Berlin bleibt bunt. Dieser Satz steht auf T-Shirts, die wir beim CSD getragen haben – Menschen aus der Redaktion gemeinsam mit Leserinnen und Lesern. Nur wenige Stunden später fährt mutmaßlich Abdul Ballout mit einem weißen Kleintransporter durch den Tiergarten. Er wohnt keinen Kilometer entfernt und hat sich wohl ausgerechnet, dass Menschen nach dem Christopher Street Day durch den Park nach Hause schlendern werden. Der Tiergarten ist an dieser südöstlichen Ecke nicht abgesperrt. Sie ist zu weit weg von der Party, die um 22 Uhr auf der Straße zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule noch läuft.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Sein Ziel hat Abdul Ballout erreicht. Und wir können nichts dagegen tun. Eine Frau ist gestorben, 29 weitere Menschen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Es ist ein Leid, für das es kaum passende Worte gibt.

Der Schock, die Verzweiflung, die Ohnmacht gegenüber dieser Barbarei machen uns als Menschen aus. Der Täter hat genau das einkalkuliert. Denn unsere Empathie macht uns verwundbar. Zugleich ist sie unsere stärkste Kraft.

Chaos zu stiften, unsere freie Gesellschaft anzugreifen und ihre Verwundbarkeit zu zeigen – das ist leicht. Das zeigt dieser Anschlag, wie so viele davor. In wenigen Wochen wird in Berlin gewählt und es steht zu befürchten, dass die Menschenfänger am rechten Rand die Tat für ihre Zwecke zu nutzen wissen. Die genauen Umstände der Tat spielen da kaum eine Rolle. Es wird diskutiert werden über bessere Überwachung, härtere Strafen, Abschiebung von Gefährdern.

Mehr zum Anschlag auf den CSD

Jede freie Gesellschaft steht genau vor diesem Dilemma. Sie kann sich schützen, sie muss Straftäter verfolgen und Gefährder im Blick behalten. Und darf sich dabei nicht selbst aufgeben. Freiheit ist kein Widerspruch zu Strafverfolgung. Terror lebt nicht von der Gewalt allein, sondern von seiner Wirkung. Er will Menschen gegeneinander aufbringen, Gräben vertiefen und den Glauben zerstören, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Gerade deshalb ist Besonnenheit eine Stärke. Sie ist eine wesentliche Stärke unserer Gesellschaft. Weil wir unsere Freiheit niemals zur Disposition stellen.

Abdul Ballout ist deutscher Staatsbürger. Fast die Hälfte der Menschen in dieser Stadt hat irgendeinen Migrationshintergrund. Und das ist auch gut so. An sehr vielen Orten in der Stadt leben Menschen unterschiedlichster Herkunft, sexueller Orientierung, verschiedener Einkommensklassen, Ost und West, Stadtrand und Mitte-Bewohner. Wir alle leben friedlich zusammen. Mörder haben in dieser Stadt keinen Platz. Und von Extremisten lassen wir uns nicht auseinanderbringen. Wir stehen, wenn auch getroffen, zusammen.

Am Samstag waren beim Christopher Street Day mehr als 700.000 Menschen auf den Straßen. So viele Menschen haben an diesem Tag für ein friedliches, selbstbestimmtes Miteinander demonstriert. Was daran kann man nicht verstehen? Berlin bleibt bunt. Immer.

Peter Schink Kommentarfoto
Peter Schink ist Chefredakteur der Berliner Morgenpost.© Funke | FUNKE

Ganz spontan kamen am Sonntag tausende Menschen ans Brandenburger Tor. Sie zeigen, dass wir als einzelne Menschen zwar verwundbar sind. Als Gesellschaft aber stehen wir aufrecht. Beim Christopher Street Day nächstes Jahr müssen noch mehr Menschen kommen. Nichts anderes kann man aus dem Anschlag vom Samstagabend schlussfolgern.

Meine Gedanken sind in diesen Stunden bei den Opfern, den Familien und Freunden.