Darmkrebs galt lange als Krankheit des Alters. Häufig stehen am Anfang Polypen – kleine Wucherungen in der Darmschleimhaut, die zunächst gutartig sind. Aus manchen dieser Polypen kann sich über viele Jahre ein bösartiger Tumor entwickeln. Ärztinnen und Ärzte nennen diesen Weg Adenom-Karzinom-Sequenz: eine Abfolge, in der aus einer Vorstufe (Adenom) schrittweise Krebs (Karzinom) werden kann. Im Durchschnitt dauert das zehn bis fünfzehn Jahre – beeinflusst durch Veranlagung, Ernährung und Lebensstil.

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Genau dieses Zeitmaß passt jedoch immer schlechter zu den Fällen, die heute Aufmerksamkeit erregen. Der Anteil junger Darmkrebserkrankter wächst. Nach Angaben des Krebszentrums am Universitätsklinikum Leipzig sind in Deutschland rund fünf Prozent der Betroffenen jünger als 50 Jahre, in den USA sind es sogar bis zu zwölf Prozent. Damit drängt sich eine Frage auf: Wie kann eine Krankheit, die normalerweise ein Jahrzehnt oder länger braucht, so früh zuschlagen?
Um Antworten zu finden, greifen Forschende in Großbritannien nun ausgerechnet zu dem, was am weitesten zurückreicht: alten Gewebeproben. Tumormaterial, das seit Jahrzehnten – teils seit fast hundert Jahren – in Archiven lagert, wird mit heutigen Methoden neu untersucht. Die Hoffnung ist, dass das Erbgut dieser Proben zeigt, was sich über die Zeit verändert hat – und warum Darmkrebs bei Jüngeren plötzlich häufiger wird.
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Darmkrebs unter 50: Mit 23 erhält Holly die Diagnose
Holly ist 27, Schauspielerin – und Teil einer wachsenden Gruppe junger Menschen, die an Darmkrebs erkranken. Am Anfang klang nichts nach einer lebensbedrohlichen Diagnose. Sie hatte Blähungen, sie nahm ab. Zunächst seien die Beschwerden als Reizdarmsyndrom abgetan worden, erzählt sie, bis es ihr so schlecht ging, dass sie in die Notaufnahme musste.
Dann die Diagnose: fortgeschrittener Darmkrebs, obwohl sie erst 23 war. Gegenüber der „BBC“ sagte Holly, die Chemotherapie habe sie „auf eine Weise verändert, wie ich es mir nie hätte vorstellen können“. Am schwersten sei gewesen, zu akzeptieren, dass ihr Leben nicht einfach dorthin zurückkehren würde, wo es vorher war. Heute lebt sie mit einem künstlichen Darmausgang, ist seit über drei Jahren krebsfrei und plant ihre Hochzeit. Und doch gibt es Tage, an denen sie nur diese eine Frage hat: Warum ich?
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Auch die Wissenschaft findet auf Hollys Frage bislang keine einfache Antwort. Genannt werden viele mögliche Ursachen: Übergewicht, stark verarbeitete Lebensmittel, Antibiotika, ein verändertes Mikrobiom – also die Gesamtheit der Bakterien im Darm –, dazu Luftverschmutzung und Mikroplastik. Doch statt weiter zu spekulieren, gehen Forschende nun einen anderen Weg.
Im Keller des Londoner St Mark’s Hospital, dem nationalen Darmkrankenhaus, lagern zehntausende alte Krebsproben. Sie stammen von Patientinnen und Patienten aus vielen Jahrzehnten. Prof. Kevin Monahan, Gastroenterologe am St Mark’s, nennt das Archiv gegenüber der „BBC“ eine „weltweit einzigartige Sammlung“. Mit modernen Methoden sollen die Proben jetzt neu analysiert werden – um herauszufinden, was sich über die Zeit verändert hat und warum Darmkrebs bei Jüngeren häufiger geworden ist.
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Darmkrebs-Forschung: Wie DNA-Spuren den Auslöser entlarven sollen
Der Ansatz ist vergleichsweise einfach zu erklären: Wenn Krebs entsteht, hinterlassen die Auslöser Spuren im Erbgut der Tumorzellen – wie Fingerabdrücke am Tatort. Forschende nennen diese typischen Muster von DNA-Veränderungen Mutationssignaturen. Je nachdem, was die Zellen geschädigt hat – etwa Chemikalien, Strahlung oder bestimmte Bakterien –, sehen diese Muster unterschiedlich aus.
Genau nach solchen Mustern sollen die alten Proben nun am Institute of Cancer Research in London analysiert werden. Die Hoffnung ist, im Vergleich der Jahrzehnte zu erkennen, ob bestimmte „Fingerabdrücke“ heute häufiger auftauchen als früher – und ob sie besonders oft bei jungen Patientinnen und Patienten zu finden sind.
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Darmkrebs-Ursache: Der Verdacht richtet sich auf ein Bakterium
Eine erste, konkrete Spur beschreibt Prof. Trevor Graham vom Institute of Cancer Research (ICR) gegenüber der „BBC“. „Unsere führende Idee ist, dass es eine bestimmte Art von E. coli gibt, die heute im Darm junger Menschen lebt und die es früher so nicht gab“, sagt er.
E. coli ist an sich nichts Ungewöhnliches: Das Bakterium gehört bei vielen Menschen zur normalen Darmflora, die meisten Varianten sind harmlos, manche sogar nützlich. Problematisch wird es nur bei einigen wenigen Stämmen, die ein genetisches „Werkzeug“ mitbringen – einen Genabschnitt namens „pks“. Er kann dazu führen, dass das Bakterium Colibactin produziert, einen Giftstoff, der die DNA von Darmzellen schädigen kann. Solche Schäden hinterlassen typische Muster im Erbgut – genau jene Mutationssignaturen, nach denen die Forschenden in den Archivproben nun suchen.
Gestützt wird diese Idee durch eine große internationale Studie, die in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht wurde. Unter Leitung der University of California in San Diego analysierte das Team das Erbgut von fast tausend Darmkrebspatientinnen und-patienten aus elf Ländern. In der Studie heißt es, dass bei Erkrankten unter 40 bestimmte Mutationsmuster auffällig oft zu finden waren – häufiger als bei älteren Betroffenen. Die Autoren deuten diese Muster als Hinweis auf Colibactin und vermuten, dass colibactinbildende E.-coli-Stämme die Krebsentwicklung beschleunigen könnten.
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Wie kommen solche problematischen E.-coli-Stämme überhaupt in den Körper? Die Forschenden aus den USA schreiben, dass sie über kontaminierte Lebensmittel übertragen werden können – etwa über unzureichend gegartes Fleisch oder schlecht gewaschenes Gemüse. Entscheidend ist dabei weniger der einzelne Kontakt als der Zeitpunkt. Passiert die Schädigung früh im Leben, könnte der Krebs erst Jahre später sichtbar werden – scheinbar „aus dem Nichts“, tatsächlich aber lange vorbereitet.
Noch ist offen, warum solche Bakterienstämme heute häufiger sein könnten als früher. Genau das soll der Vergleich von alten und neuen Proben zeigen. Prof. Trevor Graham vom Institute of Cancer Research sagt dazu gegenüber der „BBC“, wenn diese Keime verantwortlich seien, müsse man ihre Spuren in der Vergangenheit seltener finden als heute.














