Beteiligung der SPD. Der Mann weiß, wovon er spricht. Das Thema ist so heikel, dass kein CDU-Grande sich heute dazu äußern wollte. Aber durch Schweigen werden auch in der Politik Probleme nicht kleiner.

Auch Gauck und Otto gegen „Brandmauer“

Vor Kretschmer sind mir jüngst zwei andere Persönlichkeiten aufgefallen, die ebenfalls klare AfD-Gegner sind, aber die Brandmauer-Politik des Kanzlers infrage stellen. Altbundespräsident Joachim Gauck – parteilos und ehemaliger Pfarrer – sagte dazu im ZDF: „Für mich ist das Bild der befestigten Grenze das Richtige”, so Gauck wörtlich. „Dann kannst du Grenzübergänge regeln“.

Markus Lanz (2026)
Altbundespräsident Joachim Gauck im Gespräch mit Markus Lanz© ZDF und Markus Hertrich | Markus Hertrich

Versandhauskönig Michael Otto, einer der erfolgreichsten Unternehmer Deutschlands und ebenfalls Gegner der AfD, bezeichnete in einem Welt-Interview den Begriff „Brandmauer“ als „ungeschickt“ und plädierte dafür, politische Entscheidungen – besonders auf regionaler Ebene – nicht grundsätzlich zu blockieren. Ich bin mir sicher, dass diese Stimmen nicht die letzten sein werden.

Amtlich: Thorsten Frei wird Fraktionschef

Im politischen Wettstreit mit der AfD kommt es jetzt noch mehr auf Thorsten Frei an, der – wie hier im Newsletter vorhergesagt – der neue Fraktionsvorsitzende von CDU und CSU wird. Die Parteichefs Friedrich Merz und Markus Söder haben ihn heute in einer Sondersitzung des Fraktionsvorstands vorgeschlagen, dadurch ist die Wahl in einer Sondersitzung der Fraktion am kommenden Mittwoch nur noch eine Formalie.

Sitzung des Bundeskabinetts
Thorsten Frei (rechts) wechselt aus dem Kanzleramt an die Spitze der CDU/CSU Bundestagsfraktion © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Wer wird Kanzleramtschef?

Damit braucht der Kanzler einen neuen Kanzleramtschef und hier sind einige Namen im Gespräch. Ich konzentriere mich auf diejenigen, die die vier wichtigsten Kriterien zu hundert Prozent erfüllen. 1. Loyalität zum Kanzler. 2. Ansehen in Partei und Fraktion. 3. Organisationstalent und Belastbarkeit. 4. Uneitelkeit.

Bleiben für mich derzeit nur Professor Günter Krings, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und Merz-Vertrauter aus Nordrhein-Westfalen sowie Hendrik Hoppenstedt aus Niedersachsen, parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion.

Krings wollte der Kanzler schon als neuen Präsidenten an die parteinahe Konrad-Adenauer-Stiftung vermitteln, aber diese schlecht geplante Operation ging schief und die ehemalige CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer erkämpfte sich zum Missfallen des amtierenden Parteichefs den Posten. Der einflussreiche Kanzleramtschef wäre für Krings die mächtigere Position, aber auch die deutlich anstrengendere.

Hoppenstedts Vorteil ist Erfahrung im Machtbetrieb des Kanzleramtes und Koordinationsroutine, die er als alternierender Vorsitzender des Vermittlungsrates von Bundestag und Bundesrat hat. Außerdem teilt er als Reserveoffizier die heimliche Leidenschaft des Kanzlers für das Militärische.

Wird Sven Schulze der Held der CDU?

Im Nahkampf mit der starken AfD befindet sich Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze von der CDU. Er muss am 6. September bei der Landtagswahl die Ehre der Partei verteidigen und das wird schwer. Umfragen sehen die AfD in der Spitze bei 41 Prozent und die Regierungsbildung in Magdeburg wird in jedem Fall schwierig.

Sven Schulze
Sven Schulze (CDU) bei seinem Interview in der FUNKE Zentralredaktion© FUNKE Foto Services | Sergej Glanze

Schulze kam spät ins Amt, weil sein Vorgänger Haseloff nicht loslassen wollte, was strategisch unklug war. So musste Schulze einen Blitzstart hinlegen und arbeitet hart daran, bei seinen Wählerinnen und Wählern noch bekannter zu werden. Der Mann ist authentisch, bodenständig und hat als Ingenieur in der freien Wirtschaft auch noch ein echtes Vorleben außerhalb der Politik zu bieten. Der Ministerpräsident besuchte uns in der Redaktion und erklärte, wie er den Aufschwung der AfD beenden will. Ein Pflichtlesestoff vor der wichtigsten Wahl des Jahres.

Tobias Korenke und der AfD-Kranz

Mann der Woche war für mich mein Ex-Kollege Tobias Korenke, dessen Großvater Rüdiger Schleicher, die Brüder seiner Großmutter, Dietrich und Klaus Bonhoeffer, und ihr Schwager Hans von Dohnanyi von den Nazis nach dem 20. Juli 1944 erhängt wurden. Bei der Feierstunde im Bendlerblock entfernte er den Kranz der AfD, die in Teilen als rechtsextremistisch eingestuft wird.

Tobias Korenke der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock
Tobias Korenke zeigte bei der Gedenkfeier im Bendlerblock klare Kante gegen die AfD© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Die spontane, emotionale Aktion vom Montag brachte es in fast alle Nachrichtensendungen. Wir haben ihn noch einmal am Ort des Gedenkens zu einem ausgeruhten Gespräch getroffen, das ich Ihnen hier sehr ans Herz lege.

Ich wünsche Ihnen eine Restwoche voller Mut und Zivilcourage,

herzlich, Ihr

Jörg Quoos
Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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