In der neuen Podcast-Folge von „Hollitzer trifft“ spricht Jan Hollitzer, Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, mit der Historikerin und Autorin Katja Hoyer über ihr neues Buch „Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte“. Sie diskutieren historische Parallelen zwischen der Weimarer Republik und der heutigen politischen und wirtschaftlichen Situation in Deutschland, die Rolle von Verboten und politischer Rhetorik, die Bedeutung von Medien und sozialen Netzwerken sowie die Alltagsgeschichte der Menschen in Weimar während des Aufstiegs des Nationalsozialismus. 

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Folge 139: Buchautorin und Historikerin Katja Hoyer
Hollitzer trifft
 

Frau Hoyer, warum war es jetzt Zeit für so ein Buch? 

Das Wort „Weimar“ fällt im Moment wieder ziemlich viel im politischen Diskurs. Es war vor Kurzem erst wieder Markus Söder, der gesagt hat, dass wir uns eventuell auf einem Weimarer Weg befänden, wenn es die Regierung jetzt nicht hinkriege, die Reformen einzuleiten. Und ich wollte als Historikerin meinen Beitrag im öffentlichen Diskurs dazu leisten. Man sollte sich die tatsächliche Geschichte im Detail anschauen und eben nicht nur immer diese Schlagworte in den Raum werfen. Meistens erzeugen sie Gefühle der Angst oder der Ohnmacht, dass sich die Geschichte wiederholen könnte. Und deshalb wollte ich etwas anbieten, das jeder in die Hand nehmen kann, um zu schauen: Inwiefern gibt es denn Parallelen, oder ist der Vergleich überzogen?

Ist diese Analogie denn gerechtfertigt: Wir sind auf einem Weimarer Weg? 

Na ja, also ich kann die Angst verstehen, weil es gerade im deutschen Kontext eine Riesenfrage ist, wie man mit dieser Vergangenheit umgeht; wie man daraus lernt und eben verhindert, dass es wieder passiert. Und deshalb, glaube ich, sucht man gerade in Deutschland instinktiv oftmals nach diesen Vergleichen. Und es gibt natürlich auch viele Dinge, die an der Zeit ähnlich sind.  

Katja Hoyer im Gespräch mit Jan Hollitzer
Die Historikerin Katja Hoyer zu Besuch bei "Hollitzer trifft". © Funke Mediengruppe | Elena Vogel

Also sind die Bedenken nicht ungerechtfertigt? 

Wenn man sich zum Beispiel die Zersplitterung der politischen Landschaft anschaut, dass es immer schwieriger wird, Koalitionen zusammenzubauen. Dann die wirtschaftlichen Probleme, die die Leute sehr beschäftigen. Es geht um diese grundsätzliche Frage: Wird es meinen Kindern, meinen Enkeln besser gehen als mir selbst? Vor einigen Jahren hätten diese die meisten noch bejaht, aber heute sieht die Situation schon etwas anders aus. Das sind Dinge, die man durchaus mit den späten 1920er Jahren und auch den frühen 1930er Jahren vergleichen kann. Auf der anderen Seite leben wir aber natürlich nicht in Zeiten, die direkt auf einen furchtbaren Krieg folgen, wie wir das in den 1920er Jahren sehen, wo viele Leute zutiefst traumatisiert und auch brutalisiert aus diesem Krieg hervorgegangen sind. Dadurch erklären sich zum Beispiel diese ganzen paramilitärischen Organisationen, die es damals gab. Wir haben heute ja keine Situation, in der sich Kommunisten und Faschisten mit Waffen auf den Straßen Deutschlands bekriegen. Das ist schon eine andere Situation, aus der man aber durchaus bestimmte Muster oder Lehren ziehen kann. Ich bin als Historikerin der Meinung, dass man das sehr vorsichtig tun und eben nicht dieses Wort „Weimar“ oder die Vergleiche zur NS-Zeit immer wieder einfach in den Raum werfen sollte, um politische Gegner zu diskreditieren oder diese Angst zu bündeln, die man hat. Das ist kein konstruktiver Ansatz, um aus der Geschichte zu lernen. 

Was war der Ausgangspunkt für ihr Buch? Die Geschichte der Demokratie oder die Geschichte ihres Scheiterns? 

Ich bin da ergebnisoffen rangegangen. Und ich möchte diese Entscheidungen den Lesern auch nicht abnehmen. Ich habe mich in dem Buch mit meiner eigenen Stimme relativ zurückgehalten. Ich beschreibe – eine Rezension hat das ein Wimmelbild genannt, und ich glaube, das ist vielleicht eine ganz gute Beschreibung – die Zeit, in der ich sie wie ein Mosaik und dem Leser gar nicht vorschreibe, was er jetzt daraus zu entnehmen hat. Sondern man sitzt im Endeffekt, wenn man das Buch von vorn bis hinten liest, 20 Jahre lang selbst in Weimar und guckt sich dort an, was da passiert, und kann dann selbst daraus Schlüsse ziehen, was man aus dieser Zeit wegnimmt und welchem Erklärungsmodell man da folgen möchte. Ich gebe das nicht vor. Ich möchte, dass der Leser mitdenkt, während er liest. Von daher ist da kein Ansatz in der Hinsicht, dass ich von Anfang an irgendwas Bestimmtes daraus ziehen wollte. 

Mit Blick auf „Weimar“ wird auch ein Parteienverbot diskutiert und oft für notwendig erachtet. Was lehrt uns die Geschichte dazu? 

Das funktioniert nicht. Wir gehen heute immer davon aus, dass sie das damals einfach nicht haben kommen sehen. Dass die Menschen da zu naiv rangegangen sind. Aber man hatte bereits total viele verschiedene Dinge versucht, um diese Bewegung zu stoppen. Es gibt zahlreiche Beispiele in dieser Geschichte, auch in meinem Buch, wo man über Redeverbote, Parteiverbote, Einschränkungen, auch der SA, der Hitlerjugend – da gab es auch Überlegungen, die zu verbieten –, doch nichts davon hat funktioniert, weil man immer Wege drumherum findet, wenn es genug Leute gibt, die trotzdem diese Bewegungen unterstützen. Von daher ist für mich schon die Lehre daraus, dass das zumindest nicht die einzige Lösung sein kann, weil das oftmals den gegenteiligen Effekt hat oder eben umgangen werden kann. 

red

Die ganze Folge mit vielen weiteren Aspekten gibt es online unter:

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