Blumen, Pralinen, Dankbarkeit – und am nächsten Tag läuft alles weiter wie zuvor. Der Muttertag feiert ein Ideal, dem viele Mütter längst nicht mehr entsprechen können oder wollen. In dieser Ausgabe unseres Beziehungs-Newsletters „Ein FUNKE Liebe“ beleuchtet unsere Autorin Alina Juravel, warum dieser Tag mehr verklärt als würdigt – und was Mütter stattdessen wirklich brauchen.
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Der 10. Mai naht. Muttertag. Wieder einmal. Und ich gebe es lieber gleich zu: Ich konnte mit diesem Tag noch nie besonders viel anfangen. Es ist einer dieser Feiertage, bei denen ich mich frage, ob wir ihn wirklich noch brauchen – oder ob wir einfach zu bequem sind, ihn abzuschaffen. Ein kollektives Ritual, das irgendwo zwischen schlechtem Gewissen und Blumengeschäfts-Umsatzpeak pendelt. Erfunden wurde das Ganze in Deutschland übrigens nicht aus purer Dankbarkeit, sondern 1923 vom Verband der Blumenhändler. Und als hätte das noch nicht gereicht, machten die Nazis ab 1933 daraus einen offiziellen Feiertag und ein ideologisches Werkzeug – inklusive Mutterkreuz und der Verklärung einer Rolle, die Frauen vor allem auf Gebären und Aufopferung reduzierte.
- Altersunterschied: Mein Mann ist 14 Jahre jünger: „Andere Frauen waren ihm zu doof“
- Sexualität: Jungfrau und Single Mitte 30: „Ich habe Angst, dass ich alleine ende“
- Stille Geburt: Sternenkind: „Unser Sohn war gesund – und trotzdem starb er“
- Familie: Überforderter Vater: „Bin an meinen Ansprüchen gescheitert“
Man könnte sagen: kein besonders unschuldiger Ursprung für einen Tag, der heute so harmlos daherkommt.
Und doch klebt dieses alte Rollenbild noch immer an ihm wie der Zuckerguss auf der Muttertagstorte. Es lebt weiter in Werbespots, in denen Mütter lächelnd am Frühstückstisch sitzen, während die Familie ihnen einmal im Jahr symbolisch „Danke“ sagt – bevor am Montag wieder alles beim Alten ist.

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Es lebt weiter in Geschenken, die so tun, als ließe sich Care-Arbeit mit Duftkerzen oder Blumensträußen aus Nudeln kompensieren. Wer ernsthaft glaubt, dass ein schiefer Penne-Blumenstrauß mit der Aufschrift „Mama, du kochst am besten“ die Lebensrealität von Müttern trifft, hat entweder einen zweifelhaften Humor – oder keine Ahnung.
Was Mütter wirklich wollen und brauchen, das passt in keine Geschenkbox
Denn spätestens seit ich selbst Mutter bin, weiß ich: Was Mütter brauchen, passt in keine Geschenkbox. Es ist nicht materiell, nicht kitschig und schon gar nicht einmal im Jahr erledigt. Mütter brauchen Zeit. Pausen. Unterstützung. Und vor allem: echte Anerkennung. Nicht als Geste, sondern als Haltung.
Denn das, was Mütter jeden Tag leisten, ist enorm. Sie sind emotionale Anker, Organisationszentralen, Krisenmanagerinnen und oft genug auch die stillen Rückgrate ganzer Familien. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist dabei keine Nebensache, sondern prägt, wie wir die Welt sehen: ob wir vertrauen können, ob wir uns sicher fühlen, ob wir uns selbst etwas zutrauen.

Ich habe in dieser Hinsicht großes Glück gehabt. Meine Mutter war alleinerziehend – und stärker, als sie selbst wahrscheinlich je behaupten würde. Sie hat mir beigebracht, an mich zu glauben, mich selbst zu lieben und mich nicht von äußeren Erwartungen definieren zu lassen. Und sie hat mir früh gezeigt, wie entscheidend finanzielle Unabhängigkeit ist. Dieses Fundament trägt mich bis heute. Meine Mutter und mich verbindet ein enges, liebevolles Verhältnis.
Mutter-Kind-Beziehung ist oft kompliziert, manchmal sogar zerstörerisch
Aber es wäre naiv zu glauben, dass das selbstverständlich ist. Für viele Menschen ist die Beziehung zur eigenen Mutter kompliziert, schmerzhaft oder sogar zerstörerisch. Der Muttertag blendet das konsequent aus. Er kennt nur das Ideal – nicht die Brüche. Die Psychologin und Autorin Stefanie Stahl bringt es auf den Punkt: „Wenn eine eigene Mutter einen nicht lieb hat, dann ist das wirklich eine schwere Bürde für das ganze Leben.“
Mich hat es erschüttert, die Geschichte von Bärbel zu lesen. Obwohl sie bereits 54 Jahre alt ist, prägt die toxische Beziehung zu ihrer Mutter sie bis heute. Denn ihre Mutter bestrafte Bärbel mit Schweigen. Der Fachbegriff dafür lautet Silent Treatment (Schweigebehandlung). Wie belastend es für Bärbel war und warum sie erst mit 51 Jahren bereit war, ihre Erlebnisse in einer Psychotherapie aufzuarbeiten, hat sie meiner Kollegin Marta Ways erzählt. Hier können Sie ihre beeindruckende Geschichte lesen.

Auch Julia kämpfte vergeblich um die Liebe ihrer Mutter. Als sie mit 19 Jahren die Praxis der Berliner Psychotherapeutin Lisa Zimmermann betritt, ist sie am Ende ihrer Kräfte. Sie steht kurz vor ihrem Abitur, schläft kaum, leidet unter Panikattacken und hat das Gefühl, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Alles habe zunächst wie ein Generationenkonflikt zwischen der Schülerin und ihren Eltern ausgesehen, erinnert sich Zimmermann. Doch dann zeigt sich: Es ging um die Beziehung einer narzisstischen Mutter zu ihrer mittlerweile erwachsenen Tochter. Die Therapeutin erklärt hier die Warnzeichen für narzisstisches Verhalten in Familien – und zeigt auf, warum ein „klassisches Happy End“ oft nicht möglich ist.
Mutterschaft bedeutet nicht nur Liebe und Fürsorge, sondern auch Überforderung
Was mich am Muttertag auch stört, ist die moralische Überhöhung von Mutterschaft. Dieses unterschwellige Ideal, demzufolge Mütter bitte immer liebevoll, geduldig und dankbar zu sein haben – egal, wie erschöpft sie sind. Wer diesem Anspruch nicht gerecht wird, wer zweifelt, hadert oder schlicht überfordert ist, gilt schnell als undankbar oder als „schlechte Mutter“. Dabei ist längst belegt, dass Mutterschaft auch krankmachen kann. Nicht im übertragenen Sinn, sondern ganz real: psychische Erschöpfung, Depressionen, Überlastung. Das zeigt auch der Fall von Britta Scheufens. Sie erlebte nach der Geburt ihrer Tochter eine schwere Depression, die sie an den Rand der Verzweiflung brachte. Ihre beeindruckende Geschichte und wie sie aus der Depression wieder herausfand, können Sie hier lesen.
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Vielleicht sollten wir also aufhören, den Muttertag als Wohlfühlritual zu inszenieren. Und stattdessen anfangen, ehrlicher hinzuschauen. Mutterschaft ist nicht nur Liebe und Fürsorge – sie ist auch Überforderung, Unsichtbarkeit und strukturelle Ungleichheit. Wenn wir Mütter wirklich würdigen wollen, dann reicht kein Sonntag im Mai. Auch wenn ich persönlich also wenig vom Muttertag halte, möchte ich doch jetzt schon jeder Mama sagen: Du machst einen tollen Job! Lass dir nichts anderes einreden.
Und wie sieht es bei Ihnen aus? Hatten Sie das Glück, eine gute Beziehung zu Ihrer Mutter zu haben oder war das Verhältnis eher toxisch? Erzählen Sie es mir gerne. Ich freue mich drauf! Und wenn Sie Kritik haben oder Anregungen, können Sie mir jederzeit eine Mail an alina.juravel@funkemedien.de schreiben.
Alles Liebe,
Alina Juravel
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PPS: Und hier noch eine besondere Hörempfehlung für Sie: Im neuen FUNKE-Podcast „Länger Leben“ spricht meine Kollegin Natalja Fischer mit dem Mediziner und Longevity-Experten Dr. Felix Bertram darüber, wie wir uns möglichst lange gesund halten. Neue Folgen erscheinen jeden Mittwoch, überall, wo es Podcasts gibt. Hier kommen Sie zur ersten Folge.








