Heute Demo in Jena: Kino dicht, Hoteliers genervt, Heimwegsperren

Jena  Schwer bezifferbar, aber mutmaßlich beträchtlich sind die volks- und betriebswirtschaftlichen Gesamtfolgen des Zusammentreffens von „Thügida“-Demo und Gegendemonstranten am Mittwoch. Wir halten Sie mit einem Live-Ticker auf dem Laufenden.

Die Universität hat am Dienstag eine Banner-Aktion gestartet. An zehn Orten ist ein Transparent mit der Aufschrift „Denken ohne Grenzen“ zu sehen - so auch am Institutsgebäude für Geographie und Materialwissenschaften am Löbdergraben 32. Vielleicht lesen sich das am Mittwoch auch mal die Teilnehmer der „Thügida“-Demo durch. Foto: Thomas Stridde

Die Universität hat am Dienstag eine Banner-Aktion gestartet. An zehn Orten ist ein Transparent mit der Aufschrift „Denken ohne Grenzen“ zu sehen - so auch am Institutsgebäude für Geographie und Materialwissenschaften am Löbdergraben 32. Vielleicht lesen sich das am Mittwoch auch mal die Teilnehmer der „Thügida“-Demo durch. Foto: Thomas Stridde

Foto: zgt

Schwer bezifferbar, aber mutmaßlich beträchtlich sind die volks- und betriebswirtschaftlichen Gesamt-Folgen des heutigen Zusammentreffens von „Thügida“-Demo und Gegendemonstranten.

Beispiel Turm-Restaurant und -Hotel „Scala“: Inhaber Andreas Machner hatte schon gestern „gravierende Einbußen“ im Blick. – Eine Veranstaltung mit 100 Teilnehmern für den heutigen Tag sei abgesagt worden; überdies seien „mindestens zehn“ Reservierungen für das Hotel storniert worden. Und psychologisch alles andere als günstig: Die „Führungsetage“ einer wichtigen deutschen Firma mit hiesiger Tochter-Unternehmung wolle heute im „Scala“ darüber beraten, ob sie den Standort Jena weiter am Leben erhält, erläuterte Andreas Machner.

Er weiß von der vergangenen AfD-Demo, wie verheerend die diversen Sicherheitsvorkehrungen sich geschäftlich niederschlagen. Er habe „eine dreiviertel Stunde um die Stadt schleichen müssen“, ehe er in Richtung Turm die Polizeiketten passieren durfte. Der an einem solchen Tag verlorene Umsatz werde nicht nachgeholt. „Die festen Kosten sind aber die gleichen; ich kann nicht allen Urlaub geben.“ – Also: „Es nervt!“

Das Centermanagement der „Holzmarkt-Passage“ hat gestern den Mietern empfohlen, die Geschäfte ab 12.30 Uhr zu schließen, bestätigte Annett Hammon, die Assistentin der Geschäftsführung. „Wir sind hier in unserer Lage doch etwas arg umzingelt.“ Von der Mittagszeit an werde die „Holzmarkt-Passage“ verstärkt bewacht und 15 Uhr komplett geschlossen. Philipp Lohmeier, der Leiter des „Cinestar“-Kinos in der „Holzmarkt-Passage“, berichtete, dass das Lichtspieltheater heute den ganzen Tag geschlossen bleibt. Mindestens 400 Gäste wären an einem solchen Tag zu erwarten gewesen, sagte er. Wenigstens seien heute keine Sonderveranstaltungen eingeplant gewesen. „So ein Angebot wie ‚Cine-Lady‘ mit allein 200 Gästen stand heute zum Glück nicht an.“ Als „Affront für alle Demokraten“ – das wollte Lohmeier als Privatmann betonen – empfindet er den Gerichtsentscheid, dass die Rechtsradikalen heute an Hitlers Geburtstag mit Fackeln durch die Stadt ziehen dürfen.

„Wir haben keine andere Chance, als uns diesen Rahmenbedingungen zu stellen“, sagte gestern Goethe-Galerie-Centermanager Michael Holz. An der Goethe-Galerie werde heute zusätzliches Wachpersonal postiert sein, „dass das Rein und Raus besser funktioniert“. Ansonsten sei er zu wenig juristischer Experte, um beurteilen zu können, ob sich mehr gegen die Demo-Anmeldung der Rechten hätte bewegen lassen. Dass der Aufzug für heute – Hitlers Geburtstag – zugelassen wurde, „das hat mich aber schon schockiert“, sagte Michael Holz. Wenigstens sei dies Anlass zu appellieren, bei jenen Veranstaltungen, „die wir selbst zu verantworten haben“, besser zu navigieren. Zum Beispiel der „Rock gegen Rechts“ vor gut vier Jahren mit Udo Lindenberg und Peter Maffay in der Oberaue – „das Thema total positiv“ – hätte man nach Holz‘ Überzeugung mehr an den Rand der Stadt verlagern können. „So war uns als Einzelhandel dazumal ein Freitag im Advent komplett zerschossen worden.“

Für Gasthaus und Hotel „Zur Noll“ bedeutet der heutige Demo-Tag „wirklich einen Einbruch“ der Umsatzzahlen, wie Inhaber Andreas Jahn sagte. „Das ist nicht schön“, obwohl Andreas Jahn dem Geist der Fackelträger am heutigen Hitler-Geburtstag entgegensteht, „na, logisch“. Indessen: Der Gaststättenbesucher sage sich womöglich, dann komme er eben ein anderes Mal wieder. Für die Hotel-Gäste sei es aber schlimm, wenn sie via Stadthaus und Unterlauengasse keine Zufahrt erhalten. „Die sind sauer“, sagte Andreas Jahn, der sich eines Eindrucks nicht erwehren kann: Jena sei als Demo-Kampfzone in der letzten Zeit wohl „ein bisschen hochstilisiert“ worden. „Geschrei und Terrorisierung finde er im Übrigen generell nicht gut, egal auf welcher Seite der Demo-Front.

Einschnitte fürs Geschäft konnte sich gestern für den heutigen Mittwoch auch Torsten Tonndorf-Martini ausmalen. Der Inhaber des Reformhauses am Markt verfügte, dass sich seine Mitarbeiterinnen heute spätestens 14 Uhr auf den Heimweg begeben – um wegen des eingeschränkten Nahverkehrs zu Kindern und Familien gelangen zu können. Die Geschwister der Inhaber-Familie werden dann allein im Laden bleiben und „je nach Kundenstrom entscheiden“, wie lange sie das Geschäft offenhalten, sagte Torsten Tonndorf-Martini. Auch die für heute nach 18 Uhr georderten Lieferanten habe man abbestellt.