Angst ist zunächst ein Schutzmechanismus. Sie warnt vor Gefahren, schärft die Sinne, hilft bei schnellen Entscheidungen. Doch wenn Furcht dauerhaft den Alltag bestimmt, ohne konkreten Anlass auftritt und kaum kontrollierbar ist, sprechen Fachleute von einer Angststörung. Nach Angaben der World Health Organization sind weltweit rund 359 Millionen Menschen betroffen – etwa 4,4 Prozent der Bevölkerung. Damit zählen Angststörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt.

Angst: Gene spielen größere Rolle als lange gedacht

Lange standen vor allem Erziehung, Persönlichkeit oder belastende Lebensereignisse im Mittelpunkt der Ursachenforschung. Nun rückt die Biologie stärker in den Fokus. Eine große internationale Genstudie, veröffentlicht im Fachjournal Nature Genetics, kommt zu dem Schluss: Viele Betroffene bringen eine erhöhte Anfälligkeit bereits von Geburt an mit.

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Beteiligt waren Forschungsteams aus mehreren Ländern, darunter auch das Universitätsklinikum Würzburg. Analysiert wurden die genetischen Daten von 122.341 Menschen mit diagnostizierten Angststörungen sowie 729.881 Kontrollpersonen. Insgesamt flossen 36 unabhängige Datensätze in die Auswertung ein.

Das zentrale Ergebnis: Es gibt kein einzelnes „Angst-Gen“. Stattdessen tragen viele genetische Varianten in ihrer Summe zu einem erhöhten Risiko bei. Jede einzelne verändert die Wahrscheinlichkeit nur minimal – zusammengenommen können sie jedoch erklären, warum manche Menschen besonders empfindlich auf Stress und Bedrohung reagieren. Fachleute sprechen von einem polygenen Risiko.

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Enge Verbindung zu Depressionen

Auffällig ist zudem die starke genetische Überschneidung mit anderen psychischen Erkrankungen. Die genetischen Muster ähneln besonders denen von Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Persönlichkeitsmerkmalen wie Neurotizismus. Auch Zusammenhänge mit Suizidversuchen fanden sich.

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Diese Befunde erklären, warum Angststörungen in der Praxis häufig nicht allein auftreten. Viele Betroffene leiden gleichzeitig unter mehreren psychischen Problemen. Die Studie legt nahe, dass diese Kombinationen nicht zufällig sind, sondern auf gemeinsamen biologischen Grundlagen beruhen.

Wichtig bleibt dabei: Gene entscheiden nicht über das Schicksal. Sie beeinflussen die Anfälligkeit. Ob eine Erkrankung tatsächlich ausbricht, hängt weiterhin stark von Umweltfaktoren wie Stress, traumatischen Erfahrungen oder körperlichen Erkrankungen ab.

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58 genetische Varianten identifiziert

Insgesamt identifizierten die Forscher 58 genetische Varianten, die mit Angststörungen in Zusammenhang stehen. Bestätigt wurden unter anderem Gene, die am sogenannten GABAergen Signalweg beteiligt sind. Der Botenstoff GABA wirkt im Gehirn dämpfend und spielt eine zentrale Rolle bei der Regulierung von Angst.

Dass ausgerechnet dieses System genetisch auffällig ist, stützt bestehende Therapien: Mehrere gängige Medikamente gegen Angststörungen greifen genau dort an. Gleichzeitig entdeckte das Team weitere molekulare Signalwege, die bislang kaum beachtet wurden. Sie könnten Ansatzpunkte für neue Behandlungsstrategien bieten.

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Keine Gentests, aber weniger Stigma

Für einen Gentest zur Diagnose eignen sich die Ergebnisse allerdings nicht. Dafür sind die Effekte der einzelnen Varianten zu gering. Der Nutzen liegt vielmehr im besseren Verständnis der Erkrankung.

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Die Daten zeigen deutlich: Angststörungen sind keine Frage von Willensschwäche oder persönlichem Versagen. Sie haben eine biologische Grundlage. Dieses Wissen kann helfen, Vorurteile abzubauen – und Betroffene ermutigen, sich Unterstützung zu suchen.