ADHS und Autismus werden nicht nur bei Kindern, sondern auch im Erwachsenenalter diagnostiziert. Was bedeuten diese Diagnosen tatsächlich? Wo liegen Unterschiede und Überschneidungen? Und welche Rolle spielen soziale Medien zwischen Aufklärung und Verzerrung? Johannes Streif vom Verein ADHS Deutschland räumt mit Vorurteilen auf und gibt Hinweise zur Diagnostik.
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Herr Streif, einmal für Einsteiger: Was ist ADHS, was ist Autismus – und wie unterscheiden sie sich?
Johannes Streif: ADHS ist im Kern eine Störung der Verhaltenshemmung und willentlichen Aufmerksamkeitssteuerung. Betroffene nehmen oft sehr viele Reize auf und reagieren impulsiv auf den stärksten Reiz, statt die Aufmerksamkeit gezielt zu halten. Autismus – auch Autismus-Spektrum-Störung genannt – betrifft eher die Art, Informationen zu verarbeiten: Kohärenz- und Bedeutungsherstellung, Perspektivübernahme, Alltagsfunktionalität.
Autisten ordnen Dinge eher nach Eigenschaften als nach Funktion, haben Schwierigkeiten im sozialen Verständnis und mit überraschenden Veränderungen. Es gibt Überschneidungen, ja, aber es sind immer noch zwei unterschiedliche Diagnosen.
Doppeldiagnose ADHS & Autismus: „Chance und Herausforderung zugleich“
Können sich die Diagnosen ADHS und Autismus denn gegenseitig beeinflussen?
Ja, das ist möglich – das kann sich gegenseitig dämpfen oder verstärken. Die ADHS-typische Impulsivität kann autistische Menschen aus Routinen herausholen und Neugier fördern. Umgekehrt kann der autistische Anteil mit seinem Bedürfnis nach Struktur und Kontrolle der ADHS-Impulsivität Grenzen und Ordnung geben. Es bleibt individuell – darin liegen Chance und Herausforderung zugleich.
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Welche typischen Vorurteile und Stereotypen begegnen Menschen mit ADHS oder Autismus?
Bei ADHS dominiert noch immer das Zappelphilipp-Klischee: chaotisch, unzuverlässig. Beim Autismus sind es Bilder vom ritualisierten Menschen mit „Inselbegabungen“, oft verbunden mit pauschalen Zuschreibungen geringer Sozialkompetenz. Beides greift viel zu kurz und wird der Bandbreite der Ausprägungen nicht gerecht.
Ein Treiber dieser Klischees scheint Social Media zu sein – hilft die Online-Sichtbarkeit oder verzerrt sie das Bild?
Beides. Social Media hat Sichtbarkeit geschaffen und Akzeptanz erhöht. Gleichzeitig zeigen sich dort vor allem leichtere Verläufe, schwere Fälle sind meiner Meinung nach kaum präsent. Für mich ist immer wichtig: Aus Social-Media-Posts lassen sich keine validen Diagnosen ableiten. Wer sich informieren will, sollte auf seriöse Quellen setzen – Universitäten, Gesundheitsbehörden oder Selbsthilfeorganisationen.

Diagnose: Neue Technik wird „zu selten konsequent genutzt“
Was wünschen Sie sich denn für die öffentliche Wahrnehmung?
Mehr Sichtbarkeit ist gut – solange sie realistisch bleibt. Wir brauchen Darstellungen, die auch schwere Verläufe einschließen, und eine präzise Diagnostik.
Gibt es in der Diagnostik denn bereits Fortschritte?
Ja, da hat es in den vergangenen Jahren auf jeden Fall schon Verbesserungen gegeben. Bei ADHS helfen zum Beispiel computergestützte Aufmerksamkeitstests, weil sie willentliche Aufmerksamkeitssteuerung besser abbilden als reine Beobachtung. Bei Autismus gäbe es Potenzial, dieses wird aber in der Praxis zu selten konsequent genutzt.
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Was würden Sie Erwachsenen raten, die die Vermutung haben, sie könnten ADHS oder Autismus haben?
Informieren Sie sich seriös – am besten über Seiten von Universitäten, Gesundheitsbehörden oder Selbsthilfeverbänden. Prüfen Sie anschließend ehrlich, ob es deutliche und anhaltende Beeinträchtigungen in mehreren Lebensbereichen gibt. Wenn ja, suchen Sie eine fachliche Abklärung bei einer Fachärztin oder einem Facharzt für Psychiatrie/Psychotherapie oder in spezialisierten Ambulanzen. Wichtig: Keine Diagnose per Video, sondern eine fundierte Diagnostik.










