Ein Ärzteteam in China hat einen Klebstoff entwickelt, der zertrümmerte Knochen in nur wenigen Minuten stabilisieren soll – und das ohne Schrauben, ohne Platten, ohne zweite Operation. Über die Entwicklung berichtete zuerst die chinesische Zeitung „Global Times“.

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Die Forscher ließen sich dabei von einem erstaunlichen Vorbild inspirieren: einem Meeresbewohner, der seit Jahrmillionen selbst im tosenden Wasser zuverlässig haftet. Ob der „Knochenkleber“ wirklich hält, was er verspricht, zeigen nun erste klinische Studien.

Knochenbruch-Behandlung: Metallplatten mit vielen Risiken

2016 war Lin Xianfeng noch Assistenzarzt am Sir Run Run Shaw Hospital in Hangzhou. Immer wieder erlebte er, wie erfahrene Chirurgen stundenlang versuchten, zertrümmerte Knochenfragmente mit Metallplatten und Schrauben millimetergenau zu fixieren. Doch trotz des enormen Aufwands waren die Ergebnisse oft unbefriedigend. Patienten litten unter Infektionen, verloren Knochenmasse oder mussten sich einer zweiten Operation unterziehen, um die Implantate wieder entfernen zu lassen.

Auch Professor Pan Xunwu, Orthopäde an der Zhejiang University und später Mitentwickler von „Bone-02“, beschreibt die Grenzen der bisherigen Methode deutlich: „Konventionelle Frakturbehandlungen erfordern Metall, was es schwierig macht, kleine Fragmente präzise auszurichten. Der Eingriff dauert lange, und häufig gingen dabei Knochenstücke verloren – mit negativen Folgen für die Lebensqualität der Patienten“, zitierte ihn die „Chosun Daily“.

Für Lin, heute stellvertretender Chefarzt der Orthopädie am Sir Run Run Shaw Hospital, wurde diese Erfahrung zum Wendepunkt. Er begann nach einer Alternative zu suchen – einer Methode, die schneller wirkt, präziser arbeitet und den Patienten eine schonendere Heilung ermöglicht.

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Knochenkleber: Austern als Vorbild für die Medizin

Die zündende Idee kam Lin nicht in einem Labor, sondern bei einem Spaziergang unter einer Brücke. Dort sah er Austern, die selbst in salzigem Meerwasser und unter starker Strömung unerschütterlich am Beton hafteten.

Mit dieser Beobachtung begann ein Forschungsprojekt, das mehrere Jahre dauern sollte und bei dem die Forscher dutzende Formulierungen ausprobierten und hunderte Tierversuche durchführten – unter anderem an Mäusen, Kaninchen und Hunden. Ihr Ziel war es, zwei große technische Hürden zu überwinden: die biologische Sicherheit und die Haftkraft in blutreicher Umgebung, wo alle bisherigen Klebstoffe versagt hatten.

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Knochenkleber „Bone-02“: Ein Kleber für den menschlichen Körper

Nach jahrelanger Forschung präsentierte das Team schließlich „Bone-02“. Das Prinzip klingt wie eine kleine Revolution: Statt Metallplatten und Schrauben einzusetzen, genügt eine einzige Injektion, um selbst zertrümmerte Knochenfragmente „in nur drei Minuten“ präzise miteinander zu verbinden, heißt es in dem Bericht.

Laborversuche belegten, dass der Klebstoff eine Zugkraft von über 180 Kilogramm aushält, in manchen Tests sogar höhere Werte. Auch in stark durchbluteten Operationsfeldern gelang es, Knochenfragmente innerhalb von zwei bis drei Minuten zuverlässig zu fixieren.

Ein weiterer Vorteil: „Bone-02“ besteht aus biologisch abbaubarem Material. Es wird im Laufe von etwa sechs Monaten vom Körper resorbiert – genau in der Zeit, in der der Knochen selbst heilt. Damit entfällt eine zweite Operation, wie sie bei Metallimplantaten unvermeidlich ist.

Handgelenksfraktur: Erster Patient im klinischen Einsatz

Wie die südkoreanische „Chosun Daily“ berichtet, wurde „Bone-02“ erstmals bei einem Patienten mit einer komplizierten Handgelenksfraktur eingesetzt. Statt eine große Öffnung zu schaffen, um eine Platte und Schrauben einzusetzen, machten die Ärzte nur einen zwei bis drei Zentimeter langen Schnitt und injizierten den Klebstoff direkt an die Bruchstelle.

Bereits drei Minuten später waren die Knochenfragmente stabil verbunden. Drei Monate nach dem Eingriff zeigte sich bei der Nachuntersuchung: Die Fraktur war ohne Komplikationen verheilt, die Handgelenksfunktion vollständig wiederhergestellt. Konventionelle Behandlung hätte eine deutlich größere Operation bedeutet – und ein Jahr später eine weitere, um die eingesetzte Metallplatte wieder zu entfernen.

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Studie zu Knochenbrüchen: Erste Ergebnisse mit über 150 Patienten

Dieser erste dokumentierte Fall blieb jedoch nicht die Ausnahme. Nach Angaben des Sir Run Run Shaw Hospitals in Hangzhou wurde „Bone-02“ inzwischen bei mehr als 150 Patienten eingesetzt. Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend: In zahlreichen Fällen heilten die Knochen nicht nur schneller, sondern auch mit weniger Infektionen als nach herkömmlichen Operationen mit Metallimplantaten.

Auch die staatlichen Medien CCTV und Xinhua berichteten über die Entwicklung. Demnach hat das Projekt bereits die Zulassung für eine multizentrische, randomisierte klinische Studie erhalten – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur internationalen Anerkennung.

Knochenkleber: Einsatz im Notfall und in anderen Fachgebieten

Noch ist „Bone-02“ kein Bestandteil der Routineversorgung. Bevor der Kleber weltweit zugelassen wird, müssen Langzeitergebnisse und mögliche Nebenwirkungen untersucht werden. Dennoch denken die Forscher bereits weiter.

„Dieses Material ist geeignet für Frakturen aller Größen und Körperregionen, insbesondere für kleine Fragmente, die mit Metall kaum zu fixieren sind“, erklärt Lin gegenüber „Chosun Daily“. Wegen seiner schnellen Haftung und einfachen Handhabung könne es auch in Extremsituationen zum Einsatz kommen – etwa bei Katastrophen oder im Krieg, wenn schnelle, minimalinvasive Versorgung gefragt ist.

Darüber hinaus laufen laut chinesischen Medien bereits Patentverfahren, und die Entwickler prüfen mögliche Anwendungen in anderen Bereichen, etwa bei Zahnimplantaten oder in der Wirbelsäulenchirurgie.