Mehr als 280.000 Menschen in Deutschland leben mit Multipler Sklerose. Jedes Jahr kommen rund 15.000 Neuerkrankungen hinzu. MS zählt damit zu den häufigsten chronisch-entzündlichen Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Prof. Dr. Ralf Gold ist Direktor der Neurologischen Klinik am Universitätsklinikum Bochum St. Josef Hospital und beantwortet hier die wichtigsten Fragen zur Krankheit.

Herr Gold, warum wird die Multiple Sklerose auch als „Krankheit mit den 1000 Gesichter“ bezeichnet?

Ralf Gold: Weil sowohl der Verlauf als auch die Symptome sowie deren Ausprägung von Mensch zu Mensch extrem unterschiedlich sind. Bei der MS greift das eigene Immunsystem irrtümlich das zentrale Nervensystem an und je nach betroffenem Bereich kann dies motorische Probleme, Sehstörungen, Gefühlsstörungen, kognitive Einschränkungen, aber auch eine Blasenstörung oder schwere Erschöpfung verursachen. Die Vielfalt der Symptome macht die Behandlung von MS zu einer komplexen Aufgabe.

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Was sind die Ursachen von Multipler Sklerose?

Gold: Die Ursachen sind nach wie vor nicht vollständig geklärt. Nach aktuellem Wissensstand handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der genetische Risikofaktoren und Umwelteinflüsse eine Rolle spielen. Zudem wurde mittlerweile ein Zusammenhang mit Epstein-Barr-Virus (Anm. d. Red: Das Virus kann unter anderem das Pfeiffersche Drüsenfieber auslösen) nachgewiesen.

Wie sieht dieser Zusammenhang aus?

Gold: Eine US-Studie bestätigte, dass nahezu alle von ihr untersuchten MS-Betroffenen zuvor mit Epstein-Barr-Virus infiziert waren. Das Virus scheint demnach die Entwicklung von MS zu begünstigen, in dem es im Körper eine fehlgeleitete Autoimmunreaktion hervorruft. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber nicht, dass jeder, der an Epstein-Barr-Virus erkrankt, automatisch MS bekommt.

Die meisten Fälle von MS werden bei jungen Erwachsenen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren festgestellt. Warum ist das so?

Gold: In dieser Lebensphase ist das Immunsystem am aktivsten, was die Autoimmunreaktion begünstigt. Grundsätzlich kann MS aber in jedem Lebensalter auftreten.

Prof. Dr. Ralf Gold, bekleidet mit Anzug und Krawatte, lächelt in die Kamera.
Prof. Dr. Ralf Gold ist Direktor der Neurologischen Klinik am Universitätsklinikum Bochum St. Josef.© Martin Stollberg | MARTIN STOLLBERG

In vielen Ländern steigen die gemeldeten MS-Fälle, auch in Deutschland. Woran liegt es?

Gold: In erster Linie liegt es vor allem an der besseren Diagnostik. Die Diagnostik-Kriterien für MS wurden in den letzten Jahren bereits zum vierten Mal überabeitet und angepasst. Modernere Verfahren wie eine Kernspintomografie machen eine frühere und genauere Erkennung der Krankheit möglich. Man vermutet aber auch, dass Umwelteinflüsse eine Rolle dabei spielen, dass die Erkrankung heutzutage häufiger auftritt als früher, genau erforscht ist es aber noch nicht.

Multiple Sklerose beeinflusst die Lebenserwartung von Betroffenen

Junge Menschen, die an MS erkranken und über Familienplanung nachdenken, machen sich Sorgen, ob sie die Krankheit gleich mitvererben. Wie groß ist das Risiko dafür?

Gold: MS ist keine klassische Erbkrankheit, sondern eine multifaktorielle Erkrankung, bei der eine genetische Veranlagung nur einen Teil des Risikos ausmacht. Das Risiko, an MS zu erkranken, wenn ein Elternteil das hat, beträgt etwa zwei bis drei Prozent. Dies ist lediglich ein leicht erhöhtes Risiko im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung mit 0,2 Prozent Risiko. Wenn beide Eltern MS haben, steigt das Risiko zwar weiter auf zehn Prozent, bleibt damit aber relativ niedrig im Vergleich zu anderen erblichen Erkrankungen. Selbst bei genetisch identischen eineiigen Zwillingen sind nur in etwa 30 Prozent der Fälle beide an MS erkrankt.

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Wenn man von MS erzählt, haben viele das Bild eines Menschen im Kopf, der im Rollstuhl sitzt. Wie sieht die Prognose heute aus, wenn man die Diagnose erhält?

Gold: Die MS-Forschung hat in den letzten Jahrzehnten sehr große Fortschritte gemacht. Die heutige Therapie verbessert die Prognose daher deutlich. Früher hieß es, die Lebenserwartung bei MS-Betroffenen sinkt um bis zu 15 Jahre. Heute ist es nicht mehr der Fall. Ihre Lebenserwartung ist heute kaum noch verkürzt und die meisten Patienten sind lange ohne Rollstuhl mobil, da wirksame Therapien und Medikamente den Krankheitsverlauf verlangsamen oder den Ausbruch neuer Schübe verhindern können, vor allem wenn MS rechtzeitig entdeckt wird.

Multiple Sklerose: Die richtige Ernährung kann helfen

Auf welche Frühsymptome sollten Menschen achten, um sich rechtzeitig an einen Arzt zu wenden?

Gold: Typische erste Anzeichen sind plötzliche oder wiederkehrende Sehprobleme wie unscharfes Sehen, oft begleitet von Unwohlsein oder Lichtempfindlichkeit. Auch motorische Ausfallerscheinungen wie Schwäche oder begleitende Koordinationsprobleme treten häufig auf, sowie Taubheit oder Kribbeln in Armen oder Beinen.

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Wie sieht denn heutzutage eine erfolgreiche MS-Therapie aus?

Gold: Das kann man pauschal schlecht beantworten, da die Krankheit sehr unterschiedlich verläuft und die Therapie immer individuell auf den Betroffenen zugeschnitten werden muss. Bei der Wahl der passenden Behandlungsmethode sind viele Faktoren zu berücksichtigen, aber eine frühe medikamentöse Behandlung ist sehr wichtig, da Medikamente die Häufigkeit und Schwere von Schüben reduzieren und so die Nervenzellen schützen können. Einen akuten Krankheitsschub behandelt man typischerweise mit Kortison, das ist am effektivsten und setzt gegebenenfalls auch Blutwäsche ein.

Grundsätzlich spielt auch eine gesunde Ernährung bei der Therapie eine wichtige Rolle. Es wird vor allem zu einer mediterranen Ernährung geraten, die reich an Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen und Fisch ist. So kann ein gesunder Lebensstil positive Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf haben und auch die psychische Gesundheit verbessern.