Wer vor dem Gillette-Werk an der Oberlandstraße steht, sieht zunächst kein glänzendes Technikzentrum. Man sieht rote Klinker, schwere Formen, einen Eingangsbereich aus Stein, ein Gebäude mit Geschichte. Die Stadtautobahn ist nicht weit, das Tempelhofer Feld liegt nördlich davon, die Umgebung ist bis heute industriell geprägt. Zwischen Lagerhallen, Gewerbehöfen und Verkehr steht eine Fabrik, die seit Jahrzehnten zum Stadtteil gehört – und die doch kaum jemand von innen kennt.

Drinnen ändert sich der Eindruck schnell. Hinter der denkmalgeschützten Fassade beginnt eine Welt aus Glas, Metall, Fördertechnik, Sensoren und präzise getakteten Abläufen. Maschinen schneiden, schleifen, härten, beschichten und kontrollieren Klingen, die später in Badezimmern auf mehreren Kontinenten landen. Draußen ein Berliner Industriebau der 1930er-Jahre, drinnen eine hochautomatisierte Fertigung, die sich eher nach globalem Technologiestandort anfühlt als nach klassischer Fabrikhalle.

Das Gillette-Werk in Tempelhof ist nicht irgendein Standort. Nach Angaben des Unternehmens ist Berlin nach Boston das zweitgrößte Produktionszentrum der Marke. Rund die Hälfte der Premium-Klingen weltweit kommt aus Tempelhof. Offiziell gehört der Standort heute zu Procter & Gamble, doch der Name Gillette prägt weiter das Bild an der Oberlandstraße.

Hightech-Tradition mit Berliner Wurzeln

Die Geschichte des Werks beginnt nicht in den USA, sondern in Berlin. Ende des 19. Jahrhunderts gründete Hugo Büchner eine mechanische Werkstatt, später kam Otto Roth mit einer eigenen Fabrik hinzu. 1925 entstand daraus die Roth-Büchner AG. Ein Jahr später übernahm Gillette die Aktienmehrheit. Die Berliner „Rotbart“-Klinge war damals so bekannt, dass sie noch Jahrzehnte weiterproduziert wurde.

Das Produktionsgebäude in der Oberlandstraße wurde oft umgebaut und erweitert. Ein holzvertäfeltes Atrium blieb im Altbau erhalten. Von hier aus gelangte der Werksleiter einst in seine Dienstwohnung.
Das Produktionsgebäude in der Oberlandstraße wurde oft umgebaut und erweitert. Ein holzvertäfeltes Atrium blieb im Altbau erhalten. Von hier aus gelangte der Werksleiter einst in seine Dienstwohnung.© BMO

Der heutige historische Bau wurde 1937 fertiggestellt. Der Architekt Paul Renner entwarf eine Fabrikanlage, die zweckmäßig und repräsentativ zugleich sein sollte. Rote Klinkerfassade, markanter Eingangsbereich, eine große Shedhalle und mehrgeschossige Gebäudeteile prägen das Ensemble. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Wer durch den Eingang geht, spürt den Anspruch einer Zeit, in der Industriearchitektur nicht nur funktionieren, sondern auch Macht und Dauerhaftigkeit zeigen sollte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein großer Teil der Produktionsanlagen demontiert. Trotzdem nahm das Werk 1948 wieder die Arbeit auf – zunächst mit 250 Beschäftigten. In den folgenden Jahrzehnten wuchs der Standort, wurde umgebaut, erweitert und modernisiert. Heute ist von der alten Fabrik noch viel sichtbar. Zugleich hat sich das Innenleben mehrfach erneuert.

Wo aus Stahl hauchdünne Klingen werden

Im Kern geht es in Tempelhof um Präzision. Aus Stahl entstehen Klingen, deren Material nur Bruchteile eines Millimeters dick ist. Danach folgen weitere Schritte: Härten, Beschichten, Veredeln. Platin, Teflon und eine harte Kohlenstoffschicht spielen dabei eine Rolle. Bei modernen Premium-Klingen kommt eine sogenannte DLC-Beschichtung zum Einsatz – DLC steht für „Diamond-Like Carbon“.

Mitarbeiterin Claudia Hernandez Ponce erläutert den Herstellungsprozess. Im Tempelhofer Werk arbeiten heute 600 Menschen aus 28 Nationen.
Mitarbeiterin Claudia Hernandez Ponce erläutert den Herstellungsprozess. Im Tempelhofer Werk arbeiten heute 600 Menschen aus 28 Nationen.© BMO

Solche Angaben klingen abstrakt, bis man die Fertigung sieht. Die Klingen laufen nicht als fertiges Produkt durch eine einzelne Maschine. Sie durchlaufen zahlreiche Stationen. Jede verändert ein Detail: Kanten, Oberfläche, Härte, Gleitverhalten. Am Ende geht es um wenige Mikrometer und um eine Frage, die beim Rasieren jeder kennt: Schneidet die Klinge sauber, ohne die Haut unnötig zu reizen?

Das Werk produziert nicht nur Klingen, sondern entwickelt auch einen Teil der Maschinen selbst. Diese Eigenentwicklung ist für den Standort entscheidend. Sie macht die Fertigung schwer kopierbar und bindet viel Know-how an Berlin.

Premium-Produkte aus Tempelhof

Berlin ist innerhalb des Konzerns vor allem ein Standort für hochwertige Klingen. Dazu gehören Produktlinien wie Fusion, ProGlide, SkinGuard und inzwischen auch GilletteLabs. Die neuere Labs-Produktion läuft seit Frühjahr 2025 in Tempelhof. Nach Unternehmensangaben ist das die aktuell fortschrittlichste Premium-Linie der Marke.

Beim Rundgang fällt auf, wie wenig die Fertigung mit dem Bild einer klassischen Handarbeit zu tun hat. Menschen überwachen, prüfen, warten, greifen ein. Die eigentliche Produktion läuft weitgehend maschinell. Gleichzeitig ist der Standort nicht anonym. In den Abteilungen arbeiten Fachkräfte, die Anlagen kennen, Fehlerbilder erkennen, Material beurteilen und Abläufe verbessern. Hightech heißt hier nicht, dass Menschen verschwinden. Es heißt, dass ihre Arbeit sich verändert hat.

Das ist auch eine lokale Industriegeschichte. Berlin wird oft über Start-ups, Verwaltung, Kultur, Wissenschaft und Dienstleistungen erzählt. Das Gillette-Werk zeigt eine andere Seite der Stadt: produzierendes Gewerbe, Export, Schichtarbeit, Tarifpolitik, Ingenieurwissen. In Tempelhof entstehen keine Apps, sondern physische Produkte, die jeden Tag in großen Mengen gebraucht werden.

Keine Klinge ohne Fassung: Für die Montage werden die Kunststoffteile in die Maschine gehoben.
Keine Klinge ohne Fassung: Für die Montage werden die Kunststoffteile in die Maschine gehoben.© BMO

Vier-Tage-Woche und automatische Nachtschicht

Besonders deutlich wird der Wandel beim Arbeitszeitmodell. Seit Juli 2024 arbeitet das Werk mit einem Zweischichtsystem und einer autonomen Nachtschicht. Die Frühschicht läuft von 5 bis 15 Uhr, die Spätschicht von 15 bis 1 Uhr. Danach produzieren Anlagen zwischen 1 und 5 Uhr automatisiert weiter – ohne Beschäftigte in der Nachtschicht. Die Wochenarbeitszeit bleibt bei 36 Stunden, verteilt auf vier statt fünf Arbeitstage. Für viele Beschäftigte bedeutet das regelmäßig ein verlängertes Wochenende.

Das Modell ist mehr als ein Experiment zur besseren Vereinbarkeit. Es ist Teil eines Tarifvertrags und eines Standortpakets. Der Betriebsrat und die IG Metall haben das Modell mitentwickelt.

Automatisierung sichert in Tempelhof offenbar Wettbewerbsfähigkeit – aber sie zeigt auch, unter welchem Druck industrielle Standorte in einer teuren Stadt stehen. In früheren Jahrzehnten arbeiteten deutlich mehr Menschen im Werk. Heute ist die Belegschaft kleiner, die Anlagen sind leistungsfähiger, die Prozesse stärker automatisiert. Das ist kein Berliner Sonderfall, sondern ein Muster moderner Industrie.

Roboter transportieren unentwegte Material und fertige Produkte durch die Hallen.
Roboter transportieren unentwegte Material und fertige Produkte durch die Hallen.© BMO

Standort mit Konkurrenzdruck

Das Werk hat mehrere Standortdebatten hinter sich. In der Vergangenheit standen Investitionen, Zugeständnisse und mögliche Produktionsverlagerungen immer wieder im Raum. Besonders das Schwesterwerk im polnischen Łódź spielte in Tarifgesprächen eine Rolle. Teile der Produktion wurden verlagert, zugleich investierte der Konzern weiter in Berlin.

Für Tempelhof spricht das Know-how. Wer Produktionsmaschinen selbst entwickelt, spezialisierte Fachkräfte beschäftigt und komplexe Premium-Klingen fertigt, kann nicht beliebig verlagern, ohne Fähigkeiten zu verlieren. Trotzdem bleibt der Standort Teil eines globalen Konzerns, der Kosten, Kapazitäten und Investitionen international vergleicht.

Eine Fabrik, die sich mit der Bartmode verändert

Auch der Markt selbst verändert sich. Die Nassrasur ist nicht mehr so selbstverständlich wie in früheren Jahrzehnten. Bärte sind sichtbarer geworden, Abo-Anbieter und Konkurrenzmarken machen Druck, Körperrasur hat zugleich an Bedeutung gewonnen. Werksleiter Christoph Reif ordnet das so ein, dass sich Gillette auf solche Veränderungen einstellen müsse: weniger klassische Nassrasur bei manchen Männern, mehr Nachfrage in anderen Bereichen.

Für das Werk bedeutet das: Produkte ändern sich, Linien werden umgebaut, neue Technologien kommen hinzu. Früher stand die Rotbart-Klinge für Berlin. Heute sind es Premium-Systemklingen, beschichtete Schneiden, Gleitstreifen, neue Klingenprofile und automatisierte Qualitätssicherung.

Ob der Weihnachtsmann, hier an einer Wand als Pfefferkuchengesicht verewigt, zu den Zielkunden des Unternehmens gehört, bleibt offen.
Ob der Weihnachtsmann, hier an einer Wand als Pfefferkuchengesicht verewigt, zu den Zielkunden des Unternehmens gehört, bleibt offen.© BMO

Berliner Industrie hinter verschlossenen Türen

Viele Berliner kennen das Gebäude an der Oberlandstraße nur im Vorbeifahren. Dabei erzählt es viel über die Stadt. Es steht für eine Zeit, in der Tempelhof stark industriell geprägt war. Es steht für den Wiederaufbau nach dem Krieg. Es steht für Globalisierung. Und es steht für eine Gegenwart, in der Industrie nicht verschwunden ist, sondern sich hinter historischen Fassaden neu organisiert hat.

Das Gebäude wirkt schwer, alt, beinahe unbeweglich. Die Produktion darin ist das Gegenteil. Sie ist fein, schnell, automatisiert, ständig auf Anpassung ausgelegt. In einer Stadt, die ihre industrielle Basis oft weniger beachtet als ihre Neubauquartiere und Kulturorte, ist das Werk ein bemerkenswerter Ort.

An der Oberlandstraße wird nicht einfach ein Markenprodukt hergestellt. Dort wird sichtbar, wie Berliner Industrie im Jahr 2026 aussieht: weniger laut als früher, stärker automatisiert, enger mit globalen Märkten verbunden – aber noch immer mitten in der Stadt.