Das blutende Nordhausen - 200 Menschen gedenken der Bombenopfer

Nordhausen. Zweimal 25 Minuten. So lange braucht es, um eine Stadt wie Nordhausen dem Erdboden gleich zu machen. Und es geschah. In den letzten Tagen des Krieges. 1945. Wir haben die Rede des Oberbürgermeisters von Nordhausen eingefügt.

Nordhausen gedenkt der Opfer der Bombardierung am 3. April 1945 an der Stele vor dem Rathaus. Foto: Roland Obst

Nordhausen gedenkt der Opfer der Bombardierung am 3. April 1945 an der Stele vor dem Rathaus. Foto: Roland Obst

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"Vorausgegangen war dieser Hölle die Zerstörung viele europäischer Städte durch Deutsche, lange bevor über Deutschland alliierte Bomber auftauchte." Das machte Mittwoch bei der Gedenkveranstaltung am Rathaus Nordhausens Oberbürgermeister Klaus Zeh (CDU) vor allem denen deutlich, die es bis heute nicht verstanden haben. "Wir Deutschen haben den Vernichtungskrieg gegen die Zivilbevölkerung begonnen", wandte er sich an die, die Geschichtsschreibung verzerren wollen. "Die Bombardierung unserer Stadt war eine Rückkehr des Krieges an seine Verursacher." Natürlich habe es Unschuldige getroffen. 8800 Menschen starben im April ’45, darunter viele Gefangene der Deutschen, Zwangsarbeiter.

"Nur mit der Erkenntnis, dass wir die Schuld tragen, können wir unseren Kindern ermöglichen, die Geschichte aufzuarbeiten. Von Nordhausen muss das Signal ausgehen, dass nie wieder brauner Ungeist unsere Stadt erfassen darf." Viele Teilnehmer werden an die Gedenkveranstaltung des Vorjahres gedacht haben, bei der Rechtsgesinnte versucht hatten, gerade die Opfer von Nordhausen zu instrumentalisieren.

Am Mittwoch waren erneut viele junge Menschen gekommen. "Wir müssen ein Zeichen gegen rechte Umtriebe setzen", äußerte sich Maximilian Schröter (19) aus Nordhausen gegenüber TA. "Wir wollen nicht, dass die Geschichtsschreibung von Wenigen verzerrt wird", ergänzte Katharina Balk (18), ebenfalls aus Nordhausen.

Im Anschluss eröffneten OB Zeh und Manfred Schröter, der das Bombardement überlebte, eine Ausstellung mit Bildern Werner Steinmanns. Der Fotograf hatte damals geistesgegenwärtig das blutende Nordhausen festgehalten. "Diese Bilder werden bald die Rolle der letzten Zeitzeugen übernehmen", kehrte Manfred Schröter ihre Bedeutung heraus.

Die Rede des Oberbürgermeisters im Wortlaut

Liebe Nordhäuserinnen und Nordhäuser, liebe Gäste der Stadt Nordhausen, meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir haben uns hier am heutigen 3. April 2013 an der Stele vor dem Rathaus versammelt, um unser traditionelles Gedenken der Wiederkehr des 3./4. April 1945 zu begehen.

Wir gedenken dabei der Toten des Bombardements vom 3. und 4. April 1945, wir gedenken der Zerstörung unserer Stadt, wir gedenken der millionenfachen Opfer des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Barbarei und wir wollen der Opfer aller Kriege und Gewaltherrschaft gedenken.

Am 4. April 1945 ab 9.30 Uhr morgens lag Nordhausen, eine der schönsten Städte des Südharzes, in Schutt und Asche. In zwei Angriffswellen hatte die britische Luftwaffe am 3. und 4. April noch eine Woche vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Nordhausen, in 2 mal 25 Minuten die 1000 jährige Stadt Nordhausen zu 74 % dem Erdboden gleich gemacht.

Nordhausen erlitt damit das gleiche Schicksal, das vor ihr u. a. die deutschen Städte Dresden, Köln, Magdeburg, Hamburg, Dessau und Nürnberg erlitten hatten.

Voran gegangen aber waren die Zerstörung vieler nichtdeutscher Dörfer, Städte und Gemeinden durch Deutsche, u. a. Warschau und Belgrad, Coventry und Rotterdam, London und Stalingrad und das spanische Guernica.

Auch sie wurden mit Bomben zu großen Teilen oder ganz dem Erdboden gleich gemacht.

Sie wurden von den Deutschen bombardiert. Denn lange bevor am Himmel über Deutschland die Alliierten Flugzeuge auftauchten, hatten deutsche Bomber in diesen Städten Europas gnadenlos mit ihrer todbringenden Fracht im Zweiten Weltkrieg hunderttausendfachen Tod gebracht.

Der Zweite Weltkrieg, den Deutschland entfacht hatte, kam mit den Bombardierungen deutscher Städte nach Deutschland und am 3. und 4. April auch nach Nordhausen zurück.

Das Schicksal, das die Nordhäuser an diesen Tagen erlebten, hatten vor ihnen bereits Hunderttausende in anderen erst nichtdeutschen Städten, später in deutschen Städten erlebt. Die Erzählungen Betroffener aus den anderen Städten sind ebenso erschütternd wie die der Nordhäuser hier:

In einer halben Stunde hatten hunderte von englischen Bombern unter Sirenengeheul den Tod in die Stadt getragen.

Er fiel aus Richtung Westen kommend vom Himmel auf die Menschen herab, tausendfach als Brand- und Sprengbomben und als Phosphorbehälter.

Sie regnen auf die Frauen, Männer und Kinder hinab.

Sie regnen auf die Flüchtlinge, die in die Stadt gekommen waren, um Schutz zu suchen.

Sie treffen die Häftlinge des KZs Mittelbau-Dora, die von der SS in der Boelke-Kaserne am Rande der Stadt eingepfercht wurden.

Die Hauptzerstörung traf Wohngebiete in der Innenstadt. Rathaus und Theater wurden bis auf die Umfassungsmauern zerstört.

Bürgerliche Fachwerkbauten aus der Zeit der Gotik und der Renaissance, des Barock und des Rokoko und des Klassizismus waren für immer vernichtet.

Die St. Blasii-Kirche, der Dom und die Frauenbergkirche wurden schwer beschädigt, die Marktkirche St. Nikolai, die Neustädter Kirche St. Jakobi und die St. Petrikirche auf dem Petersberg wurden fast vollständig zerstört.

Der Feuersturm fegte die einst so prächtige Altstadt hinweg und er riss die Dächer von den Häusern. Er verwandelte die Rautenstraße, die Töpferstraße, die Straße vor dem Vogel, Neustadtstraße, Lesserstiege, ja die gesamte Innenstadt, in ein einziges grausig-anzusehendes Irgendetwas.

Eine Orientierung war ausschließlich durch die übrig gebliebenen Geschäfts- und Straßenschilder möglich.

Die Stadt war kaum noch zu identifizieren, außer durch die Erinnerung der Menschen, die suchend umherirrten, weil sie hier noch Minuten zuvor einmal ihr Zuhause hatten und jetzt ihre Existenz verloren hatten. Viele starben noch in den verschütteten Kellern, weil keine Hilfe möglich war.

8.800 Menschen kamen ums Leben. 20.000 Menschen wurden obdachlos.

Auch wenn viele sichtbare Wunden in der Stadt beseitigt sind: Die Wunden tragen vor allem die älteren unter uns noch in sich. Es sind unsere Eltern und Großeltern, die bis heute traumatisiert sind von dem, was sie vor allem an diesen beiden Tagen im April erleben mussten.

Diese Wunden sitzen sehr tief. Und sie brechen immer wieder auf.

Es sagte ausgerechnet ein britischer Bomberpilot so treffend, als er auf die zerstörte Stadt hinabblickte: "Ich sehe etwas unbeschreibliches, es ist wie ‚Dantes Inferno’, eine weite Fläche voller Glut. Sogar das Wasser brennt! Genauso muss die Hölle aussehen." Er fügte später hinzu: "An diesem Tage wurde ich Pazifist."

Bei dem Bombardement wurden keine militärisch- oder kriegswichtigen Ziele getroffen. So bleibt natürlich die Frage nach dem Warum solcher Zerstörung kurz vor Kriegsende?

Der britische Premier Churchill ahnte zumindest, was seine Bomber anrichteten. Beim Betrachten von Luftaufnahmen zerstörter deutscher Städte sagte er: "Wir sind ja Bestien - muss das denn wirklich sein?"

Der englische Bischof Georg Bell erklärte vor dem britischen Parlament in London: "Die Nazi-Mörder in die gleiche Reihe mit dem ganzen deutschen Volk zu stellen, bedeutet, die Barbarei voranzutreiben. Eine ganze Stadt auszulöschen, nur weil sich in einigen Gebieten wichtige Einrichtungen befinden, negiert die Verhältnismäßigkeit".

Diese Fragen nach dem ‚Warum’ und der Verhältnismäßigkeit sind aus meiner Sicht nur von den Alliierten Mächten zu stellen. Für Deutschland und die Deutschen verbietet sich diese Frage.

Denn: Wir Deutsche haben einen bisher noch nie da gewesenen Vernichtungskrieg begonnen, auch gegen die Zivilbevölkerung der eroberten Gebiete. Wir haben millionenfachen Tod in andere Länder gebracht.

Wir Deutsche haben ein fabrikmäßiges Töten gegen Juden, andere Bevölkerungsgruppen und Menschen mit so genanntem minderwertigen Leben in Konzentrationslagern in Gang gesetzt, das alles bisher Vorstellbare an Grausamkeit, Widerwärtigkeit und Bosheit in den Schatten stellt!

Deshalb haben wir kein Recht auf diese Fragen nach der Sinnhaftigkeit und der Verhältnismäßigkeit der Mittel der Gegenwehr der Verteidiger gegen Nazi-Deutschland.

Wir haben aber die Pflicht, die Fragen nach den Ursachen der Zerstörung unserer Stadt zu beantworten. Wir müssen für Klarheit sorgen von Ursache und Wirkung, von Angriff und Verteidigung im Zweiten Weltkrieg.

Das Schicksal der Deutschen in den letzten Monaten bis zum 8. Mai 1945 war die Rückkehr des Krieges an seinen Ausgangspunkt, an seine Verursacher. Wir Deutsche waren die Verursacher des Zweiten Weltkrieges.

Nur mit dieser Erkenntnis können wir unseren Kindern und Enkel glaubwürdig entgegen treten. So können wir sie davor bewahren, den Radikalen und Weltvereinfachern Raum zu geben und ihnen leichtfertig hinterher zu laufen.

Wir sind diese Aufklärung den tausenden Menschen schuldig, die hier in dieser Stadt Nordhausen vor 68 Jahren umgekommen sind.

Wir sind es denen schuldig, die in dem Konzentrationslager Mittelbau-Dora vor den Toren der Stadt Nordhausen versklavt, geschunden und zu Tode gequält worden sind.

Wir sind es den Opfern der so genannten V1- und V2-Wunderwaffen schuldig. Sie mussten im Konzentrationslager von den Häftlingen zwangsweise hergestellt werden. Diese Waffen haben über ganz Europa Verderben gebracht.

Und wir sind es heute und hier unseren Menschen in Nordhausen schuldig, dass von dieser Stadt das Signal ausgehen möge:

Nie wieder darf brauner Ungeist diese Stadt erfassen.

Nordhausen ist eine tolerante und weltoffene Stadt, die von der Vielfalt lebt. Demokratie, Freiheit und Menschenwürde darf nicht von denen missbraucht werden, die eigentlich ihre Abschaffung wollen.

Wir stehen heute hier, um an jene Menschen zu erinnern, deren Leben am 3. und 4. April gewaltsam ein Ende fand. Dieses Gedenken gehört uns - den Familienangehörigen der Opfer, ihren Freunden und Bekannten.

Lassen wir uns das Gedenken nicht von denen nehmen, die gerade jetzt unsere Geschichte umdeuten wollen. Die Jahrestage der Zerstörung, die in vielen Städten Deutschlands z. Zt. begangen werden, wollen die Extremisten nutzen, um sich die Geschichte zu recht zu biegen.

Sie wollen mit ihren so genannten "Schnürstiefeln" und "Bomberjacken" auf dem Rücken jener marschieren, die ihren Tod im Bombenhagel gefunden haben. Sie wollen die Spielregeln der Demokratie nutzen, um sie abzuschaffen. Ihre Kränze oder Blumen sind eine Verhöhnung der Opfer.

Liebe Nordhäuserinnen und Nordhäuser,

heute gibt es ein Nordhausen voller Leben und Lebendigkeit. Es ist so schön, wie seit Kriegsende nicht mehr. Die Wunden des Krieges sind vernarbt und geheilt, manchmal auch nur überdeckt - aber nicht unsichtbar, weil sie in den Herzen vieler noch zu spüren sind.

Lassen Sie uns danken, dass wir heute hier gemeinsam in Frieden mit unseren Kindern, Eltern und Freunden stehen dürfen.

Wir wollen dankbar sein, dass uns in wenigen Tagen ehemalige belgische Häftlinge bei ihrem Besuch hier in Nordhausen die Hände zur Versöhnung ausstrecken werden. Es sind die von den Nazis gezwungenen Häftlinge, die die V2 bauen mussten, mit denen Tage später ihre Heimatstadt Antwerpen teilweise in Schutt und Asche gelegt wurden.

Lassen Sie uns dankbar sein, dass wir mit Städten in Polen, Israel und Frankreich eine enge Partnerschaft leben, dass man dort unserer Friedfertigkeit vertraut.

Ich bitte Sie nun um das Gedenken an alle Opfer der Stadt Nordhausen im Zweiten Weltkrieg, insbesondere der Opfer vom 3. und 4. April.

Wir wollen aller unschuldigen Opfer des Zweiten Weltkrieges gedenken und an die Opfer der Nationalsozialistischen Barbarei.

Wir wollen gedenken an alle Opfer von Rassismus, Gewalt und Krieg in der Welt.

Wir wollen an die Opfer denken, die durch ideologische Verblendung durch Hass und Menschenverachtung immer noch zu Tausenden in der Welt sterben.

Und ich möchte heute ausdrücklich auch die unschuldigen Opfer des Syrischen Bürgerkrieges in unser Gedenken einbeziehen.

Ich bitte um Ihr stilles Gedenken.

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