Es hätte ein Abend der Demut, der Selbstvergewisserung und des Innehaltens werden können. Drei Monate nach den Schüssen im Washingtoner Hilton-Hotel, die das traditionelle White House Correspondents‘ Dinner abrupt beendeten, wollte die US-Hauptstadt zeigen, dass Gewalt eine demokratische Institution nicht in die Knie zwingt. Deshalb zog die Veranstaltung in das deutlich kleinere Waldorf Astoria um – ausgerechnet jenes Haus, das einst Donald Trumps Hotel war. Rund 700 statt 2000 Gäste. Mehr Sicherheit. Weniger Glamour. Noch mehr Pathos.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Am Ende blieb vor allem ein Gefühl zurück: Die Fronten zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem Pressekorps von Washington verlaufen tiefer denn je.
Zunächst schien alles den vertrauten Ritualen zu folgen. Gemeinsames Abendessen. Preise für herausragende journalistische Leistungen. Ausgezeichnet wurden Reporter des Wall Street Journal, der New York Times, von CNN und anderer Redaktionen – viele von ihnen für investigative Arbeiten, die Trump politisch und juristisch erheblich zugesetzt haben. Der Präsident saß nur wenige Meter entfernt auf der Bühne. Seine Miene sprach Bände. Kaum Beifall. Kein Lächeln. Ein Mann, der einer Preisverleihung für jene beiwohnte, die er seit Jahren als Volksfeinde und Landesverräter beschimpft.
Dann kam seine Rede.
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Der Auftakt klang beinahe staatsmännisch. Trump erinnerte an den Anschlag im April, bedankte sich ausgiebig bei den Sicherheitskräften und erklärte: „Wie ich damals gesagt habe: Die Show muss weitergehen.“ Für wenige Minuten schien sogar denkbar, dass dieser Abend tatsächlich zu einer vorsichtigen Annäherung werden könnte. Zumal Trump selber darauf anspiele, dass er ursprünglich „eine viel härtere Rede vorbereitet hatte“. Doch die Hoffnung hielt nur wenige Minuten.
Trump wechselte in den Modus, den Washington inzwischen besser kennt als jede andere Facette seiner politischen Persönlichkeit: persönliche Demütigungen, Namenslisten, Lügengeschichten, Abrechnungen. Kein Versuch, Gräben zuzuschütten. Stattdessen eröffnete er ein regelrechtes Tribunal gegen einzelne Reporter.
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Besonders traf es CNN-Star Caitlin Collins, seit Jahren eines seiner bevorzugten Ziele. Trump spottete zunächst, sie müsse häufiger lachen, schließlich sei sie doch eine „attraktive Frau“. Im nächsten Atemzug folgte eine Bemerkung, in der er sie mit einer Transgender-Person verglich – eine gezielte Provokation, die weniger als Pointe gedacht war denn als öffentliche Herabwürdigung.

Es war einer jener Momente, in denen man im Saal förmlich hören konnte, wie sich Menschen fragten, ob das gerade wirklich passiert - und ob der Mann dort oben am Mikrofon ernsthaft mental beschädigt ist. Denn das eigentlich Bemerkenswerte war nicht Trumps verbale Attacke. Es war die Reaktion. Oder genauer: das Ausbleiben jeder Reaktion.
Über gespenstisch weite Strecken herrschte jene eigentümliche Stille, die nur entsteht, wenn ein Witzversuch nicht zündet und niemand bereit ist, aus Höflichkeit trotzdem zu schmunzeln. Kein befreiendes Gelächter. Nicht einmal das routinierte Pflichtklatschen, das in Washington sonst fast jede Rede begleitet, war zu hören. Stattdessen Friedhofs-Atmosphäre. Der Präsident schwadronierte. Der Saal schwieg.
So entstand jene eigentümliche Leere, die keine Fernsehübertragung vollständig einfangen kann. Wer im Raum saß, erlebte keinen Schlagabtausch zwischen Politik und Presse. Sondern zwei Lager, die einander kaum noch als legitime Gesprächspartner wahrnehmen.
Dabei besitzt gerade dieses Dinner historisch eine andere Funktion. Präsidenten ließen sich dort verspotten. Journalisten mussten ebenso einstecken wie Politiker. Der Abend lebte davon, dass beide Seiten wenigstens für einige Stunden akzeptierten, dass Demokratie auch Selbstironie braucht. Davon war diesmal kaum etwas übrig.

Trump nutzte die Bühne, um alte Rechnungen zu begleichen. Die ausgezeichneten Reporter wiederum standen sinnbildlich für jene unabhängige Presse, deren Arbeit seine Regierung seit Monaten mit Klagen, Zugangsbeschränkungen und öffentlichen Angriffen bekämpft. Fast wirkte es, als habe sich das Correspondents‘ Dinner selbst widerlegt.
Die White House Correspondents‘ Association wollte mit der Neuauflage nach dem Attentat ein Zeichen setzen: Wir lassen uns nicht einschüchtern. Die freie Presse bleibt sichtbar. Die demokratischen Rituale bestehen fort. Genau das hatte WHCA-Präsidentin Weijia Jiang im Vorfeld betont.
Nach Trumps Carcrash-Auftritt gestern stellt sich eine unangenehme Frage: War es wirklich klug, diesen Abend unbedingt nachholen zu wollen?

Die Gala endete mit einer Mentalshow von Oz Pearlman – ein Programmpunkt, der symbolisch wirkte. Nach einer salbadernden Rede voller persönlicher Angriffe und Selbstbeweihräiucherung sollte ein Illusionist das Publikum versöhnlich ins Wochenende schicken. Die eigentliche Illusion des Abends war aber eine andere.
Nämlich die Vorstellung, Präsident und Hauptstadtpresse könnten wenigstens für einige Stunden den Eindruck einer funktionierenden demokratischen Ko-Existenz erzeugen.
Das Gegenteil ist eingetreten. Washington hat schon manche frostige Correspondents‘ Dinner erlebt. Ein kälteres als dieses muss man lange suchen.
Am Ende bleibt eine Frage: Warum hatte niemand im Publikum den Schneid, geschlossen aufzustehen und den unflätigen Beschimpfungen des Präsidenten gegen die Stars des Abends stumm die Rote Karte zu zeigen?








