In Deutschland kamen 2024 nach Angaben des Statistischen Bundesamts 677.117 Kinder zur Welt. Doch nicht jede Geburt verläuft zum errechneten Termin: Nach einer Auswertung der Techniker Krankenkasse (TK) lag der Anteil frühgeborener Kinder 2024 bei rund 6,0 Prozent. Mediziner sprechen von einer Frühgeburt, wenn ein Baby vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Die Frage nach den Ursachen ist dringlich. Da mit einer zu frühen Geburt Risiken verbunden sind: Das Robert Koch-Institut (RKI) warnt, dass Frühgeborene deutlich anfälliger für Infektionen sind und ein erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe haben. Eine neue Studie aus den USA könnte nun einen Teil der Frühgeburten erklären: Sie rückt in Plastik enthaltene Chemikalien in den Fokus, denen Menschen im Alltag nahezu ständig ausgesetzt sind.
Lesen Sie auch
Phthalate im Alltag: Wo die Plastik-Chemikalien überall stecken
Die beiden Stoffe, um die es in der Studie geht, heißen DEHP und DiNP. Sie gehören zur Gruppe der Phthalate, also chemischen Zusatzstoffen, die Kunststoffe weich und flexibel machen. Weil sie so vielseitig einsetzbar sind, gelten sie als allgegenwärtig. Nach Angaben von Studienleiter Leonardo Trasande von der New York University stecken sie unter anderem in „jener haftenden Plastikfolie, die häufig für Lebensmittelverpackungen verwendet wird“.
Darüber hinaus finden sie sich in Kinderspielzeug, Lebensmittelbehältern, Vinylböden, Duschvorhängen, Gartenschläuchen und medizinischen Geräten. Auch in Körperpflegeprodukten kommen sie vor, etwa in Deodorants, Nagellacken, Parfüms, Shampoos, Seifen und Bodylotions, wo sie unter anderem Duftstoffe tragen.
Auch interessant
Phthalate: Warum die Alltagschemikalien so umstritten sind
Gerade ihre Alltäglichkeit macht diese Stoffe so heikel. Seit Jahren verdichten sich die Hinweise, dass Chemikalien aus Kunststoffen mehrere Organe belasten und das Hormonsystem stören können. Hormone steuern zentrale Prozesse im Körper, etwa Wachstum, Stoffwechsel und Fortpflanzung. Schon kleine Eingriffe können deshalb große Folgen haben.
Wie das Forschungsteam schreibt, brachten frühere Studien Phthalate unter anderem mit Fortpflanzungsproblemen in Verbindung, etwa mit Fehlbildungen der Geschlechtsorgane und Hodenhochstand bei männlichen Säuglingen. Auch geringere Spermienzahlen und niedrigere Testosteronwerte bei erwachsenen Männern werden genannt. Andere Untersuchungen verknüpfen die Stoffe zudem mit Fettleibigkeit im Kindesalter, Asthma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.
Weitere Infos zu dem Thema
Frühgeburten durch Phthalate: Was die neue Studie herausgefunden hat
Die Hinweise auf gesundheitliche Risiken sind also nicht neu. Neu ist der Versuch, ihre möglichen Folgen für Frühgeburten weltweit in Zahlen zu fassen. Die am Dienstag in „eClinicalMedicine“ veröffentlichte Studie modellierte die Folgen der Phthalate DEHP und DiNP für 200 Länder und Territorien im Jahr 2018. Grundlage waren große Erhebungen aus Kanada, Europa und den USA sowie Hochrechnungen für Regionen mit schwächerer Datenlage.
Das Ergebnis ist alarmierend: Das Team um Trasande schätzt, dass DEHP weltweit mit rund 1,97 Millionen Frühgeburten in Verbindung stand, also mit mehr als 8 Prozent aller Fälle. Hinzu kamen laut Modell rund 74.000 Todesfälle bei Neugeborenen. Für DiNP, einen häufig genutzten Ersatzstoff, fielen die Werte ähnlich hoch aus: etwa 1,88 Millionen Frühgeburten und gut 64.000 Todesfälle. Außerdem geht die Studie von Millionen verlorenen gesunden Lebensjahren aus.
Besonders stark betroffen waren den Autoren zufolge der Nahe Osten, Südasien und Teile Afrikas. Dort sei die Belastung auch deshalb hoch, weil Plastikproduktion und Plastikmüll in vielen Ländern stark zunehmen. Für Afrika zeigte das Modell zudem einen besonders hohen Anteil an Todesfällen im Verhältnis zur Zahl der Frühgeburten.
Auch interessant
Zugleich betonen die Autoren selbst die Grenzen der Untersuchung. Die Studie beweist nicht, dass DEHP und DiNP allein und direkt Frühgeburten verursachen. Andere Phthalate wurden ebenfalls nicht erfasst. Der Umweltgesundheitsforscher Donghai Liang von der Emory University, der nicht an der Studie beteiligt war, hält das zwar für nachvollziehbar, weil DEHP besonders gut untersucht sei und DiNP oft als Ersatzstoff verwendet werde. Gegenüber „CNN“ warnte er jedoch, die eigentliche Sorge gelte der Stoffgruppe insgesamt: Wer nur ein oder zwei Phthalate betrachte, unterschätze womöglich das gesamte Risiko.
Frühgeburten: Wie Phthalate die Plazenta schädigen könnten
Wie genau Phthalate Frühgeburten begünstigen, ist noch nicht abschließend geklärt. Es gibt aber plausible Erklärungen. Eine davon betrifft die Plazenta, also das Organ, das das ungeborene Kind mit Sauerstoff, Nährstoffen und Immunabwehr versorgt. Nach Einschätzung von Forschern könnten Phthalate und andere hormonstörende Chemikalien ihre Funktion beeinträchtigen. Wird die Plazenta dadurch nicht mehr ausreichend versorgt oder arbeitet sie nicht mehr richtig, kann das eine Frühgeburt begünstigen.
Trasande nennt zudem Entzündungen als möglichen Mechanismus. Auch sie könnten durch die Belastung mit Phthalaten begünstigt werden. Solche Entzündungsprozesse, so Trasande, könnten die Haftung der Plazenta an der Gebärmutterwand schwächen, einen vorzeitigen Blasensprung begünstigen und so Wehen auslösen.
Lesen Sie auch
Phthalate vermeiden: Was Verbraucher tun können
Die gute Nachricht ist: Phthalate bleiben nicht dauerhaft im Körper, sondern werden meist innerhalb weniger Tage wieder ausgeschieden. Wer den Kontakt verringert, kann die eigene Belastung also senken. Donghai Liang, rät werdenden Müttern und Familien deshalb, möglichst Produkte zu wählen, die als „phthalatfrei“ gekennzeichnet sind. Hilfreich sei auch ein Blick auf Inhaltsstoffe wie DEP, DBP oder BBzP.
Trasande empfiehlt außerdem, Kunststoff weder in der Mikrowelle zu erhitzen noch möglichst in der Spülmaschine zu reinigen, weil Wärme das Austreten solcher Stoffe begünstigen kann. Auch regelmäßiges Lüften und Staubsaugen kann helfen, da sich Phthalate im Hausstaub anreichern.
Die Debatte endet allerdings nicht bei der Frage, wie bewusst Einzelne einkaufen, kochen oder Produkte auswählen. Sie führt direkt zur Politik. Liang sagt, wirksamer Schutz lasse sich nicht allein durch individuelles Verhalten erreichen. Nötig seien strengere Regeln, sicherere Produkte, bessere Kennzeichnung und mehr staatliche Kontrolle.















