Von Bautzen bis Gera: Gefährliches Schweigen der Mitte

Bautzen/Tröglitz/Gera  Wie kann man verhindern, dass die Stimmung in einer Stadt nach rechts kippt? Ein Besuch in Bautzen und Gera.

Bei einer Dialogveranstaltung in der Maria-und-Martha-Kirche diskutierten die Bautzener die Probleme der Stadt.

Foto: imago

Wenn Annalena Schmidt durch Bautzen geht, sieht sie zwei Städte. Die eine ist eine Kleinstadt in der Lausitz, mit einem „wirklich sehr guten“ Kulturangebot, wie Schmidt erzählt, während man am Sorbischen Museum vorbeigeht. Die Straßenschilder sind auf Deutsch und Sorbisch beschriftet, der Sprache der Minderheit, die vor allem in der Lausitz lebt. Im Zentrum wirft der Dom St. Petri, den sich seit rund 500 Jahren Katholiken und Protestanten teilen, seinen Schatten auf einen Marktplatz. Eine Stadt, die stolz ist auf eine Tradition des friedlichen Zusammenlebens. Das andere Bautzen ist eines, das viele Bewohner nur ungern sehen.

Das ist die Stadt, in der im Spätsommer 2016 immer wieder Flüchtlinge und Rechte aneinandergerieten, bis schließlich rund 80 Rechte etwa 20 Flüchtlinge durch die Stadt jagten. In der jemand wie Schmidt, die unnachgiebig über die Aktivitäten von Rechten und Rechtsextremen in der Stadt spricht, Drohungen bekommt. In der der zugezogenen Hessin entgegengeschleudert wird: „Gehen Sie wieder!“

Bautzen ist über sich selbst erschrocken

Dieser Satz fiel Ende Februar, bei einem Abend in einer Kirche, der überschrieben war mit „Zurück zur Sachlichkeit“. Tatsächlich hat sich die Lage etwas beruhigt. Nach der Veranstaltung habe sie viel Zuspruch bekommen, sagt Schmidt. Bautzen, so hat man den Eindruck, ist erschrocken über sich selbst: Wie konnte das passieren? Und wie geht es jetzt weiter?

Es ist eine Entscheidung, vor der nicht nur Bautzen steht: Reden, auch über Probleme, auch wenn es weh tut – oder schweigen über das, was am rechten Rand passiert, weil es bequemer ist? In zehn Bundesländern sind im Mai Kommunalwahlen. Die Ergebnisse werden ein Stimmungsbild sein, wohin Dörfer und Städte neigen.

„Toxische Orte“nach wirtschaftlichem Niedergang

Schon Einzelne können Einfluss nehmen darauf, welchen Weg eine Stadt einschlägt, sagt Rebecca Pates. Die Politikwissenschaftlerin forscht an der Universität Leipzig zu gesellschaftlichem Zusammenhalt und zur Frage, wann er bröckelt. Es gibt Risikofaktoren, sagt sie: Wo Deindustrialisierung und demografischer Wandel zusammenkämen, können „toxische Orte“ entstehen – Orte, wo ein jahrelanges Gefühl des Niedergangs wie Gift in die Gesellschaft sickert.

Ob das Gift seine Wirkung entfalten kann oder nicht, hängt im Zweifel davon ab, ob jemand dagegen vorgeht. Soziale Kontrolle heißt das oder einfacher: „Jemand muss sagen: ‚Das geht so nicht, das ist nicht in Ordnung‘“, erklärt Pates. Geschieht das nicht, können aus rassistischen Einstellungen Taten werden, schweigend geduldet von der Mehrheit.

Dass der Weg in die Radikalisierung eines Ortes nicht vorgegeben ist, beweist Julian Vonarb. Vonarb, 47, Schal zum Sakko und Lederarmbändchen am Handgelenk, ist Oberbürgermeister von Gera in Thüringen – einer Stadt, die alle Zutaten für den giftigen Cocktail hat. Nach der Wende sinkende Bevölkerungszahlen, eine hohe Arbeitslosenquote, dann gingen 2014 auch noch die Stadtwerke in Insolvenz. Es hätte in diese Reihe gepasst, wenn Gera 2018 die erste größere deutsche Stadt mit einem AfD-Bür­germeister geworden wäre. Mit 21,3 Prozent war der AfD-Kandidat in die Stichwahl eingezogen.

Gera: Ein Ex-Banker gegen die AfD

Aber Gera stimmte für Vonarb, einen parteilosen Ex-Banker aus Westdeutschland. Was er seitdem macht, können die Geraer gut nachverfolgen: Vonarb bei einer Ausstellungseröffnung, Vonarb beim Deutschen Städtetag, Vonarb bei der Einweihung einer Straßenbahn, alles dokumentiert auf Facebook und Ins­tagram.

Was als Geltungsdrang ausgelegt werden könnte, ist Programm. „Soziale Medien eignen sich nicht, um eine inhaltlich tiefe Fachdiskussion zu führen“, sagt er. „Aber mein Antrieb ist es, dass die Menschen verstehen, was ich den ganzen Tag mache.“ Eine Strategie, die aufzugehen scheint: Der Ton auf den Facebook- und Instagram-Seiten ist freundlich. Fragt man auf der Straße, wie sich der neue Bürgermeister macht, klingen die Antworten wohlwollend.

Mit allen reden

70 Prozent der Stimmen hat er vergangenes Jahr bekommen, der Vertrauensvorschuss ist groß. Von­arb muss jetzt etwas beweisen, auch und gerade den 30 Prozent, die den AfD-Kandidaten gewählt haben und die wahrscheinlich eine große Überschneidung haben mit den 28,5 Prozent, die schon bei der Bundestagswahl in Gera AfD gewählt hatten. Davon, diese Menschen sich selbst zu überlassen, hält er nichts: „Wenn ich mit einem nicht rede, habe ich schon mal nicht die Chance, ihn von Inhalten oder Themen zu überzeugen.“ Viel tun, viel darüber reden, und das möglichst mit allen. Das ist Vornarbs Ansatz.

Es wird sich zeigen, ob das ausreicht. In Gera wird Ende Mai der Stadtrat gewählt, dann wird wohl auch die AfD Teil des Rats sein. Auch in Sachsen stehen Kommunalwahlen an. In Bautzen steht auch Annalena Schmidt auf dem Stimmzettel, als Parteilose auf der Liste der Grünen. Der Wahlkampf sei eine Chance zu reden, die die Stadt nutzen müsse. „Wenn man hier nicht dieses Jahr anfängt zu diskutieren“, sagt Schmidt, „dann wird es nie passieren.“

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