Manchmal genügt ein einziges Glas, damit Worte fließen, die sonst im Hals stecken bleiben. Im Urlaub wird aus dem zähen Schulenglisch ein erstaunlich entspanntes Gespräch, auf Französisch kommt ein Kompliment über die Lippen, auf Spanisch sogar ein kleiner Witz – obwohl man die Sprache eigentlich nur bruchstückhaft beherrscht. Das hat nichts mit einem neuen Lerntrick zu tun, sondern mit einem alten Begleiter vieler Abende: Alkohol.

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Was bislang vor allem als Kneipenweisheit kursierte, bekommt nun Rückenwind aus der Forschung. Eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Maastricht, der Universität Liverpool und des King’s College London legt nahe, dass eine kleine Menge Alkohol das Sprechen in einer Fremdsprache verbessern kann. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „Journal of Psychopharmacology“ veröffentlicht. Die Betonung liegt dabei auf „klein“.

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Alkohol und Fremdsprache: Die Idee entsteht in einer Wiener Bar

Der Ausgangspunkt dieser Forschung liegt weit weg von sterilen Laborräumen und erstaunlich nah an einer Alltagserfahrung, die viele kennen. 2013, nach einer internationalen Fachtagung, sitzen mehrere Psychologinnen und Psychologen in einer Wiener Bar zusammen und trinken ein wenig.

„Wir haben abends etwas getrunken und gemerkt, dass es leichter fiel, sich auf Englisch zu unterhalten“, sagt Fritz Renner von der Universität Freiburg der Deutschen Presse-Agentur. Aus dem kurzen Eindruck jenes Abends wurde bei Renner und seiner Kollegin Jessica Werthmann ein ernst gemeinter Gedanke: Wenn sich Sprechen unter leichtem Alkoholeinfluss tatsächlich verändert, müsste sich das messen lassen – jenseits von Anekdoten.

Studie zu Alkohol und Fremdsprache: So testeten die Forscher den Bar-Eindruck

Also machten Renner und Werthmann genau das, was Wissenschaft aus einem Bauchgefühl macht: Sie bauten einen Test, der den Effekt greifbar machen sollte. Die Studie entstand 2017 an der Universität Maastricht. Dort untersuchte das Team 50 Studierende mit Deutsch als Muttersprache, die für einen Auslandsaufenthalt gerade erst begonnen hatten, Niederländisch zu lernen – also Menschen, die sich verständigen konnten, aber beim Sprechen noch leicht ins Stocken gerieten.

Renner beschreibt den Ablauf so: Vor einem kurzen Gespräch auf Niederländisch erhielt eine Hälfte der Teilnehmenden ein Glas Wasser, die andere ein Mischgetränk mit einer kleinen Menge Wodka und Bitter Lemon. „Betrunken“ sollte dabei niemand sein; es ging um eine moderate Dosis, ungefähr im Bereich eines kleinen Biers.

Nach dem Gespräch sollten die Studierenden einschätzen, wie gut sie gesprochen hatten. Zusätzlich ließen die Forschenden die aufgezeichneten Interviews von zwei niederländischen Muttersprachlern bewerten – unabhängig voneinander und ohne dass diese wussten, wer Alkohol getrunken hatte. So sollte am Ende nicht das Gefühl entscheiden, sondern der Eindruck von außen.

Alkohol-Studie: Warum ein bisschen Alkohol die Aussprache verbessern kann

Als die Forschenden die Gespräche auswerteten, zeigte sich ein Effekt, mit dem sie selbst nicht in dieser Klarheit gerechnet hatten. „Das hat uns sehr überrascht“, sagt Fritz Renner. Denn die Teilnehmenden, die vor dem Gespräch eine kleine Menge Alkohol getrunken hatten, wurden insgesamt besser bewertet als die Gruppe mit Wasser. Vor allem klang ihre Aussprache flüssiger und natürlicher – so urteilten die niederländischen Muttersprachler. Interessanterweise schätzten sich die Teilnehmenden selbst nicht als besser ein. Sie hielten sich also nicht für sprachgewandter, sie waren es in diesem Moment.

Die Forschenden erklären den Effekt so: Alkohol kann Hemmungen lösen. Wer weniger Angst hat, sich zu verhaspeln oder einen Grammatikfehler zu machen, spricht freier. Das klingt simpel, hat aber einen klaren Hintergrund. Beim Sprechen in einer Fremdsprache laufen im Gehirn mehrere Dinge gleichzeitig ab: Man sucht Wörter, baut die Satzstruktur, achtet auf die Aussprache und kontrolliert sich permanent selbst. Diese Selbstkontrolle ist nützlich, kann aber auch bremsen. Ein leichter Alkoholpegel dämpft sie ein wenig – und genau dadurch wird Sprechen manchmal spontaner, flüssiger und in der Betonung sicherer.

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Alkohol zum Sprachenlernen: Warnung vor Missverständnissen und zu hoher Dosis

Doch die Forschenden warnen ausdrücklich: Der Befund ist kein Freifahrtschein für Trinkgelage im Sprachkurs. In der Studie wurde nur eine geringe Menge Alkohol getestet – gerade so viel, dass Hemmungen sinken können, ohne dass die Kontrolle kippt.

Denn jenseits dieser kleinen Dosis dreht sich der Effekt schnell um. Wer zu viel trinkt, verliert nicht nur die Scheu, sondern auch das, was gutes Sprechen ausmacht: Konzentration, klare Artikulation – also die saubere Aussprache – und die Kontrolle über Tempo und Stimme. Genau deshalb heißt es in der Studie sinngemäß, man wolle keinesfalls dazu raten, Alkohol als Lernhilfe zu nutzen. Der beobachtete Vorteil funktioniert nur in einem engen Rahmen – und ist schneller verspielt, als man „Cheers“ sagen kann.

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Ig-Nobelpreis: Auszeichnung für kuriose Forschung mit ernstem Kern

Dass aus einer Beobachtung an einem Barabend eine Studie mit internationaler Aufmerksamkeit wurde, ist schon ungewöhnlich. Dass diese Studie nun auch ausgezeichnet wurde, ist noch ungewöhnlicher – allerdings nicht mit einem klassischen Wissenschaftspreis, sondern mit einer Ehrung, die bewusst mit dem Augenzwinkern arbeitet.

Das Team um Jessica Werthmann und Fritz Renner wurde in diesem Jahr mit dem Ig-Nobelpreis ausgezeichnet, der jährlich in Boston verliehen wird. Er würdigt Forschung, die auf den ersten Blick schräg wirkt, aber einen Gedanken auslöst, der hängen bleibt. Oder, wie Werthmann es selbst einordnet: „Der Preis passt zu der Studie. Sie soll zum Lachen und Nachdenken anregen.“

Tatsächlich ist die Pointe schnell erzählt: Ein Glas Wein als Turbo fürs Französisch – das klingt wie eine gute Ausrede. Doch der Kern ist ernst. Die Studie erinnert daran, dass Sprache nicht nur aus Vokabeln und Regeln besteht. Oft entscheidet auch der Mut, den eigenen Satz einfach auszusprechen – selbst wenn er nicht perfekt ist.