Der Vesuv hat Pompeji nicht nur verschüttet – er hat auch ein Stockwerk Geschichte ausgelöscht. Beim Ausbruch im Jahr 79 n. Chr. begrub der Vulkan die Stadt unter meterdicken Schichten aus Asche und Gestein. Viele Erdgeschosse überstanden die Katastrophe. Doch die oberen Etagen, oft leichter konstruiert, gingen im Lauf der Jahrhunderte verloren. So ging ein ganzer Bereich des städtischen Lebens verloren.

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Archäologen sprechen deshalb vom „verlorenen Pompeji“. Gemeint ist jener Teil der Stadt, der einst höher, dichter und sozial vielfältiger gewesen sein dürfte, als es die heutigen Ruinen vermuten lassen.
Archäologie: Forscher rekonstruieren das „verlorene Pompeji“ digital
Um diese Lücke zu schließen, arbeitet ein Team des Archäologischen Parks von Pompeji mit der Humboldt-Universität zu Berlin zusammen. In einer Studie des Projekts „POMPEII RESET“ zeigen die Forschenden, wie sich verschwundene Bauteile mithilfe moderner Messmethoden digital zurückgewinnen lassen.
Zum Einsatz kommen Laserscans und LiDAR – eine Technik, die Entfernungen mit Laserimpulsen vermisst – sowie hochpräzise Nahaufnahmen. Aus den Daten entstehen dreidimensionale Modelle erhaltener Wände, Treppen und Räume. Der Schlüssel liegt dabei in unscheinbaren Spuren: Löcher, in denen einst Holzbalken saßen, Reste von Deckenansätzen oder Treppen, die heute scheinbar ins Nichts führen. Aus solchen Details erstellen die Wissenschaftler digitale „Zwillinge“, virtuelle Rekonstruktionen, die das frühere Erscheinungsbild der Gebäude plausibel machen sollen. Susanne Muth, Mitautorin der Studie, erklärt gegenüber „CNN“, dass dadurch „ein differenzierteres und historisch genaueres Verständnis der antiken Stadt und des Lebens in ihr“ möglich werde.
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Die Studie legt nahe, dass die digitalen Rekonstruktionen sogar unsere Vorstellung von Pompejis Skyline verändern könnten. Wenn mehr Häuser als bislang angenommen repräsentative Obergeschosse besaßen, war die Stadt womöglich deutlich vertikaler, dichter und architektonisch ambitionierter, als es die heutigen Ruinen vermuten lassen.
Damit gerät auch ein altes Deutungsmuster ins Wanken. Lange galten die oberen Stockwerke vor allem als schlichte Schlaf- oder Arbeitsbereiche für ärmere Bewohner oder Sklaven. Susanne Muth erklärt, dass sich die Forschung über Jahrhunderte vor allem auf spektakuläre Funde wie Statuen und Wandmalereien konzentrierte. Erst das neuere Interesse am Alltag lenkte den Blick stärker nach oben. Dort fanden sich Hinweise auf eine hochwertigere Ausstattung in manchen Obergeschossen – ein Indiz dafür, dass auch Wohlhabende diese Räume nutzten.
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Pompejis geheime Siedlung: Die Treppe, die zu einem Turm führt
Besonders deutlich wird das an einem neu ausgegrabenen Haus in Regio IX, der Casa del Tiaso. Die Studie nimmt diese Residenz in den Fokus, weil ihre Architektur eine auffällige Leerstelle hinterlässt. Im Erdgeschoss setzt eine monumentale Steintreppe an, die einst in den ersten Stock geführt haben muss – im heutigen Befund endet sie jedoch abrupt. Die entscheidende Frage lautet daher: Was befand sich über diesem Treppenlauf?
Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass im fehlenden Bereich möglicherweise eine weitere Treppe aus Holz anschloss. Vertiefungen und Spuren an den Wänden nahe dem oberen Ende der Steintreppe deuten laut den Studienautoren darauf hin, dass es im verlorenen Obergeschoss eine zweite Treppe gegeben haben könnte – ein Indiz für eine noch höhere Bauphase. Diese Hinweise brachten die Forschenden zu einer weitreichenden Rekonstruktion: Digitale Analysen legen nahe, dass die geschwungene Steintreppe ursprünglich zu einem hohen Turm führte. In der Studie wird ein Aufbau skizziert, der sich bis zu 40 Fuß – also rund 12,2 Meter – über die Villa erhoben haben könnte.
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Die Studie diskutiert zudem mögliche Nutzungen des rekonstruierten Turms. Denkbar sei ein Speiseraum in der Höhe, umgeben von Fenstern, während darunter eher funktionale Bereiche für die Vorbereitung von Mahlzeiten lagen. Die räumliche Logik wäre damit ebenso römisch wie alltagsnah: Arbeit unten, Inszenierung oben.
Muth betont zudem, die Befunde in der Casa del Tiaso seien ein starkes Signal dafür, dass solche Türme auch in städtischen Wohnhäusern existiert haben könnten – als Ausdruck wohlhabender Architektur, die Gesten der Villenwelt in die Stadt übertrug. Der Hausbesitzer hätte seinen Status damit bereits aus der Ferne sichtbar gemacht. Ob die Casa del Tiaso ein Ausnahmefall war oder nur das bislang klarste Beispiel, bleibt allerdings offen.
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Doch die Studie bleibt nicht bei der Architektur stehen. Sie verbindet die Rekonstruktionen mit einer zweiten, überraschenden Beobachtung: Offenbar kehrten Menschen Jahrzehnte nach der Katastrophe an den Ort zurück. Gabriel Zuchtriegel, Direktor des Archäologischen Parks und Co-Autor, beschreibt, die Ascheschicht habe stellenweise rund fünf Meter erreicht. Trotzdem hätten Teile der oberen Gebäude noch herausgeragt.
Demnach veränderte sich die Stadtlandschaft radikal. Ehemalige Erdgeschosse wurden zu einer Art Untergeschoss. In diesen nun teilweise verschütteten Räumen richteten Rückkehrer offenbar Öfen, Mühlen und Feuerstellen ein. Erst nach einer weiteren schweren Eruption im fünften Jahrhundert sei der Ort endgültig aufgegeben worden, so Zuchtriegel.
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Damit erhält das „verlorene Pompeji“ eine doppelte Geschichte: Es verschwand nicht nur im Moment des Vesuvausbruchs, sondern auch langsam – durch Einstürze, Umbauten und die Witterung der folgenden Jahrhunderte. Als die systematischen Ausgrabungen im 18. Jahrhundert begannen, war diese obere Stadt bereits weitgehend verloren. Die im E-Journal „of the Excavations of Pompeii“ veröffentlichten Ergebnisse zeigen nun, was sich aus den verbliebenen Spuren dennoch rekonstruieren lässt: eine Stadt, deren Alltag und soziale Ordnung sich auch in den oberen Etagen abspielte.









