Eine vollständige Heilung von Erblindung ist oft nicht möglich. Wenn Sehzellen oder der Sehnerv einmal abgestorben sind, regenerieren sie sich in der Regel nicht einfach wieder. Trotzdem bedeutet das nicht, dass die Medizin beim Sehverlust nur zuschauen kann. Viele Therapien zielen darauf, das Fortschreiten zu bremsen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

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Dass solche Fortschritte auch bei besonders schwierigen Diagnosen möglich sind, legt nun eine neue Studie aus London nahe. Am Moorfields Eye Hospital erprobten Ärztinnen und Ärzte eine Behandlung gegen eine seltene, gefährliche Augenerkrankung, bei der bisher oft nur Schadensbegrenzung blieb. Was das im Leben bedeuten kann, schildert eine der ersten Patientinnen gegenüber der BBC.

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Okuläre Hypotonie: Wenn der Augendruck gefährlich absinkt

Die Diagnose heißt okuläre Hypotonie – und dahinter steckt, vereinfacht gesagt, ein Auge mit zu wenig „Innendruck“. Normalerweise hält dieser Druck den Augapfel in Form, ähnlich wie Luft einen Ballon stabil macht. Fällt er deutlich ab, verliert das Auge seine Spannung. Es kann sich verziehen und im Extremfall regelrecht in sich zusammensacken. Das Bild wird nicht nur unscharf: Die veränderte Form kann Strukturen im Auge so belasten, dass bleibende Schäden entstehen. Ohne wirksame Behandlung kann das bis zur Erblindung führen.

Ausgelöst wird der Druckabfall laut medizinischen Übersichtsarbeiten vor allem durch Entzündungen im Auge, Verletzungen oder Komplikationen nach Augenoperationen; auch bestimmte Medikamente können den Augendruck senken.

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Silikonöl bei Hypotonie: Warum die klassische Behandlung oft enttäuscht

Um ein „zu weiches“ Auge wieder zu stabilisieren, griffen Ärztinnen und Ärzte bislang häufig zu Steroiden und Silikonöl. Das Prinzip ist schnell erklärt: Wenn der Augapfel wegen zu niedrigen Drucks seine Form verliert, soll eine innere Stütze das Auge wieder „auffüllen“, damit es runder und fester wird. In der Praxis stößt diese Strategie jedoch an Grenzen.

Forschende des „Moorfields Eye Hospitals“ warnen, dass Silikonöl bei längerer Anwendung toxisch wirken kann – also das Gewebe schädigen kann. Vor allem aber löst es das zweite Problem oft nicht: das Sehen selbst. Viele Betroffene beschreiben den Blick durch das Öl als dauerhaft getrübt, fast wie durch einen Schleier.

Neue Therapie bei Augendruck: Klares Gel statt Silikonöl-Schleier

In Moorfields entschied man sich deshalb für einen anderen Ansatz – mit einem Material, das in Augenoperationen ohnehin verwendet wird: Hydroxypropylmethylcellulose, kurz HPMC. Dahinter steckt ein klares, wasserbasiertes Gel, das Chirurginnen und Chirurgen normalerweise nutzen, um während eines Eingriffs die Form des Auges zu stabilisieren oder die Oberfläche zu schützen.

Neu ist, was die eine Studie daraus macht: HPMC wird nicht nur einmalig eingesetzt, sondern wiederholt in den Hauptteil des Auges injiziert, um den Druck anzuheben und das Auge wieder stabil zu machen. In der Pilotstudie, veröffentlicht im „British Journal of Ophthalmology“, sprachen sieben von acht Patientinnen und Patienten auf die Behandlung an.

Der leitende Augenarzt Harry Petrushkin macht dabei eine Einschränkung, die über Erfolg oder Misserfolg entscheidet: Helfen könne die Methode nur, wenn hinten im Auge noch funktionsfähige Strukturen vorhanden sind – also wenn es überhaupt noch „Seh-Potenzial“ gibt. Dann, so seine Logik, könnte das Wiederherstellen der Form und Festigkeit dazu führen, dass vorhandenes Sehen wieder nutzbar wird.

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Patientin berichtet: Die Therapie war „lebensverändernd“

Was hinter den Studiendaten steckt, zeigt der Fall von Nicki Guy (47), der ersten Patientin des Projekts. Als ihre Beschwerden 2017, kurz nach der Geburt ihres Sohnes, begannen, verschlechterte sich zunächst ihr rechtes Auge. Gegenüber der BBC beschreibt sie, es habe seine Form verloren, „zusammengeknittert wie eine Papiertüte“. Es folgte die Standardroute: Silikonöl, um das Auge zu stützen. Doch wirklich besser wurde es nicht. Nicki sagt, sie habe am Ende kaum mehr gekonnt als Finger zählen; alles sei stark verschwommen gewesen.

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Als später auch das linke Auge nachließ, habe sie sich, so schildert sie es, innerlich festgelegt: Es müsse noch etwas anderes geben, sie wolle nicht aufgeben. Dann begann die Behandlung mit HPMC-Injektionen. Und zum ersten Mal seit Langem, sagt sie, sei der Schleier vor ihren Augen verschwunden. „Es ist lebensverändernd. Es hat mir alles zurückgegeben. Ich kann sehen, wie mein Kind aufwächst“, sagt sie.

Heute, berichtet sie, liest sie bei Sehtests wieder die meisten Buchstabenzeilen und ist nur noch eine Zeile von dem Wert entfernt, der fürs Autofahren vorgeschrieben ist. Petrushkin erklärt die Logik dahinter: Zuerst müsse das Auge wieder stabil werden, dann könne sich vorhandenes Sehvermögen, wieder nutzen lassen. Bei Nicki sei dieser Plan aufgegangen.

Behandlung am Moorfields Eye Hospital
Nicki erhielt ihre Behandlung am Moorfields Eye Hospital; betreut wurde sie von Augenarzt Harry Petrushkin.© Moorfields Eye Hospital | Moorfields Eye Hospital

Nach der ersten Pilotgruppe blieb es nicht bei acht Fällen. Unterstützt von der Moorfields Eye Charity wurden inzwischen mehr als 30 weitere Patientinnen und Patienten mit dem Verfahren behandelt. Die Forschenden hoffen, künftig besser vorhersagen zu können, wer besonders von der Therapie profitiert – und wer nicht.