Liebe Leserin, lieber Leser,

Zäsur, Katastrophe, Zeitenwende – am Wahlabend der Sachsen-Anhalt-Wahl wurden die ganz großen Worte gebraucht, um den politischen Erdrutsch hin zur AfD zu beschreiben.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die Wahl im wirtschaftlich schwächsten und mit zwei Millionen Einwohnern sehr kleinen Bundesland schlägt Wellen bis über den Atlantik. Sogar Donald Trump postete eine Wahlprognose und Elon Musk gratulierte auf seinem Portal X.

Die Wahl wird auch die Bundespolitik disruptiv verändern, das steht für mich fest.

Lange Gesichter bei der CDU: Friedrich Merz zeigte sich nach den Wahlergebnissen in Sachsen-Anhalt kleinlaut
Lange Gesichter bei der CDU: Friedrich Merz zeigte sich nach den Wahlergebnissen in Sachsen-Anhalt kleinlaut© AFP | Ralf Hirschberger

Beginnen wir beim Kanzler. Die Hauptstadtpresse erlebte heute einen kleinlauten Friedrich Merz, der in vielen Gesprächen mit Parteifreunden Beistand suchte und der nur 16 Monate nach seinem Amtseid in den Abgrund blickt. Die Beliebtheit ist historisch tief im Keller, die CDU steht auch im Bund immer weiter hinter der AfD. In der Koalition probt die SPD Absetzbewegungen bei den verabredeten Reformen. Schlechter könnten die Vorzeichen für die nächsten Monate nicht sein.

Der Kanzler sieht „die schwerste Wahlniederlage, die die CDU seit Jahren, seit Jahrzehnten eingefahren hat“. Und folgert: „Das Ganze wird natürlich Konsequenzen haben müssen.“ Welche genau, blieb eher nebulös, und am grundsätzlichen Reformkurs will er festhalten. Aber was sollte er auch anderes tun? Ein hektischer Kurswechsel keine zwei Wochen vor zwei wichtigen Wahlen wäre politisches Harakiri.

Aber wenn die CDU auch die Hauptstadt verliert und nicht mehr den Regierenden Bürgermeister von Berlin stellen kann, wird die Merz-Debatte in der CDU voll entbrennen. In Mecklenburg-Vorpommern macht die Partei ohnehin keinen Stich. Dann werden diejenigen, die heute schon sagen, „mit diesem Kanzler ist kein Staat mehr zu machen“, ihre Zurückhaltung aufgeben. Sie werden es lauter sagen und damit den Kanzler infrage stellen. Das weiß Friedrich Merz, und er muss sich jetzt rechtzeitig mächtige Verbündete sichern. Mein Kollege Dominik Bath war beim öffentlichen Auftritt des Kanzlers am Tag nach dem Wahldrama dabei.

Siegmund – der starke Mann der AfD

Landtagswahl in Sachsen-Anhalt - Wahlparty AfD
Für Ulrich Siegmund und seine Frau Julia Siegmund war das Ergebnis ein Grund zu feiern © Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler

Ganz anders als der Kanzler ist Wahlsieger Ulrich Siegmund jetzt der Mann, der vor Kraft kaum laufen kann. Er hat die Regierungspartei CDU in Sachsen-Anhalt halbiert und die AfD auf 43,8 Prozent gebracht. Aber er hat die absolute Mehrheit knapp verpasst und muss jetzt zeigen, dass er eine Regierung bilden kann.

Es wird die erste Bewährungsprobe für den 35-Jährigen, der noch nie ein politisches Amt bekleidete. Die Auswahl der möglichen Partner ist überschaubar. Nur das BSW von Sahra Wagenknecht signalisiert, eine AfD-Regierung zu ermöglichen. Aber es gibt zwei weitere Varianten. Erstens: Siegmund versucht, Abgeordnete der CDU zum Wechsel zu überreden. Sollten zwei oder drei „fahnenflüchtig“ werden, hätte er die Mehrheit, auch wenn es die Wähler so nicht gewollt hätten. Solche Gespräche laufen bereits. Scheitert er aber bei der Regierungsbildung, könnten Neuwahlen nötig werden und der ganze Rummel fing von vorne an.

Siegmunds Problem: Das BSW, das es gerade so über die 5-Prozent-Hürde schaffte, will einen „unabhängigen Ministerpräsidenten“. Wen? Das will noch niemand verraten, angeblich kämen genug Persönlichkeiten aus Sachsen-Anhalt infrage. Bei dieser Variante hätte Siegmund umsonst für sich gekämpft. Sie merken es: Alle Varianten fallen in die Kategorie „äußerst schwierig“. Meine Kollegin Linda Pfleger hat noch mehr Details.

Alles blau, oder was?

Reportage aus der AfD-Hochburg Staßfuhrt in Sachsen-Anhalt (Aufnahmen von Montag, 7. September 2026)
André Dolle berichtete aus einer der AfD-Hochburgen Straßburg© Stefan Lohmann Fotografie | Stefan Lohmann

In Staßfurt südlich der Hauptstadt Magdeburg bauten zu DDR-Zeiten 4.000 Arbeiterinnen und Arbeiter im „VEB Fernsehgerätewerke Friedrich Engels“ Röhrenfernseher wie den RFT Colormat. Am vergangenen Sonntag wählten dort so viele Menschen die AfD wie in kaum einem anderen Wahlkreis. Bei den Zweitstimmen kam die AfD auf 54,1 Prozent, die CDU erreichte hier nur 16,9 Prozent.

Wie kann eine Stadt so „blau“ werden, fragte sich mein Kollege André Dolle und fuhr gemeinsam mit Fotograf Stefan Lohmann am Tag nach der Wahl hin. André traf Menschen, die mit der bisherigen Politik abgeschlossen haben und die uns offen erzählten, warum sie bei den Rechtsextremen ihr Kreuz machten. Ein Satz lautete: „Ich lasse mein Kind nicht mehr allein raus.“ Andere berichten, wie sie am Wahlergebnis verzweifeln. Hier ist der ganze Bericht.

„Rammbock gegen das System“

Meine Kollegin Melanie Amann setzt sich schon lange beruflich mit der AfD auseinander, und ihre Podcast-Gespräche mit deren führenden Köpfen in „Amann Unframed“ haben ein großes Publikum.

In ihrem jüngsten Leitartikel beleuchtet sie die Lage, in der sich Deutschland nach der Sachsen-Anhalt-Wahl befindet und kommt zu dem Schluss: „Diese Wahl wurde nicht über Reformfragen und im Wettstreit der besseren Konzepte entschieden, sondern mit Identitätsfragen und Kulturkampf. Nicht nur in Sachsen-Anhalt beobachten viele Menschen den AfD-Triumph mit Unbehagen und Angst – zu Recht. Dort hat die AfD nur den Rammbock angesetzt, der auf das System insgesamt zielt“.

Hier der ganze Text, der zum Nachdenken anregt. Melanie live gibt es heute Abend im ZDF bei „Lanz“ unter anderem mit Timo Chrupalla und Sahra Wagenknecht.

Wirtschaft in Sorge

Nachtluftbild Werksgelände des Chemieproduzenten der Bayer Bitterfeld GmbH im Chemiepark im Ortsteil Greppin in Bitterfeld-Wolfen im Bundesland Sachsen-Anhalt
Wie steht es nach den Wahlergebnissen um Sachsen-Anhalts Wirtschaft?© picture alliance / ZB/euroluftbild.de | Robert Grahn

Der Kanzler hatte davor gewarnt: Ein AfD-Sieg werde internationale Investoren von Sachsen-Anhalt abhalten und der Wirtschaft schwer schaden. Hat er Recht – oder war das nur düstere Wahlkampf-Rhetorik? Schon ohne AfD hatte schließlich der Weltkonzern Intel Milliardeninvestitionen in den Bau einer Magdeburger Chipfabrik abgesagt. Katharina Engeln und Nina Kugler gingen der Frage nach und hörten mehr besorgte als optimistische Stimmen.

Jörg Quoos.
Jörg Quoos.

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Der Meister der Mandate

Abschließen will ich bewusst mit Lob an die öffentlich-rechtlichen Kolleginnen und Kollegen, die die AfD am liebsten in die Arbeitslosigkeit schicken würde. Es ist bewundernswert, wie der ARD-Kollege Jörg Schönenborn seit einer Ewigkeit an jedem Wahlabend um Punkt 18 Uhr live mit Wahlergebnissen, Mandaten und Sitzverteilungen jongliert, ohne sich jemals zu verhaspeln oder zu verrechnen. Chapeau, lieber Kollege!

Ich wünsche Ihnen allen weiter eine erfolgreiche Woche und nur gute Gedanken,

herzlich, Ihr

Jörg Quoos
Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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