Selbst Apothekerinnen stehen manchmal hinter ihrer Theke und müssen sich das Schmunzeln verkneifen. Denn wenn Patienten angebliche Wundermittel im Internet entdecken, Notfall-Pens an falsche Stellen spritzen oder sich Nasenduschsalz in der heimischen Küche selbst anrühren – dann kommt es in der Apotheke zu skurrilen Situationen.

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Fünf besonders kuriose Fälle schildert Apothekerin Dr. Ina Lucas in ihrer neuen Kolumne „Der gute Rat der Apothekerin“. Über höchst eigenwilliges Desinfektionsspray, Kunden mit blauen Zungen und Bartwuchs-Wundermittel aus der Tiktok-Welt.
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Dr. Ina Lucas: „Ich spreche jeden Tag mit unzähligen Patientinnen und Patienten, berate sie zu Arzneimitteln und kläre sie über Gesundheitsthemen auf. Da bleibt es nicht aus, dass ich ab und zu auch kuriose Fälle erlebe. Ich freue mich, wenn ich im persönlichen Kontakt helfen kann – oder versuche zumindest, Schlimmeres zu vermeiden. Hier fünf Anekdoten aus den letzten Monaten:
Eine Patientin war gegen Bienenstiche allergisch und hatte einen Notfall-Adrenalin-Pen. Den hatte sie auf meinen Rat hin immer dabei. Denn wenn ein anaphylaktischer Schock entsteht, muss man den Kreislauf möglichst schnell mit Adrenalin stabilisieren. Eines Tages wurde die Patientin tatsächlich von einer Biene in den Finger gestochen. In der Hektik setzte sie den Notfall-Pen genau am Stich an – also am Finger. Die Nadel des Pens schoss raus und durchstach den Finger komplett. Glücklicherweise ist nichts Gravierendes passiert, die Patientin ließ sich in einer Rettungsstelle behandeln. Seither kläre ich besonders intensiv zur Nutzung der Adrenalin-Pens auf und weise darauf hin, dass diese nur an eine Stelle injiziert werden dürfen: in den Oberschenkel.
Unsere Expertin
Dr. Ina Lucas ist 42 Jahre alt. Sie ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte sie Pharmazie an der Freien Universität Berlin. Im Anschluss promovierte Dr. Lucas in einer Kooperation zwischen der FU und dem Robert-Koch-Institut zum Thema Resveratrol und dessen Wirkung. Heute betreibt sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Maria Zoschke vier Apotheken in Berlin mit rund 80 Angestellten. Dr. Lucas ist Kammerpräsidentin der Apothekerkammer Berlin sowie Vizepräsidentin der ABDA, der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V..
Ein anderer Notfall, ebenfalls an der Hand: Eine Katzenbesitzerin zeigte mir ihre gerötete und geschwollene Hand. Denn ihre Katze hatte sie gebissen. Da die Patientin kein geeignetes Desinfektionsmittel zur Hand hatte, hatte sie stattdessen Parfum als Ersatz genutzt – und wollte nun von mir ein Desinfektionsmittel haben. Die Infektion war allerdings schon so weit fortgeschritten, dass ich sie direkt in die Klinik geschickt habe. Dort wurde sie mit einem Antibiotikum behandelt. Merke: Parfum ist kein Desinfektionsmittel!
Kunde mit blauer Zunge: Apothekerin greift bei „Wundermittel“ ein
Hausmittel sind bei meinen Patientinnen und Patienten durchaus beliebt. Aber ich höre auch Sonderbares dazu. Ein Patient berichtete mir stolz, dass er seine Nasenspüllösungen selbst anrührt. Mit Speisesalz, Wasser und der Küchenwaage. Ich riet ihm dringend davon ab, am Küchentisch selbstständig Arzneimittel wie Nudelwasser herzustellen.
Denn zwischen einer physiologischen und damit schmerzfreien Nasenspüllösung und einer schmerzhaften über- oder unterdosierten Lösung liegen nur einige Milligramm Einwaage (Gewicht des Salzes, Anm. d. Red.) Unterschied. Das kann man mit der Küchenwaage nicht abwiegen und auch nicht ‚nach Gefühl‘ dosieren wie beim Kochen. Zudem enthält Speisesalz häufig chemische Rieselhilfen, die die Nasenschleimhaut zusätzlich schädigen können.
Spannende Artikel aus der Serie „Der gute Rat der Apothekerin“
Auch die nächste Anekdote wirkt etwas bizarr: In einem verrückten Internet-Hype ging es vor einiger Zeit um den Konsum von Methylenblau. Diesem intensiv blauen Farbstoff wurden zahlreiche wundersame Heilsversprechen angedichtet. Allerdings kann Methylenblau schwere Nebenwirkungen wie Herz-Kreislauf-Probleme verursachen oder Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln auslösen.
Ein älterer Mann erkundigte sich bei mir nach dieser Chemikalie. Er war überzeugt davon, dass das ein Wundermittel für seine Gesundheit sei. Ich riet dringend von der Einnahme ab. Aber er zeigte sich von meinen Warnungen völlig unbeeindruckt, streckte mir schließlich seine leuchtend blaue Zunge entgegen und verließ die Apotheke. Da war selbst ich ausnahmsweise mal sprachlos.
Trend auf Tiktok: Patient erhofft sich dichteren Bart durch Minoxidil
Vor Kurzem kam ein Mann Anfang 20 mit vollem Haarschopf zu mir, der Minoxidil für sich selbst verlangte. Minoxidil ist ein Arzneistoff gegen Haarausfall. Er wollte mit dem Medikament nicht etwa sein Kopfhaar zum Wachsen bringen, sondern erhoffte sich einen stärkeren Bartwuchs – das habe er bei Tiktok gesehen. Ich konnte ihn im Gespräch davon überzeugen, dass das nichts weiter als ein Internettrend und das Medikament nicht dafür zugelassen sei. Schließlich ließ er von seinem Wunsch ab.
Auch das gehört für mich zu guter Beratung dazu: Ich bin in erster Linie Heilberuflerin, erst danach Kauffrau. Für mich kommt die Gesundheit der Patienten immer zuerst. Ich hoffe nicht, dass der junge Mann das Medikament im Nachgang online gekauft hat, wo ihn sicher niemand davon abhält.
Ich liebe meinen Beruf als Apothekerin! Durch den Kontakt zu Patientinnen und Patienten wird es nie langweilig und ich kann so gut wie immer weiterhelfen. Alle Patientinnen und Patienten profitieren davon, dass sie sich in einer Apotheke persönlich beraten lassen können – auch oder vielleicht gerade dann, wenn Gesundheitsversprechen aus der digitalen Welt zwingend einer Einordnung bedürfen.











